Gesundheit : Hinschauen erspart Wegsperren - Tagung in Berlin

Anne Strodtmann

Gewalt in der Familie, der Kinder und Jugendliche als Opfer oder auch als Beobachter ausgesetzt sind, hat erheblichen Einfluss auf den Umgang der Kinder und Jugendlichen mit Konflikten. Auch ihre Einstellung zur Gewalt und ihr tatsächliches Handeln wird dadurch bestimmt. Mit anderen Worten: Kinder und Jugendliche, die von ihren Eltern geschlagen werden, sind aggressiver und eher bereit selbst Gewalt anzuwenden. Das belegt eine Studie des Rechtswissenschaftlers Christian Pfeiffer aus dem Jahre 1998, die er gestern auf einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung "Kinder schlagen - gesetzlich verboten?" vorstellte.

Nur 43 Prozent der damals befragten 16.190 Schüler der neunten und zehnten Jahrgangsstufe in neun Städten hatten erklärt, sie seien niemals geschlagen worden. Aber knapp zehn Prozent waren als Kinder mißhandelt worden - mehr als die Hälfte von ihnen sogar häufig. Zählt man noch diejenigen dazu, die schwere Züchtigungen wie Fausthiebe oder Prügel mit einem Gartenschlauch erdulden mussten, ergibt sich: Mehr als ein Viertel der Jugendlichen waren in ihrer Kindheit von massiven Formen elterlicher Gewalt betroffen.

Die Befragung hat gezeigt, dass die elterliche Gewalt auch von der sozialen und der ökonomischen Situation der Familie beeinflusst wird. So wird in Familien, in denen der Vater arbeitslos ist oder der Lebensunterhalt durch Sozialhilfe bestritten wird, häufiger geprügelt als in Familien ohne derartige Belastungen. Die innerfamiliäre Gewalt ist, so Pfeiffer, bedeutsamer als jede andere von Kindern und Jugendlichen erlebte Gewalt. Denn sie werde häufiger und zudem von geliebten Menschen ausgeübt.

Aber nur ein kleiner Teil dieser Kinder hat sich anderen Menschen anvertraut: Etwa zehn Prozent haben mit Lehrern gesprochen, zwei Prozent sind zur Polizei gegangen und nur eines von hundert misshandelten Kindern hat sich an ein Jugendamt gewandt. Die anderen hatten, wie Pfeiffer erläuterte, Angst, dass ihre Klagen sofort an die Eltern gemeldet würden und damit eine weitere Eskalation von Gewalt auslösen. Pfeifer forderte daher, dass wir den Kindern mehr "ausübende Hilfe" anbieten müssten: Mitarbeiter von Jugendämtern oder Jugendschutzeinrichtungen sollten häufiger in die Schulen gehen und ihre Hilfsangebote vorstellen und gleichzeitig den betroffenen Kindern und Jugendlichen absolute Verschwiegenheit analog zur ärztlichen Schweigepflicht zusichern.

Um eine gewaltfreie Erziehung zu fördern, wird jetzt im deutschen Bundestag ein von SPD und Grünen eingebrachter Gesetzesentwurf zur "Ächtung von Gewalt in der Erziehung" diskutiert. Wie die Justizministerin Herta Däubler-Gmelin auf der Tagung sagte, soll das Gesetz bereits im kommenden Sommer beschlosen werden. Damit werde, so die Ministerin, dem Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung Rechnung getragen, wie es bereits in den Normen der Vereinten Nationen verankert sei. Um die Erkenntnis, dass in der Kindheit erfahrene Gewalt wieder zu Gewalt führt, könne sich heute niemand mehr herumdrücken. Kinder müssten lernen, wie Konflikte gelöst werden können. Aber, so Däubler-Gmelin, "Konflikte werden nicht durch Schläge gelöst."

Mit dem neuen Gesetz wird Paragraph 1631, Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches geändert: "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig." Man habe ganz bewusst diese Gesetzesänderung im Zivilrecht vorgenommen, da es darum gehe das Bewusstsein der Menschen langfristig zu verändern, nicht aber strafrechtliche Forderungen aufzustellen. Die Gesetzesänderung sei aber nicht ausreichend. Zusätzlich müssten noch flankierende Maßnahmen greifen, die jedoch nicht kostenlos zu haben seien, betonte die Ministerin: Eine wichtige Rolle komme umfangreichen Aufklärungskampagnen zu. Weiterhin müssten die Jugendämter besser ausgestattet werden. Und Richter und Anwälte seien durch Fortbildungen für das Problem zu sensibilisieren. Alle Maßnahmen, die letztlich Gewalt verhindern, könnten spätere Kosten verringern: "Früheres Hinschauen erspart späteres Wegsperren."

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