Gesundheit : Hexen, Puffmütter, Schmierenkomödianten

NAME

Von Tom Heithoff

Die Nazizeit liegt über fünfzig Jahre zurück. Viel Zeit? Für die Forschung nicht. Besonders die Täter-Forschung ist noch längst nicht abgeschlossen. Wir wissen wenig über das unterschiedliche Auftreten von männlichen und weiblichen Angeklagten vor Gericht. „Die NS-Prozesse waren in der Geschlechterforschung unerklärlicherweise bislang kaum ein Thema", sagt Ulrike Weckel vom Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (TU Berlin), die mit dem Historiker Edgar Wolfrum (TU Darmstadt) eine Tagung in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Bestien und Befehlsempfänger - NS-Prozesse und ihre öffentliche Resonanz aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive" organisiert hat.

Die meisten NS-Täter waren Männer. Die Untaten des „schwachen Geschlechts" erregten aber umso stärker die Gemüter. Besonders im Konzentrationslager Majdanek bei Lublin waren Aufseherinnen mit großer Brutalität am Werk. Was waren das für Frauen? Ingrid Müller-Münch, die in den 70er Jahren den Prozess journalistisch beobachtet hatte, erzählt von eher banalen Lebensläufen, von Armut, gestörten familiären Verhältnissen, Naivität. Nichts, was einen zum Mörder prädestinieren würde. Zu KZ-Aufseherinnen wurden sie eher zufällig, durch Vermittlung von Bekannten.

Niemand kann erklären, warum das ehemalige Stubenmädchen Hermine Braunsteiner plötzlich die Peitsche gegen kleine Kinder führen konnte. Braunsteiner, genannt „die Stute", weil sie vorzugsweise mit eisenbeschlagenen Stiefeln ihre Opfer malträtierte, berief sich im Prozess, bei dem sie 1981 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, lediglich auf ihre „mangelnde Lebenserfahrung". Auf ihre Naivität zog sich auch die „blutige Brygida" genannte Aufseherin Hildegard Lächert zurück, die sich nicht gescheut hatte, Hunde gegen Schwangere zu hetzen, Kinder mit Schöpfkellen zu schlagen, Aufsässige in der Latrine zu ertränken. Für Müller-Münch bleibt immer noch „Ratlosigkeit und Entsetzen". Erklärung und Analyse sind ihr bis heute nicht gelungen.

Ist das Entsetzen über weibliche Grausamkeit vielleicht auch eine typisch weibliche Reaktion: ein Abwehrverhalten durch Dämonisierung, das besagt: So bin ich, so sind wir Frauen doch nicht? Oder haben wir es mit dem „Willen zum Skandalisieren" (Anette Kretzer, Hamburg) zu tun, der aus der Täterin die „Bestie" macht? Nach Ansicht von Irmela von der Lühe (Göttingen) hat die Reaktion des Schocks tiefere, unbewusste Gründe. „Dass die Frau mit dem Prinzip des Guten und der Erlösung verbunden wird - übrigens bei Männern und Frauen gleichermaßen-, wirkt als eine uralte, kulturell und philosophisch verfestigte Grundlage in uns", sagt die Literaturwissenschaftlerin. Daher haben das Männlich-Böse, der Teufel, und das Weiblich-Böse, die Hexe, einen ganz unterschiedlichen Stellenwert. „Der Mann, der mordet, wird anders bewertet als die mordende Frau", sagt sie. „Das Teuflische ist nicht so bedrohlich wie das Hexenhafte. Die Empörung gegenüber der verbrecherischen Frau ist größer, weil die Frau die Geschlechternorm überschritten hat."

Anders als die Frauen haben sich die männlichen Angeklagten nie mit dem Hinweis auf Unerfahrenheit, Naivität oder nervliche Belastung rechtfertigen wollen. „Sie haben nie persönliche, individuelle Argumente angeführt, sondern ihnen diente die militärische Befehlslogik als Entschuldigung.“ Zu diesem Schluss kommt Sabine Horn (Bremen) in ihrer Analyse filmischer Prozess-Dokumentationen. Doch im Gegensatz zur „Hexe", als welche eine Täterin von den Zeitzeugen übereinstimmend beschrieben wurde, konnte der „teuflische" Mann die unterschiedlichsten Reaktionen hervorrufen.

Neben dem dämonischen Mann beschreiben die Beobachter den schwachen, gebrochenen oder ordinären Jammerlappen, der auf der Anklagebank eine erbärmliche Figur macht. Susanne von Paczensky (Berkeley), die als 22jährige Journalistin den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess verfolgt hatte, erinnert sich, dass bei den Verteidigungsstrategien der Angeklagten „sämtliche Männlichkeitsnormen durchbrochen" wurden. Auch Erika Mann betonte in ihren Berichten für amerikanische Medien oft die „schmierenkomödiantische Banalität" der Täter - wobei sie „umso härter urteilte, je larmoyanter sich die Angeklagten wanden", so Erika Mann-Biographin Irmela von der Lühe.

Doch es existierte noch ein weiteres Täter-Bild, das auf den ersten Blick überrascht. „Viele journalistische Bobachterinnen betrieben eine Sexualisierung der Täter", so Anneke de Rudder (Berlin). Einige erotisierten die Nazi-Verbrecher sogar - so sollen sich manche Prozess-Beobachterinnen darüber unterhalten haben, mit welchem Mann sie am liebsten ins Bett gehen würden (der Favorit war Göring). Zum anderen jedoch verspotteten sie die männlichen Täter, indem sie sie feminisierten - die Autorin Rebecca West beispielsweise beschrieb Hermann Göring als Puffmutter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben