Heilverfahren : Tinkturen, Tees und Nadelstiche

Jenseits der Schulmedizin gibt es eine Fülle ergänzender, teilweise umstrittener Heilverfahren Viele Patienten vertrauen auf die verdünnten Wirkstoffe der Homöopathie oder die Kraft der Akupunktur – ein kleiner Überblick

Adelheid Müller-Lissner

Auf die Wirkung der Schulmedizin allein wollen sich viele Patienten nicht verlassen. Heilkraft versprechen sie sich nicht nur von Tabletten, Spritzen oder Operationen. Auch die sogenannte Komplementär- oder Alternativmedizin spielt für sie eine große Rolle. 60 Prozent aller Deutschen nehmen diese Verfahren in Anspruch, das war kürzlich beim Europäischen Kongress für Integrative Medizin zu hören. Doch was versteckt sich eigentlich hinter diesen Begriffen?

International verwenden Ärzte das Kürzel Cam – es steht für complementary alternativ medicine. Komplementär betont eher die Ergänzung von wissenschaftlich abgesicherten Behandlungsverfahren. Alternativ lässt auf eine Wahl schließen. Beide Begriffe verbindet, dass die Wirksamkeit der Methoden nicht nach streng wissenschaftlichen Kriterien belegt ist. Komplementärmedizin sei eigentlich ein Sammeltopf für alles, was an den Medizinischen Hochschulen nicht oder kaum gelehrt und erforscht werde, außerhalb derselben aber weitverbreitet sei, sagt Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité.

Dabei sind die „nicht schulmedizinischen“ Verfahren mittlerweile auch fest im Curriculum der Medizinstudenten verankert. Und sie werden immer stärker erforscht – nicht nur in Deutschland, dem Heimatland des Pfarrers Sebastian Kneipp, das traditionell als Hochburg der Naturheilkunde gilt. Die am meisten verbreiteten alternativen Heilverfahren stellen wir hier kurz vor.

NATURHEILKUNDE

Diese Verfahren bedienen sich natürlicher Mittel wie Wasser, Licht und Heilpflanzen. Diese können als Salben, Tinkturen, Tees oder Tabletten zum Einsatz kommen. Für einige von ihnen gibt es Studien, die zur Zulassung als verschreibungsfähige Arzneimittel geführt haben, zum Beispiel für Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren Depressionen. Die meisten muss der Patient aber aus eigener Tasche bezahlen. Zur klassischen Naturheilkunde zählen auch Wasseranwendungen wie Wickel und Bäder. Weniger bekannt ist die „Ordnungstherapie“. Darunter fasste der Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner (1867–1939), der uns heute vor allem durch sein Müsli ein Begriff ist, seine gar nicht so unmodernen Gedanken zum gesunden Lebensstil zusammen. Neben gesunder Ernährung und Bewegung gehört auch der richtige Umgang mit Stress dazu. Gustav Dobos, Inhaber des Krupp-Stiftungslehrstuhls für Naturheilkunde an der Universität Duisburg-Essen, nennt das „BodyMind-Medizin“ und fasst darunter auch Verfahren wie Yoga und Meditation.

ANTHROPOSOPHISCHE MEDIZIN

Rudolf Steiners (1861–1925) Menschenbild wirkt auf nüchtern Denkende eher mystisch und esoterisch. Nimmt Steiner doch neben dem physischen auch einen „ätherischen“ und einen „astralischen“ Leib an. Methoden wie die Misteltherapie bei Krebs, Heil-Eurhythmie – eine anthroposophische Art der Bewegungstherapie – und die Kunsttherapie werden heute meist aber ganz pragmatisch begleitend zu einer „schulmedizinischen“ Behandlung eingesetzt. Wie bei allen pflanzlichen Arzneimitteln ist es wichtig, mit allen behandelnden Ärzten über das Thema Mistel zu sprechen. Die verschiedenen Therapien können sich „stören“.

HOMÖOPATHIE

Naturheilkunde, Anthroposophie und Homöopathie sind die drei „besonderen Therapierichtungen“, für deren Anwendung in Deutschland von der Politik eigene Spielregeln festgelegt wurden. Die Homöopathie ist die umstrittenste – zum einen wegen ihres Wirkprinzips, aber auch, weil gute Studien zur Wirksamkeit bisher fehlen. Die Wortschöpfung (von griechisch homoios, ähnlich, und pathein, leiden) weist darauf hin, dass hier Krankheiten mit ähnlichen Waffen geschlagen werden sollen. So gibt man zum Beispiel Fieberkranken ein Mittel, das bei Gesunden ein leichtes Fieber hervorrufen würde. Auf diese Weise sollen die Selbstheilungskräfte des Körpers angeregt werden. Als besonders wirksam gelten Hochpotenzmittel, in denen der Wirkstoff in extremer Verdünnung vorkommt. Die Methode wurde vom deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755–1843) entwickelt. Der Behandlung geht ein ausführliches Gespräch voraus – das sicher schon als Teil der Therapie gelten kann.

TRADITIONELLE CHINESISCHE

MEDIZIN (TCM)

Die Quellen der TCM gehen über 2000 Jahre zurück. Im ihrem Heimatland selbst hatte sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber ziemlich an Bedeutung verloren. Mao Tse-tung verordnete sie im Rahmen der kostengünstigen „Barfußmedizin“ erneut. In den 70er Jahren entdeckte auch der Westen die TCM. Exportschlager wurde die Akupunktur. Das Einstechen von feinen Nadeln in die Haut entlang der Leitbahnen der Lebensenergie Qi wird heute vor allem zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt. Nachdem Studien gezeigt haben, dass die Nadelung etwas besser wirkt als die Standardtherapie, wird Akupunktur bei Schmerzen an Lendenwirbelsäule und Knie von den Kassen übernommen. Wie die Wirkung zustande kommt, ist umstritten – zumal eine „Scheinakupunktur“ an anderen Stellen oder mit veränderten Nadeln ebenfalls wirkt.

INTEGRATIVE MEDIZIN

Die Integrative Medizin versteht sich als Brücke zwischen der wissenschaftlichen, an den Hochschulen gelehrten Medizin und den Verfahren, die als „alternativ“ oder „komplementär“ gelten. Tatsächlich integrieren viele Ärzte in der Praxis längst schon beides. „Die Patienten integrieren die verschiedenen Methoden für sich“, sagt Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung an der Münchner TU. Nicht immer wird darüber offen gesprochen. Stefan Willich von der Charité vermutet, dass sich viele Patienten aus Angst vor Ablehnung nicht trauen, ihrem Arzt zu erzählen, was sie „sonst noch“ an Behandlungsverfahren anwenden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben