HI-Virus : Positiv leben

Mit dem „Schöneberger Modell“ ist die Hauptstadt Vorreiter in der Behandlung und Betreuung HIV-Infizierter Mittlerweile leben viele Menschen dank wirksamer Medikamente Jahrzehnte mit dem Immunschwäche-Virus. So werden sie in Berlin versorgt

Adelheid Müller-Lissner

15 Jahre ist es jetzt her, dass Ralph E. sich wegen einer Grippe behandeln lassen musste. Dachte er. Das hartnäckige hohe Fieber ließ dem 29-Jährigen keine Wahl. Er kam ins Schöneberger Auguste-Viktoria-Krankenhaus. Dort wurde eine Lungenentzündung diagnostiziert. Und noch etwas, das sein Leben veränderte: Ein Test ergab, dass er HIV-positiv war.

Heute sagt der 44-Jährige: „Mein großes Glück im Unglück war, dass es zu diesem Zeitpunkt schon ein ganzes Netzwerk gab, in dem ich mich aufgehoben fühlen konnte.“ In der Klinik konnte man dem jungen Mann einen Arzt empfehlen, der sich mit moderner antiviraler Therapie auskannte, und man ebnete ihm den Weg zur HIV-Stelle des Gesundheitsamtes, „wegen all der sozialrechtlichen Fragen, die es da zu klären gibt“.

Außerdem wurde ihm empfohlen, mit der Berliner Aids-Hilfe Kontakt aufzunehmen. „Die Angebote, die von dort kamen, waren vor allem für meine Mutter wichtig, die von der Diagnose sehr geschockt war.“ Für ihn selbst wurden die Frühstücke, die immer montags und donnerstags stattfinden, zu einem wichtigen Termin. „Die Gespräche entlasten und unterstützen bei den emotionalen Geschichten, bei denen Ämter nicht weiterhelfen können.“

Im „Schöneberger Modell“ zur Behandlung und Betreuung HIV-Infizierter und Aidskranker wird die Vernetzung ambulanter und stationärer Angebote, die heute Gesundheitspolitiker aller Couleur fordern, schon seit gut 20 Jahren praktiziert. Berlin war Vorreiter, inzwischen hat das Modell in anderen Großstädten Nachahmer gefunden. „Wir hatten schon immer das Konzept, das heute aus ökonomischen Gründen gefordert wird“, sagt der Internist Keikawus Arasteh, langjähriger Chefarzt der Klinik für Infektiologie im heutigen Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum. Er fügt jedoch hinzu: „Hätten wir es nur aus wirtschaftlichen und nicht auch aus menschlichen und medizinischen Gründen geschaffen, würde dieses Netzwerk nicht so gut funktionieren.“

Keimzelle war das Schöneberger Auguste-Viktoria-Krankenhaus, in dem Mitte der 80er-Jahre die ersten Aidsfälle behandelt wurden. „Von Anfang an hatten wir als Selbsthilfegruppe dort ungehinderten Zugang zu den Patienten, bis hin zum Rooming In“, sagt Kai-Uwe Merkenich, Geschäftführer der Berliner Aids-Hilfe.

Mit ambulanten und stationären Angeboten fängt das Schöneberger Modell 80 bis 90 Prozent aller Berliner HIV- und Aids-Patienten auf. Über 50 niedergelassene Ärzte und Zahnärzte haben sich im Arbeitskreis Aids zusammengeschlossen, neben den HIV-Schwerpunktpraxen gehören dazu etwa Hautärzte und Neurologen. Weil sie inzwischen über die ganze Stadt verteilt sind, könnte man auch vom „Berliner Modell“ sprechen. Doch erstens hängen die Beteiligten am schon geschichtsträchtigen Namen. Und zweitens ist Schöneberg nach wie vor der Berliner Bezirk, in dem die meisten HIV-Positiven leben.

Bei HIV und Aids gibt es besonders gute Gründe für ein abgestuftes Hilfsangebot, dessen Bestandteile ineinandergreifen: Wer sich mit dem Immunschwäche-Virus infiziert hat, also HIV-positiv ist, muss deshalb nicht zwangsläufig an der Immunschwäche-Krankheit Aids (Aquired Immune Deficiency Syndrome) erkranken. Denn mit einer Kombination wirksamer Medikamente kann das Virus jahrelang in Schach gehalten werden.

Auf Dauer behandlungsbedürftig sind die Betroffenen dennoch, denn sie müssen die Therapie konsequent durchhalten und immer wieder ihre Blutwerte bestimmen lassen. Und sie brauchen oft wegen der Nebenwirkungen ihrer Medikamente medizinische Unterstützung, die möglichst von der vertrauten Praxis geleistet wird.

„Drei bis vier Prozent der Infizierten werden jedoch aidskrank und müssen im Krankenhaus behandelt werden“, sagt Arasteh. Die Mediziner haben es oft mit Patienten zu tun, bei denen die Medikamente nicht mehr greifen. Die langjährig HIV-Positiven bekommen zudem häufiger Krebs. Ralph E. findet es beruhigend, dass er mit den zwei spezialisierten Stationen des Auguste-Viktoria-Klinikums im Ernstfall eine gute Anlaufstelle hat. Der Arzt aus der Schwerpunktpraxis, in der er ambulant betreut wird, kann jederzeit dort anrufen, wenn es seinem Patienten schlecht geht.

Vor allem für eine umfassende Diagnostik und für Infusionen kommen die Betroffenen in die seit 1992 bestehende Tagesklinik. Auch Ralph E. war im Lauf der Jahre schon mehrfach dort Patient, zuletzt ist er mehrere Tage hintereinander hingefahren, weil er wegen eines Tinnitus Infusionen bekam. Ein weiteres wichtiges Element des Schöneberger Modells bildet auch das auf HIV spezialisierte, in Kreuzberg ansässige Felix Pflegeteam, dessen Mitarbeiter Kranke zu Hause besuchen. Mit der Firma EPIMED hat man außerdem eine GmbH gegründet, in deren Rahmen das Krankenhaus zusammen mit den Niedergelassenen klinische und epidemiologische Studien durchführt.

Durch die modernen Therapien hat HIV einiges von seinem Schrecken verloren. Doch auf das Netzwerk kommen neue Herausforderungen zu. „Hatten wir es zu Beginn meist mit jungen schwulen Männern zu tun, die untereinander sehr verbunden waren und selbst vieles bewegt haben, so betreuen wir heute auch zunehmend Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa, Asien und Afrika, und das Altersspektrum geht von 17 bis 80 Jahre. Wir lernen, mit dem unterschiedlichen kulturellen Background umzugehen und ganze Familien mit einzubeziehen“, sagt Lars Vestergaard von Laustsen, Krankenhausreferent bei der Berliner Aids-Hilfe.

HIV-Infizierte werden nicht selten von psychischen Probleme geplagt. Die Älteren haben erlebt, wie ihre Freunde jung starben. Sie selbst dürfen leben – schaffen es aber oft nicht, den Alltag zu bewältigen. So steigen viele wegen verschiedener Beschwerden früh aus dem Erwerbsleben aus, oft bei mageren Renten.

„HIV-Patienten sind eine gesellschaftliche Minderheit, doch im Umgang mit ihnen hat sich vieles entwickelt, was für die Gesellschaft insgesamt gut sein könnte“, meint Arasteh. In einem Hilfsprojekt wollen er und sein Team das nun an Kollegen in der Ukraine weitergeben.

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