Gesundheit : Hilfe von allen Seiten

Krankenhäuser und Arztpraxen waren lange Zeit strikt getrennte Welten. Bei der Behandlung von Krebs verschwindet diese Grenze immer mehr Ein neu verabschiedetes Gesetz zur Verbesserung der Versorgung soll beide Sphären noch enger verbinden. Davon profitieren die Patienten.

 Adelheid Müller-Lissner

Nicht, dass Sandrine P. (Name geändert) wortkarg wäre oder verschlossen. Wer als Übersetzerin arbeitet, hat gern mit Sprache zu tun. Aber in diesem Fall fällt ihr das Reden doch schwer. „Wenn ich jedem Arzt meine Geschichte immer wieder ganz von vorne erzählen müsste, wäre das eine zusätzliche Belastung“, sagt die 50-Jährige. Seit dem 3. November 2011 hat sie ständig mit Ärzten zu tun. An diesem Tag folgte der Mammografie und dem Ultraschall gleich die Entnahme einer Gewebeprobe. Dann hatte sie die Gewissheit: Es ist Brustkrebs, die Behandlung sollte so schnell wie möglich beginnen.

Nun, gut zwei Monate später, hat sie die Entfernung einiger Lymphknoten und mehrere Zyklen einer Chemotherapie hinter sich, die den Tumor schon etwas zum Schrumpfen gebracht haben. Sechs müssen es sein, dann kommt die Operation, anschließend noch eine Strahlentherapie. Die Behandlung mit den zellgiftigen Medikamenten belastet und schlaucht körperlich, sie verändert zugleich aber auch die Perspektiven. „Wenn ich beim Bäcker anstehe mit meiner Perücke, dann kommt mir das so unwirklich vor. Alle anderen scheinen gesund zu sein, nur ich habe diese Krankheit.“

Der Eindruck könnte täuschen. Denn Krebs ist häufig, die Zahlen steigen nach jüngsten Meldungen sogar. Oft fällt der Krebs aber nicht auf. Bei rund 470 000 Menschen wird allein in Deutschland in jedem Jahr ein Krebsleiden neu festgestellt, weit mehr leben mit Krebs als einer chronischen Krankheit. Zahlen, die oft wiederholt werden, Zahlen, die Angst machen. Was viele aber nicht wissen: Neun von zehn Krebserkrankungen können heute ohne Krankenhausaufenthalt behandelt werden. Viele Betroffene nehmen beispielsweise ihr Leben lang Medikamente dagegen, die ihnen von einem niedergelassenen Spezialisten verordnet werden. Wir treffen sie in der U-Bahn, beim Bäcker und beim Sport, ohne etwas von ihrem Leiden zu ahnen.

„Die Frauen haben den Wunsch nach möglichst viel Freiheit in ihrer Krankheit“, sagt Christiane Keitel-Wittig über „ihre“ Brustkrebspatientinnen. Die Internistin und erfahrene Krebstherapeutin arbeitet im Rahmen eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) am Oskar-Helene-Heim in Dahlem zusammen mit Kollegen in einem onkologischen Schwerpunkt. Im Verein „Ärztinnen gegen Brustkrebs“, den sie mit Kolleginnen zusammen im Jahr 1998 gegründet hat, hat sie sich jahrelang für dieses Mehr an Freiheit eingesetzt. Inzwischen habe sich viel getan, vor allem in den Städten, sagt Keitel-Wittig. „Die Patientinnen werden teilweise im Rahmen von Disease-Management-Programmen ihrer Krankenkassen durch die Behandlung geführt, sie werden in Brustzentren betreut, in denen die Behandler aus den Krankenhäusern und wir Niedergelassenen eng zusammenarbeiten.“ Eine Erfolgsgeschichte. „In mehr als 90 Prozent der Fälle greift das harmonisch ineinander“, sagt die Internistin.

Durch das Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstruktur, das der Deutsche Bundestag kurz vor Weihnachten beschlossen hat, soll die Verbindung zwischen Behandlung in der Klinik und Behandlung in der Praxis eines niedergelassenen Arztes nochmals verbessert werden. Eine „ambulante spezialärztliche Versorgungsschiene“ macht es möglich, dass beide in dem Bereich, in dem sich ihre Kompetenzen überlappen, sektorenübergreifend tätig werden dürfen. Einige Behandlungen dürfen dann sowohl von Spezialisten aus dem Krankenhaus als auch von Spezialisten aus dem niedergelassenen Bereich durchgeführt werden – zu gleichen Qualitäts- und Rahmenbedingungen. Eine Neuerung, die besonders für diejenigen Krebskranken Auswirkungen haben dürfte, deren Behandlung schwierig und langwierig ist.

„Praxis und Krankenhaus sind keine vollkommen verschiedenen Welten“, sagt der Kölner Krebsspezialist Stephan Schmitz, Vorsitzender des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland (BNHO). Er sieht die besondere Aufgabe der niedergelassenen Krebsspezialisten darin, Patienten über Jahre und Jahrzehnte zu begleiten – auch wenn sie vielleicht immer wieder in eine Klinik müssen, etwa für eine Operation. Zum Glück habe er inzwischen viele Patienten, die lange leben, obwohl ihre Krebserkrankung nicht besiegt werden kann und oft weiter fortschreitet. „Eine meiner Patientinnen hat seit zwölf Jahren Metastasen in der Leber, die wir in Schach zu halten versuchen. Zuerst hatte sie den Wunsch, die Geburt ihres Enkels zu erleben, nun ist bald seine Kommunion.“ Schmitz versteht sich nicht zuletzt als Manager und Koordinator des Behandlungsverlaufs.

Sandrine P. war, nachdem ihre Diagnose feststand, zunächst im Brustzentrum des Krankenhauses Waldfriede. Mit dessen Leiterin Barbara Brückner konnte sie ausführlich darüber sprechen, welche operativen Möglichkeiten es gibt. Die befallenen Lymphknoten wurden relativ schnell herausgenommen, eine Brust-OP soll später folgen. Zunächst aber übernahm Christiane Keitel-Wittig. Frau P. ist froh, dass ihre beiden Ärztinnen sich einmal die Woche auf der Tumorkonferenz des Brustzentrums treffen. „Beide haben mich begleitet und tun das noch“, sagt sie. Später werden noch Strahlenmediziner hinzukommen. Außerdem braucht sie Physiotherapie wegen ihres operierten Arms, und sie möchte eine Psychotherapie beginnen. Dass sie es mit verschiedenen Spezialisten zu tun hat, die an unterschiedlichen Orten arbeiten, verstärkt sogar ihre Zuversicht, wieder ganz gesund zu werden. Solange die sich einig sind. Und solange sie als Patientin nicht alles doppelt und dreifach erzählen muss.

Weitere Informationen zu Tumorarten und ihrer Behandlung auf www.gesundheitsberater-berlin.de

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