Gesundheit : „Heilpflanzen sind ein Teil der Menschheitsgeschichte“

Der Naturheil-Experte Reinhard Saller über die besonderen Möglichkeiten der Pflanzenmedizin – und die Risiken

-

REINHARD SALLER ist Experte für Naturheilkunde und Komplementärmedizin an der Universität Zürich.

Herr Professor Saller, Skeptiker halten es für schwer vorstellbar, dass bei pflanzlichen Mitteln weniger die Einzelsubstanzen, sondern vor allem die Kombination der Pflanzeninhaltsstoffe wirkt.

Das ist eigentlich gar nicht so schwer verständlich, denn bei jedem Mittagessen nehmen Sie ungefähr 5000 verschiedene Substanzen ein. Diese Kombination wirkt und erhält Leben. Bei pflanzlichen Mitteln ist das vergleichbar: Sie haben hier eine Fülle von Inhaltsstoffen und dazu noch ihre Wechselwirkungen. Als Behandlungsform hat das schon 30000 bis 40000 Jahre lang Bedeutung in der Menschheitsgeschichte, während Einzelsubstanzen relativ neu sind. Es gehört zum Wesen der Phytotherapeutika, dass sie pflanzliche Vielstoffgemische darstellen.

Auch die Wirkungen sollen vielfältig sein. Aber kann man es als seriöses Versprechen ansehen, wenn ein Kraut gegen 100 Beschwerden helfen soll?

Pflanzliche Medikamente haben eine lange Geschichte, in verschiedenen Kulturen haben dabei unterschiedliche Gesichtspunkte eine Rolle gespielt. So wurde in osteuropäischen Ländern Johanniskraut äußerlich angewandt, es wirkte gegen Bakterien und Jucken. Diese Anwendungen waren bei uns weitgehend unbekannt. Es ist faszinierend, wie heute die Traditionslinien zusammenlaufen und das Spektrum schon dadurch breiter wird. Dazu kommt, dass man Krankheiten auch unterschiedlich betrachten kann: In den letzten 100 Jahren wurden sie vor allem als pathophysiologisch fassbare Einheiten gesehen. Betrachtet man Krankheiten aber im Hinblick auf die Veränderungen, die sie für den ganzen Menschen bedeuten, so gerät eine Vielzahl von Beschwerden und Symptomen in den Blick. Die Frage ist: Kann man durch eine kluge Auswahl der Symptome, die behandelt werden sollen, das Befinden des Menschen verbessern?

Und wenn das klappt, hat es mit der vielbeschworenen Harmonie zwischen Heilpflanze und Mensch zu tun?

Der Begriff ist problematisch: Im Umgang mit Krankheit brauchen wir alles Mögliche, aber Harmonie relativ selten. Wenn man bei einem „starren“ kranken Menschen etwas ändern will, ist sie sogar kontraproduktiv. Aber dahinter steckt auch die Vorstellung, dass sich Pflanzen gemeinsam mit dem Menschen entwickelt haben, wir haben eine koevolutionäre Beziehung. Menschliche Stoffwechselwege haben sich ausgebildet im Zusammenspiel mit Nahrung und pflanzlichen Heilmitteln. Da darf man sicher spekulieren, dass in den Vielstoffgemischen ein Moment von Verträglichkeit liegt. Dazu kommt, dass wir in der Menschheitsgeschichte die Pflanzen ausgewählt haben, die für uns zuträglich waren, wir haben sie angebaut und beim Züchten bestimmte Klone bevorzugt.

Aber auch Phytopharmaka haben doch Nebenwirkungen und unerwünschte Wechselwirkungen!

Selbstverständlich, sie sind Arzneimittel wie andere auch, mit erwünschten und auch mit ganz klar unerwünschten Wirkungen. Allerdings sind die bei Vielstoffgemischen deutlich niedriger. Wir konnten in Studien ganz gut zeigen: Je mehr man auf Einzelsubstanzen zurückgeht, umso mehr steht auch die Toxizität im Vordergrund. Prinzipiell muss man zwischen zugelassenen, registrierten Arzneimitteln und den riskanten Präparaten unklarer Herkunft unterscheiden. Und auch Mittel, die aus selbst gesammelten Pflanzen gewonnen werden, bergen Gefahren. Dass es Wechselwirkungen mit anderen Mitteln gibt, finde ich überhaupt nicht überraschend. Hier müssen sich die Beipackzettel verändern, aber auch das Bewusstsein der Konsumenten: Wenn man vom Arzt ein Medikament verordnet bekommt, sollte man mit ihm besprechen, welche pflanzlichen Mittel man schon nimmt. Auch in der Schwangerschaft und Stillzeit ist das wichtig. Die Hauptgefahr liegt aber sicher in der unangemessenen Anwendung von pflanzlichen Mitteln bei schweren Erkrankungen.

Welche Ideen haben Sie für die Forschung?

Mich interessiert die Frage, ob und wie man mit Pflanzen im Alter die Vitalität modulieren kann. Bei alten Menschen sind die Übergänge zwischen Wachen und Schlafen viel langsamer, das absorbiert viel Energie. Kann man hier mit pflanzlichen Tonika eingreifen? Leider gehen nur 0,1 Prozent der öffentlichen Mittel für die Medizinforschung in die Natur- und Komplementärmedizin.

Die Fragen stellte Adelheid Müller-Lissner.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben