Gesundheit : Herrlichste Schöpfungswunder

Deutscher Darwin: Ernst Haeckel war Forscher und Künstler zugleich

Matthias Glaubrecht

Er gab seinen Beruf als Mediziner auf, um sich ganz der Meeresbiologie zu widmen. Doch weit darüber hinaus prägte sein Werk und Wirken Generationen von Biologen. Wie bei kaum einem anderen Naturforscher stand das Leben des 1834 in Potsdam geborenen Zoologen und Naturphilosophen Ernst Haeckel im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Materialismus und Religion, zwischen Rationalität und Leidenschaft. Bis zu seinem Tod 1919 war Haeckel gleichermaßen Forscher wie Künstler, Zeit seines Lebens hin und her gerissen zwischen der wissenschaftlichen und romantischen Sichtweise auf die Natur.

Als Wissenschaftler beschrieb er die meisten Arten von Radiolarien, mikroskopisch kleiner Strahlentierchen des Meeresplanktons, erfand die Begriffe Ökologie und Phylogenese (Stammesgeschichte), formulierte die „biogenetische Grundregel“, nach der die Individualentwicklung oder Ontogenese die kurze Rekapitulation eben jener stammesgeschichtlichen Entwicklung ist: der Embryo durchläuft im Zeitraffer die Evolution vom „primitiven“ Einzeller zum menschlichen Wesen.

Neben seinen Forschungsleistungen ragte Haeckel als Naturbeobachter heraus und machte sich vor allem auch als begnadeter Künstler einen Namen. In jedem Tropfen Seewasser, so schrieb der hochbegabte Zeichner und Aquarellist einmal, sehe er Tausende der herrlichsten Schöpfungswunder. Für Haeckel waren Meeresplankton und Medusen nicht nur zoologische Studienobjekte, sondern wahrhaft „Kunstformen der Natur“, wie er sein vielleicht bekanntestes und reich illustriertes Tafelwerk nannte.

Während Ernst Haeckel für sein künstlerisches Werk bis heute vorbehaltlos bewundert wird, blieb er als Forscher über die Jahrzehnte seines wissenschaftlichen Wirkens hinaus heftig umstritten.

Haeckel hatte bereits 1860 – nach der Lektüre von Darwins Werk „Über den Ursprung der Arten“, und damit früher als jeder andere in Deutschland – dessen bahnbrechende Ideen begriffen und als eine neue Epoche der Naturwissenschaft erkannt. Auf der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Stettin 1863 hielt der frisch an die Universität Jena Berufene und glühende Anhänger Darwins einen flammenden Vortrag über dessen Entwicklungstheorie.

Mochten nicht wenige Zuhörer der Theorie einer allmählichen Entwicklung des Lebendigen noch zustimmen; den Menschen in den allgemeinen Evolutionsprozess einzubeziehen, war ein Affront – der prompt zur Ablehnung führte. Zu einer Zeit, als in Berlin der berühmte Pathologe Rudolf Virchow die ersten Skelettfunde des Neandertalers noch irrtümlich für die grotesk verformten Überreste einen berittenen russischen Kosaken hielt, versuchte Haeckel Darwins Theorie durch Forschungen zu untermauern.

Als Haeckel 1874 in seinem Werk „Anthropogenie und Entwicklungsgeschichte des Menschen“ den „Affenmenschen“ postulierte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Als Gegner der Evolutionsidee und Vormenschentheorie nutzte Rudolf Virchow seinen Einfluss und erreichte, dass Haeckels und Darwins Schriften 1879 als staatsgefährdend und glaubenszersetzend an den Schulen Preußens verboten werden. Dennoch setzte sich der Evolutionsgedanke durch. Nicht zuletzt dank des leidenschaftlichen Eintretens Ernst Haeckels, was ihm den Titel „deutscher Darwin“ eintrug.

Der Vorwurf, auch der Darwinismus sei dogmatisch und trage Züge einer Religion, nirgends war er berechtigter als bei Ernst Haeckel. Vor allem in seinem populärsten, in mehr als 30 Sprachen übersetzten Buch über die „Welträtsel“ glaubte Haeckel, die großen Fragen nach Gott, dem Menschen und der Welt um uns sowie das Rätsel um die Verbindung von Leib und Seele sowie den Gegensatz von Geist und Materie gelöst zu haben, indem er mit dem Monismus die Einheit der Natur postuliert. Für diese naturwissenschaftliche Weltanschauung hat Haeckel auch künstlerische Ausdrucksformen gesucht. Das hat zu dem großen Einfluss des Jenaer Zoologen auf das Geistesleben seiner Zeit maßgeblich beigetragen.

Unter dem Titel „Haeckel und das Naturschöne“ wird am heutigen Donnerstag um 19 Uhr die Veranstaltungsreihe „Filmwelten der Wissenschaft“ am Museum für Naturkunde, Invalidenstraße 43, fortgesetzt. Im Anschluss an die Vorführung des Films „Proteus – A Nineteenth Century Vision“ (2004) von David Lebrun lesen der Schauspieler Hanns Zischler und die Evolutionsbiologen Michael Ohl und Matthias Glaubrecht aus Briefen und Werken des Jenaer Zoologen. Eintritt: 5 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben