Gesundheit : Historiker am Stammtisch

Der Stand der Dinge (14): Peter Steinbach warnt Zeitgeschichtler vor Schnellschüssen in aktuellen Debatten

Peter Steinbach

In dieser Serie berichten renommierte Geistes- und Sozialwissenschaftler über den Forschungsstand ihrer Disziplin. Welche Aufgaben stellen sich die Forscher? Welcher Begriff hat Konjunktur, worüber wird diskutiert?

Die Zeitgeschichte ist im Begriff, den Weg einer reflektierten und kontrollierten wissenschaftlichen Geschichte zu verlassen. Wenn sich ihre Fachvertreter mit großem Engagement in die Gegenwartsdebatten einschalten, vergessen sie oft, dass sie lediglich als Zeitgenossen argumentieren, denen es um politische Akzentuierung geht. Gegenwärtig sind Historiker in den Medien sehr gefragt: sei es in der Bewertung der amerikanischen Nahostpolitik oder in der Auseinandersetzung mit dem deutsch-amerikanischen Verhältnis, im Streit über die Erweiterung der EU um die Türkei – oder auch in der Debatte um die Streichung von irgendwelchen Namen von irgendwelchen Ehrenbürgerlisten.

Das gilt ebenso in den außenpolitischen Ortsbestimmungen, in den vielleicht amüsanten zeitdiagnostischen Polemiken über die angebliche „Verzwergung“ oder „Verostung“ deutscher Politik oder gar beim Ruf des Bürgertums auf die Barrikaden dieser Republik. Seit dem 11. September und im Vorfeld des Irak-Krieges werden heftig Positionen über den angeblichen Konflikt der Kulturen ausgetauscht. Das ist eine feuilletonistische Debatte, die zur gebotenen differenzierten Betrachtung des Islam nichts beigetragen hat. Außerdem versäumen es die Historiker derzeit, die Erfahrungen des ersten und zweiten Golfkrieges bewusst zu machen, und zeigen so, wie kurz ihr Gedächtnis ist.

Vielfach handelt es sich bei den Beiträgen um eine Abreaktion einer ebenso engagierten wie enragierten Zeitgenossenschaft, die sich nicht von Komplizenschaft trennen lässt und methodisch kontrollierte Erkenntnis erschwert. Nichts aber gegen Zeithistoriker als Zwischen- und Ordnungsrufer, wie Richard Löwenthal. Der warnte als entschiedener Antikommunist – gerade in der großen Zeit der Entspannungspolitik – vor dem sowjetischen Militärpotenzial.

Die Kritik an der Zeitgeschichte ist nicht neu – aber deshalb muss es nicht falsch sein, sie noch einmal zuzuspitzen. Als Produkt der Umerziehung verächtlich gemacht, tat sich die „wissenschaftliche Zeitgeschichte“ nach 1945 zunächst ebenso schwer wie die Politikwissenschaft, akademische und öffentliche Anerkennung zu finden. Sie galt in weiten Teilen der Öffentlichkeit als durch die Siegermächte aufgezwungen und als Ausdruck ihrer Willkür, eine „politische Charakterwäsche“ durch politische Bildung einzuleiten. Gefördert wurde die Verankerung der Zeitgeschichte in der Forschung vor allem durch das Münchener Institut für Zeitgeschichte und durch neu begründete Lehrstühle für Politikwissenschaft und Zeitgeschichte. Innerhalb der Historikerzunft hätten Zeithistoriker vermutlich keine Chance bekommen. Motiviert wurden die politologisch orientierten Zeithistoriker wie Karl Dietrich Bracher durch den Willen und Auftrag, die doppelte deutsche Katastrophe – das Scheitern der Weimarer Republik und die überraschend problemlose Konsolidierung der nationalsozialistischen Diktatur – zu erklären. Später hatten Zeithistoriker eine wichtige Rolle als Gutachter in den NS-Strafverfahren .

Verlorene Schlachten

Wenn es um Vergleiche politischer Konstellationen und Spielräume geht, ist es sinnvoll, sich der Zeitgeschichte zu bedienen. Brünings Politik der Haushaltskonsolidierung in der Weimarer Republik etwa kann durchaus auf die aktuelle deutsche Debatte bezogen werden. Problematisch wird es jedoch, wenn wissenschaftliche Rationalität historischen Assoziationen geopfert wird. Debatten über die Zeitgeschichte können leicht auf das Niveau historischer Stammtischdiskussionen sinken, bei denen es darum geht, vergangene Niederlagen und politische Fehlschläge nachträglich in das Bessere zu wenden. Das kennen wir aus den Debatten über die Schlachten des Zweiten Weltkrieges, aber auch über angebliche verspielte politische Optionen wie die Stalinnote des Jahres 1952.

Hinter jeder zeitgeschichtlichen Debatte steht die Frage, ob man aus der Geschichte lernen könnte. Diese Art der Annäherung an das Vergangene bedeutet vielleicht eine Chance für die politische Bildungsarbeit und für die publizistische Debatte, zugleich muss man im Präsentismus eine Herausforderung für die Disziplin sehen. Sie stand immer in der Gefahr, reflexartig auf Konjunkturen des historischen Interesses zu reagieren. Verstärkt wird diese Tendenz durch das Fernsehen, wie jede Staffelfolge zeigt, die Guido Knopp verantwortet. Es geht dann um Lebensgefühle: Über Hell und Dunkel bestimmt der letzte überlebende angebliche Zeitzeuge, der eine Schneise durch das Dickicht der Vergangenheit ausleuchten will und dabei Erlebtes mit Gehörtem und Gelesenem vermengt. Das haben manche Stalingradkämpfer jüngst in ihren ebenso sentimentalen wie peinlichen Reminiszenzen demonstriert. Und so sehen wir im Augenblick, dass Kriegsveteranen als kompetente Kommentatoren moderner Kriegsführung missbraucht werden.

Ist wissenschaftliche Zeitgeschichte unter den Bedingungen einer Erregungs- und Überwältigungsgesellschaft überhaupt möglich? Oder haben die frühen Kritiker wissenschaftlicher Zeitgeschichte Recht, die meinten, der Historiker brauche zeitlichen Abstand zwischen sich und den von ihm erforschten Problemen und Ereignissen? Konrad Jarausch, einer der Direktoren des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, hat den vielleicht einzigen Weg gewiesen, um das Spannungsverhältnis zwischen politischer Zeitgenossenschaft und wissenschaftlicher Einsicht zu bewältigen: Jarausch sagt, dass wir mit Ausnahme der Vergangenheit alles, das Vergangene aber eben nicht verändern können. Der Historiker muss sich die Perspektive bewusst machen, aus der er auf die Vergangenheit blickt. Nur dann kann er die von Norbert Elias betonte Herausforderung bewältigen, Distanzierung und Engagement in Einklang zu bringen.

Die Geschichte der DDR können wir so als große zeithistorische Herausforderung deuten. Sollen wir den Zeitgenossen etwa abnehmen, dass sie – „in antifaschistischer Absicht“ – nur das Beste wollten, als sie die zweite deutsche Diktatur etablierten? Lassen wir uns auf die Deutung der Geschichte von ihrem Ende ein, dann belasten wir jeden Zeitgenossen mit der Verantwortung für Fehlentwicklungen, Verbrechen und moralisches Versagen. Der Historiker vergisst dann, dass er alles weiß, weil es sich ereignet hat, und in einigen Fällen wird er gar zum Ankläger und Richter in einer Person. Angemessen ist der Versuch, aus der Mitte der Ereignisse Geschichte zu analysieren und zu bewerten. Was war möglich, was scheiterte, wie handeln Menschen, die den Ausgang ihrer gerade erlebten, gestalteten oder durchlittenen Geschichte nicht einmal ahnen?

Es geht um Schicksale

Brisanter als Forschungskontroversen sind jene Auseinandersetzungen, die mit den Konflikten der Gegenwart und der Erinnerungsbereitschaft der Mitlebenden zusammenhängen. Bestseller wie jüngst Friedrichs Buch über den Bombenkrieg berühren eine geradezu existenzielle Dimension der Geschichte, die im Zuge einer Akademisierung der Zeitgeschichte vielleicht zu gering bewertet wurde. Das ist spürbar bei Themen wie der Verfolgung im Dritten Reich, der Geschichte von Opposition und Widerstand, von Flucht und Vertreibung. Die Resonanz dieses Buches macht deutlich, wie groß die Erwartungen an die Zeitgeschichte sind. Denn es geht nicht nur um Ereignisse, sondern um Schicksale. Welches Potenzial steckt in Kollektivbiografien der Kriegerwitwen, der Kriegsgefangenen, der Flüchtlinge aus der DDR, der Vertriebenen, der Aufbruchgeneration der Fünfziger-, der Ausbruchgeneration der Sechzigerjahre?

Viel entscheidender als die Teilnahme am täglichen Meinungskampf wäre es also, wenn es den Zeithistorikern gelänge, ein Gespür für die Bedeutung historischer Erinnerungen als Faktor politischer Entwicklungen zu entwickeln und vermitteln. Es kommt auch nicht darauf an, sich selbst zu beschwören, aus der Geschichte lernen zu müssen. Das wird wohl niemals gelingen. Sondern es ist wichtig, sich die historischen Prägungen derjenigen bewusst zu machen, die politisch agieren, sei es als Politiker, sei es als Wähler.

Der Autor ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Karlsruhe und wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Zuletzt erschienen: Widerstand im Widerstreit, Schöningh-Verlag. Paderborn, 2002.

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