Gesundheit : Historischer Flirt

Neue Fachmedien zur deutschen Zeitgeschichte – aus Potsdam

Amory Burchard

Katja Riemann alias Lena Fischer flirtet bei einer Party mit Joseph Goebbels, gespielt von Martin Wuttke. Sie tut es, um ihren jüdischen Mann zu retten, dem die Deportation droht. Diese fiktive Szene ist es, die den Film „Rosenstraße“ für viele Historiker zur geschichtsklitternden Klamotte macht. Wolfgang Benz vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung schrieb, der Widerstand der Frauen in der Rosenstraße werde „verhöhnt und entwertet“. Die Goebbels-Szene spielt nun auch – live und in Farbe – in der neuen wissenschaftlichen Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen“. Und „Rosenstraße“ wird dort von einem Historiker rehabilitiert.

Farbige Bilder in einem Fachblatt, ein Filmtrailer zum Anklicken? Das gehört zum Medien-Konzept der Zeitschrift, die in zwei parallelen Ausgaben dreimal jährlich am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) herausgegeben wird: elektronisch- bunt im Internet und in einer parallelen schwarz-weißen Druckausgabe im Wissenschaftsverlag Vandenhoeck & Ruprecht.

Heft 1 ist ein Manifest in Buchstärke. ZZF-Direktor Konrad Jarausch schreibt über die „Integration der beiden deutschen Nachkriegsgeschichten“, Jost Dülffer (Köln) über „Europäische Zeitgeschichte“ – beides Themen, die die auf NS-Geschichte fixierte Zunft in jüngerer Zeit umtreiben. Thomas Lindenberger (ZZF) entwirft in seinem Aufsatz über „Zeitgeschichte und audiovisuelle Medien“ eine These zur Periodisierung: Bis heute gilt hier zu Lande 1917 – Oktoberrevolution in Russland, Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg – als Beginn der Zeitgeschichte. Lindenberger schlägt vor, das Ende der Gutenberg-Galaxis als Beginn der neuen Epoche zu sehen. Im Medienzeitalter ist die neue Zeitschrift angekommen. Sie rezensiert Filme, Websites und Ausstellungen. Und sie schaltet sich mit eigenen Beiträgen in Historiker-Debatten ein, die bislang in den Massenmedien geführt wurden.

Aktuelle Debatten bringt auch ein zweites Medium, das jetzt aus Potsdam ins Netz ging: Das Internetportal „Zeitgeschichte-online“, in das die elektronische Zeitschrift integriert ist. Auftakt-Thema im Portal ist die Kontroverse um das „Zentrum gegen Vertreibungen“. Daneben gibt es Tagungsberichte, Rezensionen und Links zu Bibliothekskatalogen und Datenbanken. Gefördert wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft – als Investition in die Zukunft des derzeit nur bis 2007 gesicherten Potsdamer Zentrums.

Zeitschrift und Forum im Internet:

www.zeithistorische-forschungen.de

www.zeitgeschichte-online.de

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