Gesundheit : Heilung durch Nähe

Am Helios Klinikum in Buch wurde gerade Richtfest für ein neues „Elternhaus“ gefeiert Dort können Familien, deren Kinder schwer krank sind, wohnen – und Unterstützung erfahren.

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Auch einen Rohbau kann man heimelig gestalten: Große Lüftungsrohre pumpen Wärme ins Innere, an den blanken Betonwänden hängen Tannenäste und Elchköpfe aus Stoff, Musik kommt aus den Lautsprechern: „Now it’s Christmas time“. Es gibt Punsch, und das Essen dampft in den Kesseln.

Hier in Buch, im äußersten Norden der Stadt, wird Richtfest für ein neues „Elternhaus“ gefeiert: Es wird zur Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Helios Klinikums Berlin-Buch gehören. Künftig können Familien, deren schwer kranke Kinder dort behandelt werden, in diesem Haus eine Zeit lang wohnen. Das rettet einerseits so manche Familie vor dem Auseinanderbrechen, andererseits beschleunigt es auch direkt die Heilung: Eine Studie der Universität Groningen hat herausgefunden, dass Kinder um ein Drittel schneller gesund werden, wenn eine wichtige Bezugsperson in der Nähe ist. Und viele der Kinder kommen nicht aus Berlin, sondern aus anderen Teilen des Landes.

„Wir behandeln zwar auch ganz normale Kinderkrankheiten wie Lungenentzündung, Bronchitis und Darmgrippe“, sagt Lothar Schweigerer, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, „aber unsere historisch gewachsenen Schwerpunkte liegen auf den chronischen Erkrankungen.“ Also auf Krankheiten, die nicht in ein paar Wochen abgeheilt sind, sondern eine manchmal mehrjährige Behandlung erfordern. Rund 50 Prozent der Kinder bei Helios in Buch sind chronisch krank. Sie wurden etwa zu früh geboren und müssen deshalb über einen langen Zeitraum beobachtet werden. Andere haben Rheuma, die angeborene Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose oder psychosomatische Erkrankungen, die keine organischen, sondern seelische Ursachen haben. Sehr viel Raum nimmt der fünfte Bereich ein: Krebserkrankungen wie Leukämie oder bösartige Hirntumore. Nach eigenen Angaben behandelt allein die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Buch rund drei Prozent aller krebskranken Kinder in Deutschland.

Gerade diese Kinder müssen häufig über Jahre hinweg immer wieder für längere Phasen in die Klinik. Die Eltern bleiben in dieser Zeit in ihrer Nähe, sitzen am Krankenbett, nehmen sich ein Hotel im Umland. Das geht ins Geld. Die extremen seelischen Belastungen durch die Krankheit des Kindes, die finanziellen Sorgen, die langen Phasen der Trennung und die Angst um den Arbeitsplatz führen dazu, dass viele Ehen zerbrechen. „Ein Drittel der Familien, in denen ein Kind Krebs hat, brechen während oder nach der Behandlung auseinander“, sagt Lothar Schweigerer.

Hier setzt das Konzept des Elternhauses an. Schweigerer nennt es eine „Zuflucht“, eine „Burg“. Das Gebäude – es besteht eigentlich aus drei Häusern – bietet Apartments für bis zu 15 Familien. Es ist fußläufig zur Kinderklinik angesiedelt, so dass Eltern und Geschwisterkinder am Abend dorthin zurückkehren und in angenehmer, behaglicher Atmosphäre wohnen können. Die Fassade soll mit Holz verkleidet werden, auch das Innere wird entsprechend warm und freundlich gestaltet, mit einem Kaminzimmer, einem Fernsehzimmer, einer Bibliothek, einem Fitnessraum und einem großen Fenster, das sich zur Südseite, in den Wald hinein, öffnet. „Man wird die Tür hinter sich zumachen und in eine andere Welt eintreten“, sagt Schweigerer. Und Architekt Christian von Oppen erklärt: „Es wird auch einen Raum der Stille geben, in den sich Eltern zurückziehen können. Das ist vor allem dann wichtig, wenn die Behandlung der Kinder Rückschläge erleidet.“ Von Oppen, der früher in Norman Fosters inzwischen geschlossenem Berliner Büro gearbeitet hat, ist dankbar darüber, etwas machen zu können, „was direkt mit den Menschen zu tun hat. Vorher habe ich Hochhäuser in Abu Dhabi geplant, die ich nie selbst gesehen habe. Das war eine sehr abstrakte Tätigkeit.“

Was es im „Elternhaus“ nicht geben wird: eigene Küchen für jedes Apartment. Sondern nur eine Gemeinschaftsküche. So sollen die Eltern auf sanfte Weise gezwungen werden, sich nicht in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, sondern in Austausch zu treten mit den anderen Eltern. „Das wird eine einzigartige Gemeinschaft“, sagt Renate Gerlach, die das Haus leitet, „denn alle haben dieselben Sorgen. Aber zu sehen, dass man nicht alleine ist, relativiert das eigene Schicksal.“ Daneben wird ein Psychologe auf die Eltern achten. Auch Fahrräder und ein Kulturprogramm sollen angeboten werden – als kleiner Ersatz für die vielen Theater- und Kinobesuche, die die Eltern jahrelang nicht machen können.

Der Aufenthalt im Elternhaus kostet 20 Euro pro Nacht, die die Krankenkassen in der Regel erstatten. Betrieben wird das Haus nicht von Helios selbst, sondern von der McDonald’s Kinderhilfe, die einen großen Teil der Baukosten übernommen hat. Die Stiftung, 1974 in den USA und 1987 in Deutschland gegründet, sagt von sich, dass sie organisatorisch unabhängig vom McDonald’s-Konzern sei. Sie finanziert sich durch Spenden. In den kleinen Plastikhäuschen, die in vielen Restaurants der Kette an der Kasse aufgestellt sind, werden jährlich 7,1 Millionen Euro gesammelt, außerdem führen viele Restaurants freiwillig ein Promille des Umsatzes ab. In Deutschland betreibt die Stiftung 17 Elternhäuser für Angehörige schwer kranker Kinder. Eines davon steht in Wedding, das Bucher Haus wird das zweite in Berlin sein. „Nachdem ich die Idee für dieses Haus entwickelt hatte, habe ich mit meinen Chefarztkollegen bei der Stiftung einen Antrag gestellt“, sagt Lothar Schweigerer.

Maren Otto, Ehefrau des Versandhandelgründers Werner Otto, ist Schirmherrin des Projekts, sie hat einen sechsstelligen Betrag dazugegeben. Der zweite Schirmherr, Schauspieler Matthias Schweighöfer, wird eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, Spenden für den Unterhalt einzusammeln. Aber schon jetzt, beim Richtfest, ist er der Star, auf den alle geladenen Gäste warten, besonders natürlich die Kleinen. Ja, auch sein Kind sei schon einmal krank gewesen, erzählt er, das Kind eines Bekannten sogar schwer. Er könne sich also gut einfühlen.

Draußen spielen inzwischen die Brandenburgischen Parforcebläser und der Berliner Jagdhornbläserkreis – in Jägermontur, um zu betonen, dass dieses Haus ein Waldhaus sein wird. Dann ziehen die Zimmerleute den Richtkranz hoch. Der Wind pfeift durch die rahmenlosen Fenster. Noch ist es kalt und zugig im Haus. Die Wärme kommt erst später.

Informationen zur Behandlung von schwer kranken Kindern unter www.gesundheitsberater-berlin.de

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