Gesundheit : Herz-Attacke

Wenn ein Leistungssportler plötzlich tot umfällt, dann oft infolge des gefürchteten Kammerflimmerns

Adelheid Müller-Lissner

Ein junger Athlet – gesund, vital, bewundernswert, ein Beweis dafür, wie viel der menschliche Körper zu leisten vermag. Was aber, wenn ausgerechnet ein gut trainierter Leistungssportler plötzlich an Herzversagen stirbt?

Solche Ereignisse sind vergleichsweise selten – allerdings spektakulär. Die meisten Fälle von plötzlichem Herztod junger Leute beim Sport ereignen sich in Europa beim Fußball, in den USA beim American Football oder beim Basketball. Jedes Jahr etwa stirbt einer von 200000 High-School-Schülern im amerikanischen Bundesstaat Minnesota, die am organisierten Wettkampfsport teilnehmen, an einem Herzleiden, das zuvor nicht erkannt wurde. Nicht nur in Familien und in Medien, sondern auch unter Medizinern stellt sich dann die Frage: Hätte dieser Tod aus heiterem Himmel nicht verhindert werden können?

Die Zahlen aus Minnesota stammen vom Herzspezialisten Barry Maron, der sich am Minneapolis Heart Institute seit Jahren mit dem brisanten Thema beschäftigt. Häufigste Ursache für den plötzlichen Tod von Sportlern unter 35 ist die hypertrophe Kardiomyopathie, eine krankhafte Verdickung des Muskelgewebes der Herzwand. Die meist genetisch bedingte Verdickung der linken Herzkammer führt dabei zu Rhythmusstörungen. Der Tod ist dann Folge des gefürchteten Kammerflimmerns, wie Maron im neuen „New England Journal of Medicine“ berichtet, .

Andere Opfer des plötzlichen Herztods hatten, wie sich bei der Autopsie herausstellte, angeborene Veränderungen der Herzkranzgefäße. „Sie zu diagnostizieren erfordert größte Aufmerksamkeit, ist aber besonders wichtig, denn man kann sie operieren“, schreibt Maron. Bei jungen Sportlern, die über Brustschmerzen oder unregelmäßigen Herzschlag bei Belastung berichten, sollten solche Veränderungen deshalb immer in Betracht gezogen werden. Die Schwierigkeit: Oft zeigen sich nicht einmal beim Belastungs-EKG Auffälligkeiten.

Auch ein „ausgeleiertes“ Herz mit vergrößerten Kammern („dilatative Kardiomyopathie“) wird bei Sportlern manchmal übersehen, weil sie zu gut trainiert sind. So brach der 28-jährige Kameruner Fußballer Marc-Vivien Foe im Juni dieses Jahres mitten im Länderspiel zusammen und starb offenbar an den Folgen einer Herzvergrößerung.

„Ein trainierter Sportler kann auch bei deutlich eingeschränkter Herzfunktion bei der Ergometrie immer noch besser abschneiden als ein herzgesunder Untrainierter“, resümierte jüngst ein Beitrag der „Medical Tribune“. Erschwert wird die Fahndung nach gefährdeten Sportlerherzen durch die Tatsache, dass auch die Herzen gesunder Ausdauer-Athleten typischerweise vergrößert sind: Die Kammern sind geräumiger, die Wände dicker. Während der zentrale Hohlmuskel beim Untrainierten 250 bis 300 Gramm wiegt, kommt mancher Sportler auf ein ganzes Pfund Herz. Er braucht diesen starken Motor mit großem Hubraum. Das ermöglicht es ihm, mit einem (Herz-)Schlag bis zu 200 Milliliter Blut aus der Herzkammer auszuwerfen, während es Untrainierte nur auf 60 bis 90 Milliliter bringen.

Die sinnvolle Anpassung der Herzen von Läufern, Schwimmern und Skilangläufern zeigt sich nicht nur im Größenzuwachs, sondern auch in Veränderungen der Funktion: Gutes Mimikry, das oft zu Unrecht den Verdacht der Ärzte auf eine Herzkrankheit erregt. Dass beides sorgsam unterschieden wird, ist dabei vielleicht für das Leben des einen Sportlers entscheidend, bewahrt den anderen aber vor einer übervorsichtigen Disqualifizierung. Gentests könnten in Zukunft Aufschluss bringen. Aber oft führt es auch schon weiter, die Untersuchungen zu wiederholen, nachdem ein Sportler eine Trainingspause eingelegt hat. Allerdings bleiben die Herzkammern bei etwa jedem fünften Athleten auch nach seinem Rückzug aus dem Leistungssport vergrößert.

„Der Herztod eines jungen Sportlers ist oft auch Folge einer Myokarditis, einer Herzmuskelentzündung, die sich im Gepäck eines banalen Infekts einstellen kann“, sagt Lars Brechtel von der Abteilung für Sportmedizin der Humboldt-Universität. Andere Jungen und junge Männer ereilt der Herztod nach einem heftigen Schlag auf den Brustkorb.

Eine solche „Herzerschütterung“ kann sich in seltenen Fällen ereignen, wenn der stumpfe Schlag eines Balls, eines Pucks oder eines gegnerischen Körperteils den Brustkorb in einer empfindlichen Phase der Herztätigkeit trifft. Dann kommt es zu Rhythmusstörungen und Kammerflimmern. Im letzten Jahr präsentierte Maron im „Journal of the American Medical Association“ alarmierende Zahlen: Nur 16 von 128 Kindern und Jugendlichen überlebten seiner Untersuchung zufolge ein solches Ereignis. Und das, obwohl in 106 Fällen Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet wurden. Rein äußerlich wirkte die Lage vor dem Herzstillstand meist keineswegs dramatisch, die Wunden waren unblutig. Im Schnitt waren die jungen Sportler erst 13,6 Jahre alt.

Bei Kindern und Jugendlichen gibt der noch relativ flexible Brustkorb die Wucht des Schlags leichter bis zum Herzmuskel weiter. Meist passierte der fatale Unfall beim Baseball oder beim Eishockey. Dabei trugen 28 Prozent der jungen Spieler sogar einen Brustschutz. Den Bällen und Pucks, die eine Geschwindigkeit bis zu 140 Stundenkilometern erreichen, sind sie meist nicht gewachsen. Doch die Herzerschütterung ist nicht immer Folge eines Sportunfalls. Ihr fallen bisweilen auch Kinder zum Opfer, denen jemand nur kräftig auf die Brust schlug, um einen Schluckauf zu vertreiben.

Gegen den plötzlichen Herztod, der den Sportler trifft, ohne dass ihn vorher ein Ball getroffen hätte, könnten auch aufmerksamere Reihenuntersuchungen helfen. Maron und Brechtel nennen Italien als nachahmenswertes Vorbild. Zum jährlichen Screening junger, organisierter Leistungssportler gehört dort neben der Befragung und körperlichen Untersuchung auch ein EKG. In 95 Prozent der Fälle kann eine krankhafte Verdickung des Herzmuskelgewebes damit entdeckt werden. Angesichts der Seltenheit der Krankheit und der großen Anzahl junger Sportler ist ein solches Screening jedoch eine teure Angelegenheit.

Die medizinische Betreuung der Spitzensportler sei heute nicht das Problem, sagt Brechtel. „Problematisch ist eigentlich die zweite Reihe der Sportler, die auf dem Sprung in die Profiliga sind. Sie müssen Vieles aus eigener Tasche bezahlen.“ Maron befürchtet aus amerikanischer Sicht zudem, einige würden ärztliche Mahnungen in den Wind schlagen. Sozialprestige und der Druck von Mannschaft und Familie könnten gerade junge Sportler davon abhalten, das Training zu reduzieren. Ihr Herz schlägt für den Wettkampf-Erfolg –solange es gut geht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben