Gesundheit : Helfer im Kampf gegen die Schwindsucht

Der langwierige Nachweis der Tuberkulosebakterien könnte mit Viren gelingen – sie befallen die Erreger

Hermann Feldmeier

Die Renaissance der Tuberkulose ist ungebrochen. Jedes Jahr erkranken rund acht Millionen Menschen an der Schwindsucht. Allein in Europa sind es 400 000. Allerdings wird nur bei der Hälfte der Erkrankten die Infektion im ersten Jahr erkannt, und häufig ist das Leiden bereits fortgeschritten, wenn die Bazillen im Hustensekret entdeckt werden. Die unzulänglichen Diagnoseverfahren und die Ausbreitung von Erregern, die gegen ein oder mehrere Medikamente resistent sind, stellen die beiden größten Herausforderungen bei der Bekämpfung der Seuche dar. Eine von einer internationalen Forschergruppe in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation entwickelte Methode könnte beiden Problemen in Zukunft die Spitze nehmen.

Seit der Entdeckung des Tuberkelbazillus durch Robert Koch hat sich das von ihm entwickelte Diagnoseverfahren so gut wie nicht geändert. Der Direktnachweis basiert auf einer simplen Färbemethode, mit der die „Mykobakterien“ genannten Erreger im Mikroskop sichtbar werden. Das Verfahren ist einfach und preiswert, allerdings lässt die Aussagekraft zu wünschen übrig: Bis zu 70 Prozent der Erkrankten werden bei der Erstuntersuchung übersehen. Das Anzüchten der Tuberkelbazillen auf einem speziellen Nährboden ist zwar wesentlich zuverlässiger. Aber der Arzt muss auf das Ergebnis sechs bis acht Wochen warten, denn Mykobakterien halten in puncto Vermehrungsgeschwindigkeit die rote Laterne aller Erreger.

Dieses Manko lässt sich nur umgehen, wenn man nicht das Wachstum der Bakterien selbst als Zielkriterium nimmt, sondern spezielle Viren einsetzt, die sich ausschließlich in Tuberkulosebakterien vermehren. Diese Bakteriophagen genannten Parasiten haben einen Heißhunger auf Tuberkelbazillen und spüren selbst eine einzelne Bakterienzelle auf. Einmal eingedrungen, lassen sie sich vom biochemischen Apparat der Zelle vervielfältigen. Und während der Tuberkelbazillus zu Grunde geht, schwärmen die Phagen aus, um neue Bakterien zu befallen.

Da die Bakteriophagen zu klein sind, um im Mikroskop sichtbar zu werden, benötigt man einen indirekten Nachweis, ein Indikatorsystem. Entweder gibt man dem Nährmedium in einem zweiten Schritt im Labor gezüchtete Tuberkulosebakterien hinzu. Dann erscheinen die Stellen, an denen Viren „gewütet“ haben, wie Löcher in einem dichten Rasen. Oder es werden gentechnisch veränderte Bakteriophagen eingesetzt, die Lichtsignale aussenden, die ihrerseits gemessen werden. Durch die Signalverstärkung ist spätestens nach zwei Tagen klar, ob im Hustensekret eines Patienten Mycobacterium tuberculosis vorhanden war.

Eine Analyse aller bisherigen mit dem neuen Verfahren erfolgten Untersuchungen zeigte eine Spezifität von nahezu 100 Prozent. Das heißt, das Laborergebnis war in keinem Fall positiv, wenn im Auswurf eines Patienten keine Tuberkelbazillen vorhanden waren. Dagegen lag die Sensitivität genannte Trefferquote (die Häufigkeit positiver Ergebnisse bei Tuberkulosekranken) bei maximal 88 Prozent. Der Test bedarf also noch einiger Verbesserungen bis zur Praxisreife.

Eine Weiterentwicklung des „Fast“ genannten Verfahrens verspricht aber noch mehr. Hierbei wird gleichzeitig mit dem Nachweis der Tuberkelbazillen überprüft, ob sie gegen die standardmäßig eingesetzten Antibiotika resistent sind. Handelt es sich um Erreger, bei denen ein oder mehrere Substanzen unwirksam sind, so weiß der Arzt das bereits nach 48 Stunden. Er kann dann sofort die richtige Kombination von Antibiotika auswählen, statt wie bisher erst einmal die Standardtherapie zu verordnen und darauf zu hoffen, dass sich nach acht Wochen seine Vermutung als sinnvoll erweist. In Entwicklungsländern werden mutierte Bazillen meist erst dann entdeckt, wenn es dem Patienten trotz monatelanger Medikamenteneinnahme nicht besser geht. In der Zwischenzeit hat er aber möglicherweise andere angesteckt.

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