Gesundheit : Historische Gerechtigkeit: Kriminalfall Geschichte

Kerstin Decker

Es klingt so einfach. "Historische Gerechtigkeit". Jeder meint sofort zu wissen, was gemeint ist. Und doch ahnt man, dass hier ein Problem verborgen liegt. Nur von seinen Ausmaßen ahnt man nichts. Es beginnt zu flimmern an den Rändern des Bewusstseins.

Geschichte. Gerechtigkeit. Ein sehr ungleiches Paar. Die großen Skeptiker, Geschichtsverächter und Pessimisten haben allzeit geahnt, dass sich zwischen beiden kein Bündnis schließen lässt. Die Geschichte, ihrem innersten Wesen nach ist eine Schädelstätte. Noch Hegel sprach von den Katastrophen des Individuellen als den leeren Seiten der Geschichtsbücher. Walter Benjamin, der Anti-Hegelianer, hat sogar einen Engel nach der Geschichte benannt. War dieser "Engel der Geschichte" überhaupt einer? Oder ist ein Engel, der das Entsetzen lernt, nicht schon aus dem Engelsein herausgefallen, nicht mehr zu gebrauchen als Mittler zwischen Gott und Mensch?

Das Einstein-Forum war da viel optimistischer. Und pragmatischer zugleich wie fast die gesamte neuere Philosophie. Auf die Idee, dass "historische Gerechtigkeit" einen Widerspruch in sich darstellen könnte, ließ es sich gar nicht erst ein. Es gibt historische Erfahrungen der Ungerechtigkeit, und die Frage ist nun, welche Ansprüche sich daraus für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ableiten. Rückwärtsgewandt ist das die Erkundigung nach Kompensation, Strafe und Sanktion. Angelsächsische Philosophen errechneten mögliche Schadensersatzforderungen des Nachkommens eines Sklaven. Und was ist mit Kindern, die in der DDR kein Abitur machen durften?

Recht kommt von Rache

Bleibt die Dimension der Strafe. Und plötzlich wusste man es wieder: Recht kommt ursprünglich von Rache. Die Rache war vielleicht die erste Form zur Herstellung von "historischer Gerechtigkeit". Wie weit haben wir uns von dieser Urform entfernt? Der große Vorzug dieser Konferenz im Einstein-Forum war ihre internationale Besetzung. In Südamerika, im Nahen Osten, in Osteuropa und Südafrika - und nicht zuletzt in unserem eigenen Land - überall sind es ähnliche Fragen. Nur werden sie verschieden beantwortet.

Am gewagtesten hat vielleicht Südafrika die Logik der Rache hinter sich gelassen, ja sogar die des Rechts. Desmond Tutus Wahrheits- und Versöhnungskommission, über die der israelische Philosoph David Heyd sprach, honorierte die Bereitschaft der "Täter", sich ihrer Vergangenheit zu stellen, Angesicht in Angesicht mit den Opfern. Sie sagte ihnen Straffreiheit zu. Ist das historische Gerechtigkeit, wenn die Täter weiterleben dürfen, als wären sie keine Täter gewesen?

In modernen Gesellschaften durchdringt das gerichtliche Denken alle Bereiche - und bereits Kant hatte die Vernunft-Kritik wie einen Gerichtsprozess begonnen. Hauptangeklagte, Richterin und Staatsanwältin - die Vernunft in Personalunion. Tutus Begriff von Gerechtigkeit kam dagegen aus einer älteren und zugleich avantgardistischeren Quelle. Er war nicht einfach juristisch zu begreifen. Und letztlich meinte er auch nicht Gerechtigkeit, sondern etwas darüber Hinausgehendes und dahinter Zurückbleibendes: Versöhnung.

Das ist genau die Chance, die man in Deutschland nicht ergriffen hat. Der Ruf nach Vergeltung war zu laut. Friedrich Schorlemmer hat etwas gewollt in der Art von Tutus Wahrheits- und Versöhnungskommission und bekam keine Chance. In Deutschland folgte die rechtliche Aufarbeitung der Vergangenheit der ureigensten Logik des Rechts: der des Kriminalfalls. Die Schwierigkeiten, die sich daraus ergaben, sind bekannt. Erreicht wurde mehr und weniger zugleich. Die Schuldigen sind verurteilt. Tutu aber hat durch die Überlegenheit seiner Haltung das Gewissen des Einzelnen auf sich selbst zurückgeworfen. Er hat eine Selbstbegegnung provoziert. Die Prozesse, die die Bundesrepublik gegen Egon Krenz und Co führte, haben die Räume solcher Selbstbegegnungen fast wieder verschlossen. Heute kann man im "Neuen Deutschland" in der Leserbriefspalte manchmal auf Repliken treffen, unter denen steht: Egon Krenz, Haftanstalt Plötzensee. Egon Krenz schreibt Leserbriefe ans "Neue Deutschland" aus dem Gefängnis - man kann die Ironie der Geschichte daran genießen. Aber historische Gerechtigkeit? Viele im Osten, deren frühere Staats- und Krenzferne nichts zu wünschen übrig ließ, haben angesichts der Politbüro-Prozesse gefragt: Was soll denn das? - Dahinter stand allerdings weniger mangelndes demokratisches Bewusstsein und die Unvertrautheit mit den Instrumentarien des Rechtsstaats als die lebendige Einsicht, dass Prozesse Geschichte nicht begreifen können.

Man dachte nach über die Vorzüge nationaler oder internationaler Gerichtshöfe zur Verurteilung des Unrechts und konnte doch die Spannungsräume zwischen "Geschichte" und "Gerechtigkeit" nicht wirklich ausschreiten. Die Tagung fand auf Englisch statt, und bestimmte Bezeichnungen, fraglos gebraucht, verstärkten diesen Eindruck des abstrakt-Naiven noch: Die Rede ging von "truthtellers" und "wrong doing". Mit der Unterscheidung von solchen, die die Wahrheit sagen und den "Falschhandelnden" - sind es Lügner? - befand man sich wieder auf der moralphilosophischen Ebene der Antike. Niemand tut gegen besseres Wissen Unrecht!, hatte noch Sokrates geglaubt. Demnach wäre die Differenz zwischen Recht und Unrecht eine der schlechten Information?

Genügt Aufklärung?

Es gibt inzwischen schon einen ganzen Forschungszweig "Transitional Historical Justice". Er bestimmt und erforscht die paradoxe Rolle des Rechts in Übergangsgesellschaften. Ruti Teitel aus New York schlug vor, diese Ankunft im Neuen mittels "Erzählungen" zu meistern. Die alten kollektiven Selbstverständigungsgeschichten müssten gegen neue ausgetauscht werden. Gegen Freiheits-Geschichten. Auch hier spürte man, freundlich formuliert, eine gewisse Unterkomplexität der Sichtweise. Genügt Aufklärung? Waren die Unterdrücker denn Idioten?

Auch Ulrike Poppe und Claus Offe in ihrem Beitrag über den Wandel in Deutschland kommen an dieser historischen Situationsbestimmung, von der alles weitere Urteil abhängt, nicht vorbei. Denn anders als Pinochet etwa sind die Kommunisten in Ostdeutschland schließlich nicht durch einen Putsch an die Macht gekommen, demokratisch aber auch nicht. Ist Staatssozialismus ein Desaster oder ein Verbrechen? lautete Poppes und Offes Frage. Sie finden einen Ausweg über die Verursachung "unnötigen Leidens". Dafür könne man ein Staatswesen zur Verantwortung ziehen. Aber wie wäre denn das Maß vertretbaren oder gar notwendigen Leidens zu bestimmen? Auch Poppe und Offe befanden das bei der Verurteilung des Staatssozialismus der DDR zugrunde gelegte Totalitarismus-Konzept als ungeeignet zur "Aufarbeitung" der Vergangenheit. Nein, Geschichte ist kein caritativer Zusammenhang.

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