Gesundheit : Herbst: Was Zugvögel lehren

Ekkehard Schwerk

Wildgänse ziehen in vorbildlich eingehaltener Formation über die Stadt hinweg und rufen uns stimmbrüchig ihren Gruß herab. Sie kommen bei uns an, kommen aus Russland, Sibirien und von noch weiter weg, haben also schon einige tausend Kilometer hinter sich. Sie sind unsere Gäste. Die Gänse lassen sich zu tausenden auf den abgeernteten Maisfeldern am Stadtrand nieder und lesen auf, was übrig geblieben ist, und sie erschrecken keineswegs vor uns.

Manche bleiben dick und fett gefuttert hier und kehren im Frühjahr heim in ihre russischen Brutgebiete, andere ziehen westlich weiter. Wir machen uns von solchen Beobachtungen gegenseitig Meldung, als wäre es ein allererstes Mal. Es ist aber ein wiederkehrendes Ereignis, das uns zeigt, dass es wieder so weit ist mit uns und unserer bemessenen Zeit, die im Fluge vergeht wie jene der Zugvögel im ermüdenden Jahr.

Die V-Formation der Vögel ist eine ausgeklügelte Klugheit der Natur: Der Vogel an der Keilspitze teilt die Luft, damit die Hinterdreinfliegenden Kräfte sparend gegen weniger Widerstand anfliegen können. Ihre Reise ist ja weit. Die Spitzen wechseln sich in ihrer Führungsrolle ab. Den Schwächeren bleibt immer der Schutz aller. Grundsätzlich kann jeder Vogel zur Spitze aufrücken, wo er sich nicht eitel spreizt, sondern einen selbst für uns Niedrige erkennbaren Dienst am Vogelvolk erfüllt. Und wir ach so klugen Erdenherrscher bilden uns etwas ein auf unsere Demokratie, die uns nicht einmal immer gelingt, weder in politischen, noch privaten Zusammenhängen. Es ist also sehr gerechtfertigt, wenn wir zu den Zugvögeln aufschauen, die nämlich keine dummen Gänse sind.

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