Gesundheit : Herzschrittmacher: Elektrische Stromschläge für das kranke Herz

Adelheid Müller-Lissner

"Gerätemedizin" ist ein inzwischen schon recht abgegriffenes Schlagwort, medizinische Geräte aber tragen immer mehr Menschen dauerhaft am eigenen Leibe. Etwa 175 000 Menschen leben heute in Deutschland mit einem Herzschrittmacher. Diese Geräte geben dem Herz Impulse, wenn es aus eigener Kraft nicht oft genug schlägt.

Seltener, aber gefürchtet, ist das umgekehrte Problem: Der plötzliche Herztod tritt in den meisten Fällen ein, weil das Herz viel zu schnelle, flache Schläge ausführt, aber seine Aufgabe als Pumpe nicht mehr erfüllen kann. Es flimmert oder flattert, der Mensch wird nach acht bis zehn Sekunden bewusstlos. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie nennt die Zahl von 100 000 Opfern pro Jahr. Lebensrettend ist in vielen Fällen ein elektrischer Stromstoß, der das Herz möglichst schnell wieder in Takt bringt und das Kammerflimmern beseitigt.

Defibrillatoren oder Cardioconverter, die diese Aufgabe erfüllen, stehen heute nicht nur Rettungsteams für den Notfall zur Verfügung, sie können inzwischen gefährdeten Patienten auch dauerhaft wie ein Schrittmacher eingepflanzt werden. Vor Ort erkennen dann die "intelligenten" elektronischen Geräte, die mittlerweile nur noch die Größe einer Streichholzschachtel haben und durch Kabel mit dem Herzen verbunden sind, wenn das Herz zu rasen beginnt. Sie geben ihm den richtigen Rhythmus wieder - und dem Betroffenen ein Stück Sicherheit.

Die Geräte sind allerdings teuer: 20 000 DM kosten schon die einfachsten von ihnen. Die Aggregate müssen nach drei bis sechs Jahren ausgetauscht werden, regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind nötig. Im Mediziner-Fachblatt "Lancet" (Band 357, S. 1817) wurden jetzt Kosten-Nutzen-Analysen vorgestellt, die diese Mehrkosten, die im Vergleich zu einer rein medikamentösen Behandlung entstehen, dem gesundheitlichen Gewinn gegenüberstellen. Damit wird klipp und klar gefragt, wie viel Dollar ein Jahr zusätzliche Lebenserwartung kostet.

Der Preis für ein Lebensjahr

Solche Berechnungen, die Gesundheitsökonomen vermehrt interessieren, sind etwa für die Dialyse von Nierenkranken schon angestellt worden: Ein gewonnenes Lebensjahr kostet hier 50 000 Dollar. Die vorläufigen Ergebnisse für den implantierbaren Defibrillator schwanken allerdings noch beträchtlich, zwischen 21 600 und 139 000 Dollar. Die Kommentatoren des "Lancet" betonen, dass diese große Bandbreite vor allem auf unterschiedliche Schätzungen für die gewonnene Lebensspanne zurückgeht.

Nicht nur weil die Geräte teuer sind, ist es wichtig, die Patienten auszuwählen, die vom eingebauten Defibrillator mit größter Wahrscheinlichkeit profitieren. An erster Stelle stehen dabei Patienten, die nach einem Herzstillstand erfolgreich wiederbelebt wurden, ohne dass den Rhythmusstörungen eine andere Ursache, etwa ein Herzinfarkt, zugrunde liegt. Mediziner sprechen in solchen Fällen etwas makaber auch vom "überlebten Tod".

Noch nicht klar durch wissenschaftliche Studien bewiesen ist, wie der Kardiologe Roland Willenbrock von der Franz-Volhard-Klinik in Buch erläutert, der Nutzen bei Patienten mit bestimmten Formen von Herzrasen, die noch nie zuvor defibrilliert werden mussten. Seit acht Jahren werden in der Klinik, die auf Rhythmusstörungen spezialisiert ist, solche ICD-Geräte ("Implantable Cardioverter Defibrillator") implantiert, zur Zeit etwa 100 jährlich. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie hat inzwischen Empfehlungen dafür ausgesprochen, in welchen Fällen das geschehen sollte.

Deutschland "führt" auf diesem Gebiet derzeit mit 67 Implantationen pro eine Million Einwohner vor anderen europäischen Ländern. Spitzenreiter sind allerdings die USA mit der stolzen Zahl von 170. Für Deutschland fordert die Fachgesellschaft nun die Einführung eines zentralen ICD-Registers, in dem alle Fälle mitsamt Begründung und Verlauf systematisch gesammelt werden.

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