HeilSTÄTTEN : Wildgänse in Weißensee

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Wer die Sommerferien in der Stadt verbringt, kann mit der Tram hierher zum Baden fahren. Kein Wunder, dass der Kiez gleich hinter Prenzlauer Berg als Wohngegend immer beliebter wird. Vor 120 Jahren, als die barmherzigen Brüder des Heiligen Alexius nur ein paar Gehminuten vom Weißen See entfernt die „St.-Joseph-Heilanstalt für gemüts- und nervenkranke Herren“ gründeten, lag Weißensee noch weit draußen. Es passte ins Konzept der Behandlung von „Gemütskrankheiten“, Kliniken abseits der Städte anzusiedeln. So entstand der imposante symmetrische Backsteinriegel – Grundsteinlegung 1891 – mit den drei Dächern an der Stelle eines Bauerngehöfts. Er war von Feldern umgeben: Selbstversorgung als Arbeitstherapie.

Vor dem Eingang will der Glaskünstler Ralf Schmitt Gründerzeit zeit-Architektur und Moderne, christliches und fernöstliches Denken verbinden. Er lässt in Giftgrün vor der alten Backsteinfassade Wörter aufleuchten, die sich zu Sätzen formen: Die Wildgans zieht allmählich der Hochebene – dem Ufer – dem Felsen – dem Baum – dem Gipfel zu. Eine Beschwörung der heilenden Kraft von Geduld und Beharrlichkeit.

Das könnte auch für den Bau selbst gelten. Nach der Wende wurde er saniert und erweitert und bekam das Gütesiegel „Energie sparendes Krankenhaus“. Statt landwirtschaftlicher Flächen steht auf dem Gelände dahinter ein Pflegeheim. „Abends spielen die Kinder aus dem angrenzenden Wohngebiet hier“, erzählt Iris Hauth, Ärztliche Direktorin des Krankenhauses und Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und der Klinik für Suchtmedizin. Daneben umfasst das St.-Joseph-Krankenhaus Weißensee – nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter in Tempelhof – eine Klinik für Neurologie mit zwei Zentren für Parkinson und Multiple Sklerose.

Die Alexianer nahmen schon im 17. Jahrhundert die „Geisteskranken“ auf. Aber 1940 hatte auch der Widerstand der Ordensbrüder nicht verhindern können, dass über 200 psychisch Kranke deportiert wurden. Nach dem Mauerbau war das Krankenhaus vom rheinischen Schwerpunkt des Ordens abgeschnitten. Es wurde vom Berliner Bischöflichen Ordinariat übernommen und zur einzigen katholischen Nervenklinik der DDR.

Der Komplex hat viel Grün, Glas und Licht, alles wirkt freundlich. Das macht die medizinischen Probleme nicht kleiner: Wo es in den 20er Jahren eine große Abteilung für „Morphinisten“ gab, werden auch heute Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen behandelt. Man konnte es im Film „Sommer vorm Balkon“ sehen – Andreas Dresen hat ihn 2004 hier gedreht.Adelheid Müller-Lissner

ST.-JOSEPH-KRANKENHAUS

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