Gesundheit : „Hilf mir, es selbst zu tun“

Vor 100 Jahren eröffnete in Rom der erste Montessori-Kindergarten. Heute gibt es allein in Deutschland 600

Adelheid Müller-Lissner

Am 7. Januar 1907 eröffnete in einem modernen römischen Arbeiterviertel, der Trabantenstadt San Lorenzo, ein Kindergarten. So unspektakulär das klingen mag – es wurde der Beginn einer anhaltenden Erfolgsstory, die sich inzwischen längst nicht mehr auf die frühkindliche Erziehung beschränkt. Wo und wann immer heute über „Reformpädagogik“ diskutiert wird, fällt schnell der Name der Frau, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts diese „Casa dei bambini“ in Rom konzipierte.

Dr. med. Maria Montessori, geboren 1870, wäre ohnehin in die Annalen eingegangen. Die Tochter aus großbürgerlichem Haus war die erste Frau, die in Italien im Fach Medizin promovierte. Es war dann wohl der schockierende Eindruck von geistig behinderten Kindern, die depriviert – ganz ohne Anregungen – in einer psychiatrischen Klinik vor sich hin lebten, der das Interesse der jungen Assistenzärztin einer psychiatrischen Klinik an Pädagogik weckte. Sie studierte nach der Medizin noch Anthropologie und Erziehungsphilosophie. In San Lorenzo wahrte sie schließlich die Gelegenheit, ihre Ideen in die Tat umzusetzen.

Heute gibt es allein in Deutschland fast 600 Montessori-Kindergärten, meist nach dem römischen Vorbild „Kinderhäuser“ genannt, außerdem 300 Grundschulen und 80 weiterführende Schulen. Ein besonders dichtes Netz an Montessori-Einrichtungen besteht in Skandinavien und in den Niederlanden, wo Montessori nach dem Zweiten Weltkrieg lebte und 1952 starb.

Wer dort unterrichten will, muss ein Montessori-Diplom abgelegt haben. Zu den Grundsätzen gehört das Vertrauen in die Kräfte des Kindes, auf dessen inneren Antrieb, als „Baumeister seiner selbst“ zu lernen und „groß“ zu werden. Die Erwachsenen verstehen sich dabei als Helfer; sie stellen das passende didaktische Material bereit, mit dem die Umgebung motivierend vorbereitet werden soll. Vor allem für die Freiarbeit mit diesen speziellen Kärtchen, Perlenschnüren und anderen Objekten ist die Montessori-Pädagogik berühmt. „Hilf mir, es selbst zu tun“ soll ein Kind zur Gründerin gesagt haben – der Satz wurde zum Wahlspruch einer ganzen Bewegung.

Mit dem Konzept der „sensiblen Phasen“, in denen ein Kind entwicklungspsychologisch offen dafür ist, bestimmte Dinge zu lernen, folgte die Italienerin dem Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget. In neuerer Zeit wird das Modell der „Zeitfenster“ auch von Forschern bestätigt, die sich mit der Entwicklung des kindlichen Gehirns befassen. Die Kinder, die in einer Gruppe zusammen lernen, sollen dabei bewusst nicht alle in derselben Entwicklungsphase stecken. Zum Konzept gehört die Altersmischung und der Einsatz älterer Schüler als „Paten“ der jüngeren Schulkameraden.

Ganz bewusst „gemischt“ werden heute in den integrierten Kindergärten und Grundschulen auch behinderte und nicht behinderte Kinder. Besonderen Anschauungsunterricht dafür liefert schon seit Jahrzehnten das Kinderzentrum München, das der Kinderarzt Theodor Hellbrügge mit Hilfe der Aktion Sonnenschein-Hilfe für das mehrfach behinderte Kind gründete. Die erste Grundschulklasse startete 1970. Für den damaligen bayerischen Kultusminister Hans Maier war die Idee der Integration noch eine „Sozialutopie“. Inzwischen ist der Bezirk Oberbayern ganz offiziell für die Kombination von Fachklinik für Sozialpädiatrie, Sozialpädiatrischem Zentrum und Montessori-Schule auf einem Gelände in München-Großhadern zuständig.

„Maria Montessori gebührt das besondere Verdienst, das Schubladendenken überwunden zu haben“, sagte der Leiter des Münchner Kinderzentrums, der Pädiater Hubertus von Voss, dem Tagesspiegel. Montessori habe Medizin und Pädagogik zum Wohl entwicklungsgestörter, auffälliger und sozial gefährdeter Kinder verbunden „und damit etwas getan, was wir heute allseits fordern“. Aus dem Vertrauen in die Kreativität aller Kinder heraus habe sie einen „grandiosen Entwurf“ für vorschulische und schulische Erziehung und für Heilpädagogik geliefert.

Rechtzeitig zum Jubiläum der Montessori-Pädagogik erschienen kürzlich im Wissenschaftsmagazin „Science“ (Band 313, S. 1893-94) Studienergebnisse aus den USA, die Skeptiker auch in puncto Schulleistung beruhigen könnten. Die Psychologin Angeline Lillard hat für ihre Untersuchung die Lernerfolge von 59 Montessori-Schülern und 53 Altersgenossen verglichen, die herkömmliche staatliche oder private Kindergärten und Schulen in Milwaukee besuchten. Die Kontrollgruppe wurde dabei bewusst aus Kindern gebildet, deren Eltern sich ebenfalls um einen der begehrten Plätze in der Montessori-Einrichtung bemüht, im Losverfahren jedoch den Kürzeren gezogen hatten.

Die Studie belegt in einigen Punkten einen deutlichen Vorsprung der Montessori-Erziehung: Zum Ende der Kindergartenzeit zeigten die Sechsjährigen nicht nur ein deutlich besseres Sozialverhalten, sondern schnitten auch in standardisierten Lese- und Rechentests besser ab. Bei den Zwölfjährigen, die die Elementarschule abschlossen, ergab sich ein ähnliches Bild: Die Montessori-Schüler schrieben kreativere Aufsätze und verfügten über komplexere Satzstrukturen, sie fanden in Tests praktikablere Lösungen für fiktive Gruppenprobleme als die Absolventen der Regelschule und gaben an, sich in ihrer Schule sozial gut aufgehoben zu fühlen.

Nun sei es jedoch nötig, den Bildungsverlauf der Jugendlichen weiterzuverfolgen und solche Vergleiche auch an anderen Orten und mit anderen Einrichtungen zu starten, fordert die Autorin. Denn auch wenn sie die Grundprinzipien teilen, unterscheiden sich Montessori-Einrichtungen auf aller Welt beträchtlich.

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