Gesundheit : Heiter scheitern

Sisyphos als moderner Erfolgsmensch: In jeder Lebensphase wälzen wir neue Steine – bis ins hohe Alter

Paul B. Baltes

Die moderne Zeit hat uns ein längeres Leben beschert, mehr als 30 Jahre sind in den letzten hundert Jahren im Durchschnitt dazugekommen. Es wird uns aber immer deutlicher, dass dies für den Einzelnen nicht nur Verzauberung und Fortschritt bedeutet. Das längere Leben hat seine Kosten – nicht nur ökonomische.

Früher schien es so etwas wie den Zustand der Reife und Ruhe im Erwachsenenalter zu geben. Heute regiert eher das Gefühl der chronischen Unfertigkeit. Selbst auf dem Sterbebett gilt es, sich neu zu orientieren und zu lernen, wie man mit dem Tod und den Überlebenden umgeht. Und dann ist da die sich verändernde subjektive Gewinn-Verlust-Bilanzierung des Lebens. Gerade im hohen Alter wird oft aus der Würde zunehmend eine Bürde; und die Jungen denken über die Probleme des Alters mehr nach, als dies bisher der Fall war.

Unsere gesellschaftlichen Bilder des Lebensverlaufs sind ganz und gar nicht hilfreich bei dieser Erkundung der lebenslangen Entwicklung, wie es Sigrun-Heide Filipp und Anne-Kathrin Mayer in „Bilder des Alters“ (Kohlhammer, 1999) zeigen. Vor allem die negativen Bilder und Vorstellungen vom Alter stehen einer aktiven Gestaltung im Wege. Wie soll hieraus ein Subjekt entstehen, dass mit der richtigen Mischung von Realitäts- und Möglichkeitssinn sein Leben entfaltet?

Wir sind in Gefahr, ein gesellschaftliches Bild vom Lebenslauf zur Norm werden zu lassen, das Versagen statt Verzauberung zur Leitfigur erklärt. Die altgriechische Geschichte des Sisyphos würde zur dominierenden Mentalität, vor allem der zweiten Lebenshälfte.

Permanente Frustration als antizipierte Lebensgeschichte? Sisyphos als Symbol der psychosozialen Grundarchitektur des Lebens? Es gibt aber eine psychologische Forschungsperspektive, die zu dieser pessimistischen Grundstimmung ein Gegengewicht schafft. Es geht um die moderne Entwicklungspsychologie der Lebensspanne. Einige ihrer Grundprinzipien geben Hoffnung – vor allem für die menschliche Kraft, aus weniger mehr zu machen. Durch den Einsatz psychischer Mechanismen ist es möglich, die Gewinn-Verlust-Bilanzierung des Alters bis zu einem gewissen Grad subjektiv zu steuern und dadurch auch sein Entwicklungspotenzial besser auszureizen.

Heute kennen wir die Sisyphos-Geschichte meist in folgender Form: Sisyphos versucht, einen Felsbrocken auf die Spitze eines Berges zu wälzen. Er ist dabei nie erfolgreich, denn im letzten Augenblick rollt der Stein immer wieder ins Tal. Um den Sisyphos-Mythos ranken sich zahllose Neu- und Umdeutungen, die einen Einblick in das Menschenbild der Jahrhunderte ermöglichen. Bernd Seidensticker und Antje Wessels haben dies in „Der Mythos Sisyphos“ (Reclam Verlag, 2001) eindrucksvoll dargelegt. Albert Camus’ Deutung aus dem Jahr 1942 ist eine wichtige Anregung für eine Sisyphos-Variante zur modernen Entwicklungspsychologie der Lebensspanne.

Denn Camus sah Sisyphos nicht als Versager. Ihm zufolge wusste Sisyphos um sein oder auch jedwedes Menschen komplexes Schicksal, er akzeptierte es und war deshalb (möglicherweise) ein glücklicher, wenn nicht sogar erfolgreicher Mensch. Nach Camus ist das Erkennen von Absurdität und Misserfolg Bestandteil des gelungenen Lebens.

So wie das Leben aus einer Sequenz von nur teilweise miteinander verknüpften Lebenszielen besteht, ist es keineswegs immer derselbe Felsbrocken, derselbe Stein, den Sisyphos auf die Bergspitze zu wälzen versucht. Ähnlich den Meilensteinen des Lebens – das ABC der Schule, die Identitätssuche des Jugendalters, das Finden des richtigen Berufes, die Partnerwahl – ist es immer ein neuer, immer der, der sich als nächste Aufgabe im Leben stellt. Wir bewegen nacheinander den Murmelstein in der Kindheit, den Stein des Anstoßes in der Jugend, den Prüfstein des Erwachsenenalters, den Weisheitsstein im reifen Alter oder auch den Stolperstein des beginnenden Hochalters.

Und nun denke man daran, dass Sisyphos seinen Felsbrocken immer sehr weit brachte, fast bis auf die Spitze. Inzwischen wissen wir, dass die Suche nach utopischer Perfektion nur ein Traum ist. Möglichst nahe an das Ideal heranzukommen, ist das vernunftgeleitete entwicklungspsychologische Ziel.

So wird aus Sisyphos ein aufgeklärter Erfolgsmensch der Moderne – er arbeitete nacheinander an vielen Steinen und Edelsteinen, jeden dieser Bau- oder Meilensteine des Lebens brachte er sehr weit, fast in den Himmel; eine Höchstleistung nach der anderen. Und in der Nähe der Spitze gibt es auch Stätten der weiten Ausblicke, des auf sich selbst und andere Schauens und Orte der reflexiven, konstruktiven Melancholie. Konstruktive Melancholie ist nicht das erfolgreiche Leben, aber sie gehört zum erfolgreichen Leben.

In diesem Sinn reformiert sich auch der bisher als traurig und verzweifelt gedeutete Abstieg des Sisyphos von der Bergspitze. Im Licht der entwicklungspsychologischen Aufklärung handelt es sich um eine Phase des Übergangs. Der Abstieg wird zu einer Phase der Heiterkeit und der Neubesinnung. Erfolg geht Hand in Hand mit der Suche nach der neuen Herausforderung. Unten angekommen, hofft man zu wissen, was man als Nächstes will.

Für die Glückseligkeit und Vervollkommnung des Menschen gilt nicht nur, was objektiv „wahr“ ist. Objektivität und Subjektivität ringen um die funktional sinnvolle Komposition. Der Mensch, der ein Bein bei einem Verkehrsunfall verloren hat, vergleicht sich nach einer Weile mit anderen, die beide Beine verloren haben. Derjenige, der einen Herzinfarkt überlebt hat, denkt an diejenigen, die daran starben. Derjenige, der das Matterhorn bestiegen hat, fühlt sich anders, je nachdem, ob er die Zugspitze oder den Mount Everest als Vergleichsmaßstab aktiviert.

Auch Veränderungen in den Erwartungshorizonten gehören dazu. Derjenige, der im hohen Alter körperlich nicht mehr in der Lage ist, seinen Garten zu pflegen, konzentriert sich auf die Blumenfenster als Schmuckstücke seines Hauses.

Wie weit man gekommen ist, wie das Selbstgefühl und das eigene Entwicklungspotenzial sich ausformen, hängt also ganz wesentlich davon ab, mit wem und mit was man sich misst, intern und extern. So kann ein Bild vom Leben und vom Alter entstehen, in dem das Alter jung bleibt, in dem wir uns stetig neuen Dingen zuwenden, ohne diese in Perfektion realisieren zu müssen, weder in der Retrospektive noch im Antizipieren der Zukunft.

Eine entwicklungspsychologische Neudeutung der Sisyphos-Geschichte zur gesellschaftlichen Alltagsvorstellung werden zu lassen, ist ein Weg, die Vorstellungswelt vom Lebensverlauf in einer stetig älter werdenden Bevölkerung auf neue Füße zu stellen. Es bedarf vieler Partnerschaften und Bündnisse, um das Ziel einer positiveren Sicht der Zukunft zu erreichen.

Auch positiver Altershumor kann helfen. Gegenwärtig ist er noch selten, man muss ihn wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen. Aber es gibt erste Anzeichen. Als würdiger Greis erhielt ein Schriftsteller einen großen Literaturpreis, ausgestattet mit viel Ruhm, aber auch mit viel Geld. Auf die Frage eines Journalisten, was er mit dem neuen Reichtum täte, soll er gesagt haben: „Das Geld? Das kommt auf die Bank, das ist für mein Alter.“ Der aufgeklärte Sisyphos fügt hinzu: „Das ist für meinen nächsten Aufstieg.“

Der Autor ist Entwicklungspsychologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin.

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