Gesundheit : Herr Ober, bitte was zu knabbern

Max Oppel

Der gigantisch große Raum eines Tagungshotels füllt sich langsam. Eine Werkzeugfirma hat eingeladen: Hundert verdiente Mitarbeiter sollen für ihre Leistungen im Außendienst gelobt werden. Stunden bevor die Gäste kommen hat ein ganzer Stab an Kellnern umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Saubere Tische, Decken und Besteck sind, wie die originelle Dekoration aus Schrauben und Nägeln und einem Ziegelstein in der Mitte, nur die sichtbaren Details. Schweißtreibende Räumarbeiten in Küche und Keller sind nichts, worüber sich Gäste den Kopf zerbrechen sollen. Was die meisten nicht ahnen - ein großer Teil der Kellner, die sie an diesem Abend versorgen, sind sind studentische Aushilfskräfte.

"Du!", höre ich die Stimme des Oberkellners im Rücken, der immer im falschen Moment auftaucht. "Hast du gerade etwas zu tun?" Natürlich ist es der Moment, den ich müde an einer Säule lehne. Tassen, Terrinen, Tellerminen stehen pünktlich um sieben Uhr bereit und die Gäste blicken immer wieder hungrig zu mir und den silbernen Pfannen hinüber. "Könnten Sie mir was Kleines zu Knabbern bringen?" fragt mich ein älterer Herr flüsternd, den ich mit Bedauern auf die nächste halbe Stunde vertröste. Die vierte Stunde der Veranstaltung ist angebrochen, die Bühne stetig in Bewegung. Am Rednerpult wird einer der Produktentwickler der Werkzeugfirma von einer eigens engagierten Moderatorin vorgestellt. Der etwas steife Herr mit den guten Ideen hat seinen neu entwickelten Akkuschrauber mitgebracht und reicht ihn der Frau mit dem Mikrophon. "Der funktioniert ja sogar bei Frauen", ruft diese erfreut aus und kommt mit dem rotierenden Schrauber gefährlich nahe an die schüttere Haarpracht des Werkzeugentwicklers.

Gegen 20 Uhr kommt per Funk der Marschbefehl an die Küchenkräfte: Es kann aufgetischt werden. Binnen Minuten bildet sich eine Schlange hungriger Handelsvertreter am Büffet. Der anstrengendere Teil des Abends beginnt. Von jetzt ab heißt es Teller schleppen, aufräumen, nachlegen, bis der letzte Gast seinen Magen und der Oberkellner seine Vorstellung von Ordnung befriedigt sieht. Nun besser gelaunt, bestellen die Gäste Kaffee und Schnaps, während auf der Bühne zwei als Muppet-Opas maskierte Mitarbeiter Kommentare zur Firmengeschichte zum Besten geben. Auf dem Weg zur Bar sehe ich aus den Augenwinkeln schleichende Wachleute hinter Vorhängen verschwinden, "alles roger" in ihre Funkgeräte raunend.

Gleich tonnenweise muß ich in der Küche übrig gebliebenes Essen entsorgen. Jammerschade, denke ich und beschließe, das nächste Mal eine Tüte für besonders delikate Reste mitzunehmen. Während die Gäste sich langsam zerstreuen, wird ihre Hinterlassenschaft Stück für Stück demontiert, der Ton der Vorgesetzten wird lockerer, und schließlich endet das Sortieren der Tischdecken in einer wahren Deckenschlacht. Wir Kellnerkinder.

Die Zahl Vierzehn steht am Ende auf dem Stundenzettel hinter meinem Namen, und auch die Kollegen haben Ringe unter den Augen. Einer der letzten Werkzeugvertreter hat den Abend für uns noch verlängert, indem er auf einer - zur Dekoration gehörenden - Schraube ausgerutscht ist und sich den Knöchel verstaucht hat.

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