Gesundheit : Heuschnupfen: Wenn Birkenpollen wirken wollen

Adelheid Müller-Lissner

Schon morgens um sieben war die Welt nicht mehr in Ordnung. Ausgerechnet auf dem Weg zum Deutschen Dermatologen-Kongress machte der Charité-Hautarzt und Allergiespezialist Torsten Zuberbier die Bekanntschaft eines Taxifahrers, der schwer schniefend und mit geröteten Augen über seinen jährlichen Heuschnupfen klagte. Der mache ihn oft über Stunden hinweg sogar berufsunfähig.

Nicht in Ordnung war für den Leiter des Bereichs Allergologie der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité vor allem, dass der Geplagte seinen Schnupfen, die verstopfte Nase, die geröteten Augen und den Tränenfluss offensichtlich als jährlich wiederkehrendes Schicksal hinnahm. "Dabei haben wir inzwischen moderne Medikamente gegen die allergische Rhinokonjunktivitis, die auch nicht mehr müde machen", sagte Zuberbier.

Damit meint er vor allem die neue Generation der Antihistaminika. Diese Medikamente sind Gegenspieler des Stoffes Histamin, der bei einer allergischen Reaktion vermehrt ausgeschüttet wird und die akuten Symptome verursacht. Weil die Mittel kaum etwas gegen die Verstopfung der Nase ausrichten können, muss die Therapie meist durch abschwellende Nasentropfen oder -sprays ergänzt werden. Auch Kortisonpräparate, die meist ebenfalls nur vor Ort an der Nase und nicht in Pillenform gebraucht werden, sind wichtig, denn sie unterdrücken die Entzündungsreaktion, die mit der Allergie einhergeht.

Heuschnupfen ist eine krankmachende Überempfindlichkeit des Immunsystems, die sich meist gegen die Pollen von Birken oder anderer Blüten und Gräser richtet. Damit sie entsteht, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Eine besondere Veranlagung und der Kontakt mit den entsprechenden Umweltfaktoren. Therapien, die bei den Genen ansetzen, sind noch nicht in Sicht, den Kontakt mit Allergenen, die man kennt, kann man meist zwar einschränken, aber nicht ganz vermeiden, vor allem, wenn sie allgegenwärtig sind wie die Pollen.

Die ursächliche Behandlung besteht deshalb darin, das Immunsystem gegen diese nur vermeintlichen Feinde gleichgültiger zu machen. Das versucht man mit der Hyposensibilisierung zu erreichen, für die - nach Saisonende - kleine Mengen des allergieerzeugenden Stoffes, des Allergens, in ansteigender Dosierung gespritzt werden. Dieser Versuch, das Immunsystem langsam zu einer toleranteren Haltung gegenüber dem allergieauslösenden Stoff zu bewegen, wird auch als spezifische Immuntherapie bezeichnet.

Große Hoffnungen setzen die Allergiespezialisten für die Zukunft aber auch auf die unspezifische Immuntherapie mit Antikörpern, die sich gegen das Immunglobulin E richten. Dieses IgE nämlich führt zur Ausschüttung der Entzündungsbotenstoffe und sorgt damit dafür, dass die allergische Reaktion in Gang kommt.

Behandlung in Stufen

"Wir haben alles in der Hand, um jedem Patienten stufengerecht helfen zu können", betont Zuberbier. Auch wenn meist der Hausarzt die Allergie erkennt, fordern die einschlägigen Fachgesellschaften in einem "Weißbuch Allergie in Deutschland", das im vorigen Jahr erschien, für die Behandlung ein Stufenkonzept. So gehöre die Immuntherapie schon wegen möglicher Komplikationen in die Hand des Spezialisten.

Zwei Drittel aller Hautärzte in Deutschland besitzen inzwischen die Zusatzqualifikation zum Allergologen. Johannes Ring, Direktor der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Technischen Universität München und maßgeblich an der Abfassung des Weißbuchs beteiligt, wandte sich beim Kongress gegen jede Bagatellisierung des vermeintlich banalen Heuschnupfens, an dem Studien zufolge heute zwischen 15 und 25 Prozent aller Erwachsenen leiden. Dabei denkt er nicht allein an die Lebensqualität der Geplagten. Die langfristige Gefahr besteht im "Etagenwechsel" der allergischen Erkrankung: Bei fast einem Drittel der Betroffenen entwickelt sich im Verlauf von zehn Jahren ein Asthma.

Inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr, dass Allergien - also neben Heuschnupfen und Asthma auch Kontaktallergien und Neurodermitis - zugenommen haben. Eine Studie, die auf dem Kongress vorgestellt wurde, ergab zum Beispiel, dass 15 Prozent der Bevölkerung unter allergischen Ekzemen leidet. Dabei haben übrigens Duftstoffe als Auslöser den Nickel im Modeschmuck inzwischen überholt. Ring betont: "Es sind heute viel zu viele Duftstoffe unterwegs, und auch die ätherischen Öle gehören dazu." Die Allergie-Experten fordern auch die Deklaration von Zutaten in Lebensmitteln, die Allergien auslösen können.

Und sie suchen weiterhin nach einer Antwort auf die naheliegende Frage, wie die Zunahme der Allergien zu erklären sei. Bisher gibt es nur Hinweise. "Jeder hat hier seine Lieblings-Hypothese", so Ring. Die "Urwald-Hypothese" geht zum Beispiel davon aus, dass zu viel Reinlichkeit und Hygiene dem Immunsystem die Arbeit gegen "echte" Feinde abnehme und dadurch seine Fehlleitung anbahnen könne. Aber auch Veränderungen in der Höhe und Art der Luftverschmutzung werden diskutiert. Fest steht, dass der Heuschnupfen seit 1991 in den neuen Bundesländern zugenommen hat. "Ostdeutschland hat sich allergologisch dem Westen schneller und unkomplizierter angeglichen als wirtschaftlich und psychologisch", kommentiert der Münchner Johannes Ring.

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