Gesundheit : Heute ziehen wieder Hirten mit ihren Schafherden durch die spanischen Cañadas

Roland Knauer

Staub wirbelt von der alten Steinbogenbrücke, das Rauschen des Rio Tormes geht im Bimmeln der Kuhglocken unter. Kurze Befehle in kehligem Spanisch halten die Schafe zusammen. Zehn Tiere nebeneinander zockeln auf gerade einmal dreieinhalb Metern zwischen den Steinbrüstungen flott zum Ostufer des Flusses. Aus dem Staub tauchen in der Mittagshitze immer neue Tiere auf, die Herde scheint endlos. Mächtige, Mastino genannte Hirtenhunde traben friedlich zwischen den Schafen. Acht Minuten braucht die wollige Karawane, dann legt sich der Staub langsam wieder, die Kuhglocken verbimmeln in der Ferne, der Rio Tormes lässt sein Rauschen wieder hören.

Dreitausend Schafe haben den Fluss im winzigen Marktflecken Puente del Congosto im äußersten Südwesten der spanischen Provinz Salamanca überquert. Ein Stück weiter warten sie als wiederkäuende Wollknäuel auf einem gekennzeichneten Rastplatz unweit des Ufers auf die kühleren Stunden des Spätnachmittags, während die Hirten ihr Mittagessen verspeisen.

Sechs Wochen ist die Herde aus der Extremadura im Westen Spaniens unterwegs, bis sie in 2500 Metern Höhe unter den Gipfeln der Picos de Europa hoch oben im Norden der iberischen Halbinsel ihre Sommerweiden erreichen. Wenn Ende Mai das Gras unter den Dehesa genannten lichten Steineichenwäldern ihrer Heimat vertrocknet und die Landschaft an die Serengeti Ostafrikas erinnert, brechen die Herden auf und ziehen mit dem Frühling nach Norden.

Oben auf den Bergen bleiben sie dann, bis die ersten Nachtfröste das Wachsen des Grases stoppen. Bis zum Jahresende zieht die Herde wieder nach Süden, dort lassen die Regenfälle des Herbstes inzwischen wieder das Gras wachsen und sorgen für frisches Futter.

Seit zweitausend Jahren wandern die spanischen Hirten als Halbnomaden zwischen ihren Sommer- und Winterweiden. Transhumanz nennen Geographen diese spezielle Art der extensiven Bewirtschaftung, die hervorragend an die ökologischen Verhältnisse des Landes angepasst ist. Bereits im siebenten Jahrhundert wurde schriftlich festgelegt, auf welchen Wegen die Schafe durch das Land getrieben werden dürfen.

Königliches Recht sichert seither für Tiere ein 125 000 Kilometer langes Netz von Wanderwegen, die zwischen zwanzig und 75 Meter breit sind. Mit fast fünftausend Quadratkilometern bedecken diese Cañadas genannten Triftwege eine Fläche, die größer als das Saarland ist.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts aber ersetzte der Güterwaggon der Eisenbahn die lange Wanderung, später erwiesen sich die Ladeflächen von Lastkraftwagen als scheinbar ideales Transportmittel für die Herden. Immer seltener tauchten Schafe auf den Cañadas auf, Nachbarn bemächtigten sich des inzwischen scheinbar herrenlosen Landes. Siedlungen wucherten über die Triftwege, Müllkippen wurden auf ihnen angelegt oder Straßen darauf asphaltiert.

Ein einmaliges Biotop, das gleichzeitig die Naturreservate in verschiedenen Teilen Spaniens miteinander vernetzt, begann zu verschwinden. Mehr als vierzig Pflanzenarten wachsen auf einem einzigen Quadratmeter einer Cañada, über sechzig Arten von Käfern und mehr als hundert Schmetterlingsarten sind auf den Schaftriften zu Hause.

Der spanische Naturschützer Jesús Garzón und die Stiftung Europäisches Naturerbe Euronatur im deutschen Radolfzell am Bodensee wollten diese Entwicklung nicht akzeptieren und begannen Mitte der neunziger Jahre die Transhumanz wiederzubeleben. Im Rahmen eines "Natürlich Mobil" genannten Projektes sponsert DaimlerChrysler das Projekt, die Satellitenbild-Experten von Dornier Satellitensysteme am Bodensee erkunden die Cañadas aus dem Weltraum, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt schießt Geld und Fachwissen zu.

Auch die Hirten nehmen neben Wanderstock und Feldflasche moderne Technik mit auf die Wanderung. Über das Handy verständigen sich die Männer mit ihren Kollegen bei anderen Herden. Auf einem Anhänger schleppt ein Geländewagen die gesamte Ausrüstung zum abendlichen Lagerplatz der Herde.

Ungefährlich ist die Reise aber nicht. Im Norden leben noch Wölfe, acht oder zehn Schafe holen die flinken Räuber in jedem Jahr. Deshalb laufen auch die Mastinos mit, die größer als Schafe sind und ihre Herde verteidigen. Ein eisernes Stachelhalsband wehrt den tödlichen Biss jedes Wolfes an die Kehle ab, tiefe Narben auf der Schnauze eines Mastinos zeugen vom Kampf gegen die Raubtiere.

Manche schwachen und kranken Tiere überstehen die Strapazen der Wanderung nicht, von ihren Kadavern ernähren sich wie seit Jahrtausenden auch heute Kaiseradler, Luchs, Wolf, Bär, Mönchs-, Gänse- und Schmutzgeier. Einige dieser durchweg gefährdeten Tiere nutzen die Cañadas auch als Wanderwege zwischen 150 wichtigen Großlebensräumen. So verhindert die wiederauflebende Transhumanz eine Isolierung der letzten Bestände gefährdeter Arten. In Spanien entsteht so ein Art "Wege-Nationalpark", der vor allem eines schützt: Eine sehr extensive, an Land und Klima angepasste Viehhaltung, die sich auch heute noch rentiert. Für die Natur ohnehin. Aber auch für den Geldbeutel, die Nachfrage nach Fleisch von den Wanderschafen ist enorm.

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