Gesundheit : Hirne schrumpfen: Wer sich füttern lässt, wird blöd

Niko Deussen

"Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm", erkannte einst Stückeschreiber Bert Brecht. Konrad Lorenz hingegen warnte vor der Wohlstandsgesellschaft. Ein Leben ganz ohne Arbeit und Anstrengung versaue die Moral, glaubte der Verhaltensforscher. Zudem kann ein Dasein als Frührentner mit der Zeit mächtig auf den Geist gehen und an der Substanz zehren. Zumindest für Fische bewiesen das kürzlich Gabrielle Nevitt und Michael Marchetti. Die Forscher von der University of California in Davis verglichen die Gehirne von Regenbogenforellen.

Während 52 Tiere der untersuchten Gruppe aus einer Zuchtanlage stammten, wurden 48 Fische in frei fließenden Gewässern gefangen. Acht verschiedene Messwerte umfasste die Untersuchung. In sieben davon zeigten sich die wild lebenden Exemplare ihren eingesperrten Artgenossen überlegen. So war bei ihnen das Vorder- oder Endhirn deutlich größer, ebenso der Riechkolben, ein stammesgeschichtlich alter Teil des Endhirns. Als Ursachen des Hirnschwunds vermuten die amerikanischen Biologen ein ähnliches Phänomen wie bei Labormäusen: Frei lebende Tiere bilden viel mehr Verknüpfungen zwischen ihren Hirnzellen aus als Nager, die unter wenig anregenden, kärglichen Käfigbedingungen heranwachsen.

Dass fehlende Reize auf Dauer Hirnstruktur und -größe beeinträchtigen, zeigte schon vor einiger Zeit Nicolaus Petersen von der Universität Hamburg. Beweiskräftige Befunde fand er ebenfalls bei Fischen. Astyanax mexicanus lebt sowohl in unterirdischen wie in Oberflächengewässern. Als Höhlenfische weisen sie - wie andere Grottenbewohner auch - verkümmerte und unvollständige Augen auf, die meisten sind sogar völlig blind. Verglichen mit den im Licht lebenden Artgenossen, ist ihr Sehzentrum, das Mittelhirndach, auffällig kleiner.

Verirren sich sehende Exemplare in Höhlengewässer, erblinden sie mit der Zeit, das Sehzentrum beginnt sich zurückzubilden. In Höhlen sind die Blindfische gegenüber sehenden Futterkonkurrenten nicht im Nachteil, im anhaltenden Dunkel ist Sehen keine Bedingung fürs Überleben. Zufällige Mutationen auf den Augen-Abschnitten der DNS werden daher nicht durch natürliche Selektion, den Tod der Fische, beseitigt. In den folgenden Generationen reichern sich die genetischen Veränderungen an, nach und nach degenerieren die Sehorgane. Die missgebildeten Augen senden keine Signale mehr ans Gehirn - dort fehlt der Input, die entsprechende Region verkümmert ebenfalls.

Auch die Hirne unserer Hausgenossen sind im Laufe der Domestizierens geschrumpft. Besonders drastisch ist der Rückgang bei Hund und Schwein, seit rund 10 000 Jahren Begleiter des Menschen: bis zu 35 Prozent Substanzverlust. "Die Gehirnreduktion bei Haustieren ist weitgehend erblich", so Petersen. "Das belegen zum einem die Kreuzungen zwischen Haustier und Stammform. Dagegen hat sich das Gehirn von Haustieren, die über Generationen wieder ausgewildert sind, nur wenig verändert."

Die Gesellschaft des Menschen scheint auch Zootieren zu schaden. Schon in der ersten Gefangenschaftsgeneration zeigen sie Einbußen an Gehirnmasse. Selbst Tieren, die nur die Nähe des Menschen suchen, bleibt dieses Schicksal offenbar nicht erspart. So verglichen Veterinäre der Tierärztlichen Hochschule Hannover die Hirne von Wildenten mit denen von Haus- und Stockenten, den allgegenwärtigen Bewohnern innerstädtischer Tümpel und Teiche. Wie erwartet, war das Hirn der Hausente um ein Fünftel leichter als das der Stockente, ihrer Stammform. Mehr noch: die Gehirngrößen kulturfolgender Stockenten entsprachen nicht denen der wildlebenden Artgenossen, sondern eher jenen der Hausenten.

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