Gesundheit : Heilung

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

-

Wunderliches ist seit vergangener Woche im Medizinhistorischen Museum der Charité am Hamburger Bahnhof zu besichtigen. Ein Stockwerk über den berühmten anatomischen Präparaten Rudolf Virchows, für deren Betrachtung man kein Hypochonder sein darf, ist eine Ausstellung unter dem Titel „Wunderheilungen in der Antike“ aufgebaut. Man kann dort nicht nur Darstellungen des griechischen Heilgottes Asklepios in Augenschein nehmen, sondern auch lernen, dass man in seinen Tempelanlagen über Nacht im Schlaf gesund werden konnte. In einem Ausstellungsraum ist eine Schlafhalle mit Liegen nachgebaut, wie sie sich in Athen, Epidauros oder Pergamon fand. In der Antike kündeten große und kleine Inschriften von erfolgreichen Wunderheilungen im Schlaf, wobei allerdings ein Spötter bemerkte, dass es wesentlich mehr Inschriften gegeben hätte, wenn auch die, die keine Heilung fanden, dies in Stein vermerkt hätten.

Religiös grundierte Heilungen im Schlaf hat es natürlich nicht nur in der heidnischen Antike gegeben; man muss nur nach Lourdes fahren oder auf andere große wie kleine Wallfahrtsorte schauen, um zu sehen, dass an die Stelle des Gottes Asklepios zwar die Gottesmutter Maria und christliche Heilige getreten sind, aber munter weitergeschlafen wird und weiter von Heilungen berichtet wird.

Dass es Virchow gefallen hätte, dass direkt neben seinem pathologischen Museum eine Ausstellung über Wunderheilungen zu sehen ist, darf man bezweifeln. Eine streng naturwissenschaftliche Medizin hatte sich der große Gelehrte auf die Fahnen geschrieben und wollte an die Stelle „pfäffischer Überlieferung“ freisinnige Unterrichtung treten lassen, deren „Grundlage die positive Naturanschauung bildet“. Und trotzdem wird dem Gründer des Museums im eigenen Hause kein Tort angetan: Heutigentags forscht längst die streng naturwissenschaftliche Medizin über die heilende Kraft des Schlafes, übrigens auch an der Charité, und die Tatsache, dass bestimmte Formen von Religiosität den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, lässt sich statistisch erhärten.

Hat Gesundheit also gar nichts mehr mit Wundern zu tun? So wird nur jemand denken, der seine Gesundheit für einen selbstverständlichen Besitz hält, der ihm von niemandem genommen werden kann. Natürlich kann man allerlei tun, um seine Gesundheit zu verbessern oder jedenfalls zu bewahren; dass sie sich ausschließlich den eigenen Kräften verdankt, wird wohl nur ein sehr simpler Geist behaupten. Bei Adorno heißt es sehr zugespitzt: „Gesundheit? Was nützt einem Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist?“ Die Ausstellung im Medizinhistorischen Museum ist Dienstag bis Sonntag von 10-17 Uhr geöffnet, Mittwoch zusätzlich bis 19 Uhr.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar