HeilSTÄTTEN : Das heimliche Herz Kreuzbergs

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Das Urban-Krankenhaus ist ein Ort der Gegensätze. Am Haupteingang des Kreuzberger Klinikums trifft man zu fast jeder Tageszeit rauchende Gestalten, die nichts mit den Kreuzberger Hipstern und ökologisch-korrekten Bildungsbürgern gemeinsam haben, die den Kiez rund ums Krankenhaus sonst bevölkern. Stattdessen magere Frauen in billigen Kapuzenjacken mit tiefen Augenringen und beleibte Männer mit Vokuhila, Schnauzbart und Adiletten. Manche schieben einen Tropf mit Nährlösung. Anderen sieht man nur an den Pantoffeln an, dass sie zu den 56 000 Patienten gehören, die hier jährlich in einer von zwölf medizinischen Fachabteilungen behandelt werden – 32 000 davon ambulant. Vor allem die zentrale Notaufnahme ist seit Jahrzehnten berühmt-berüchtigt. „Isch hau disch Urban“, lautet ein einschlägiger Spruch im Kiez. Jeder Kreuzberger kennt eine Geschichte aus der Notaufnahme – zum Beispiel die des aggressiven Patienten mit verstauchtem Knöchel, der vor ein paar Jahren einen Pfleger mit dem Messer angriff.

Aber die Gentrifizierung hat einiges verändert. Immer mehr der 1200 Babys, die hier jedes Jahr zur Welt kommen, gehören zu jungen Kreuzberger Akademikerfamilien. Den meisten macht es nichts aus, dass die Kreißsäle keine Fenster haben, weil sie nachträglich in die unteren Etagen des denkmalgeschützen grauen Betonklotzes eingebaut wurden. Wie in einem Bunker fühlt man sich hier. Dafür schweift der Blick aus den meisten Patientenzimmern weiter oben spektakulär über die Stadt. Vielleicht hat das ja schon einigen bei der Genesung geholfen.

Ein paar hundert Meter vom Haupteingang entfernt Richtung Graefestraße offenbart sich sowohl die Vergangenheit als auch die gentrifizierte Gegenwart und Zukunft des Kiezes: Dort stehen frisch saniert die hübschen zweistöckigen Altbauten aus beigem Klinker, in denen das Krankenhaus untergebracht war, bevor es 1970 in den grauen Bau am Urbanhafen umzog. Die Altbauten sind mit einer posthumen Spende von Wilhelmine Eleonore Ottilie Beschort erbaut worden. Sie starb 1862 und stiftete in ihrem Testament 400 000 Mark für den Bau eines Krankenhauses. 1890 wurde es eingeweiht – und später berühmt, weil Alfred Döblin hier von 1908 bis 1911 arbeitete. Mit seiner Heirat verlor er seine Stelle. Assistenzärzte, die im Krankenhaus wohnten, mussten unverheiratet bleiben.

1945 waren 30 Prozent der alten Gebäude zerstört. Heute wohnen dort Familien, auf dem Rasen steht ein Trampolin, in der ehemaligen Krankenhauskapelle finden Ausstellungen und Yogakurse statt. Eine schwarze Katze hat das Gelände als Revier entdeckt. Bestimmt schaut sie auch mal bei den Rauchern am Haupteingang vorbei. Daniela Martens

VIVANTES-KLINIKUM AM URBAN

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