Gesundheit : Hobby Leistungssport: Der Fechter und die Siegerin

Tilmann Warnecke

Einige Berliner Studenten verbringen dieses Jahr ganz besondere Semesterferien: Sie fliegen als Athleten zu den Olympischen Spielen nach Sydney. Rund ein Drittel der 59 Berliner Olympiastarter sind an einer der Berliner Hochschulen eingeschrieben, darunter Uta Kühnen, Judo-Medaillenhoffnung. Der Moderne Fünfkämpfer Sebastian Dietz dagegen muss die Spiele vorm Fernseher erleben: Er hat die Qualifikation knapp verpasst. Die Hochschulen unterstützen ihre Athleten unterschiedlich. Zwischen dem Olympiastützpunkt Berlin, der die Olympiakandidaten betreut, und der Humboldt-Universität sowie der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft gibt es seit kurzem ein Kooperationsprojekt; die anderen Hochschulen zieren sich noch.

Ob auf der Judomatte oder im Vorlesungssaal: Uta Kühnen denkt vor allem ans Essen. Um in der 78-kg-Klasse starten zu können, kämpft die Judosportlerin täglich gegen überzählige Kilos, und für ihr Lebensmitteltechnologie-Studium beschäftigt sie sich mit Lebensmittel-Zusatzstoffen. Sonst passen Studium und Sport für die Dritte der letzten Europameisterschaften nicht so einfach zusammen, vor allem nicht in der Olympiasaison. "Im letzten Semester war ich kein einziges Mal in der Uni", erzählt die TU-Studentin. Denn Top-Judoka brauchen Top-Trainingspartner, und die finden sich nur im Ausland - diesen Sommer reiste Kühnen nach Japan und Holland.

Ein Urlaubssemester kam für sie dennoch nicht in Frage, weil das zu große Probleme mit der Versicherung nach sich gezogen hätte. Da baut Kühnen lieber auf die Hilfe von mitschreibenden Kommilitonen und sportbegeisterten Professoren. Die sind in ihrem Fachbereich sehr entgegenkommend und lassen Prüfungen schon mal im Sekretariat nachschreiben.

Dabei profitiert Kühnen davon, dass ihr TU-Studiengang mit dem der Humboldt-Uni zusammengelegt wurde - die vielen ostdeutschen Dozenten "machen alles, wenn sie nur Spitzensport hören". Der Grund dafür laut Kühnen: "Im Osten war Spitzensport früher einfach höher angesehen." Beim Lernen greift die Kampfsportlerin zur Gewalt, wenn die Zeit drängt: "Der Stoff muss halt oft im Hauruck-Verfahren in den Kopf geprügelt werden." Eiserne Disziplin ist für die "harte Arbeiterin" (ihr Bundestrainer) im Berliner Alltag angesagt. Die Wohnung verlässt Kühnen gegen Sieben, nach der ersten Vorlesung startet das Krafttraining im TU-eigenen Fitnessraum. Zwischen den Uni-Standorten Ernst-Reuter-Platz, Dahlem und Wedding sowie dem Training in Hohenschönhausen pendelt Kühnen per Fahrrad - "das spart Konditionstraining". 13 Stunden am Tag ist sie unterwegs.

Trotzdem, meint Kühnen, sei ein Studium die einzige Möglichkeit, nebenbei Zeit für den Hochleistungssport zu finden: "An der Uni kann man sich sehr viel selber einteilen. Zur Not studiert man einige Semester länger." Die Freizeit bleibt dabei auf der Strecke, manche Uni-Notwendigkeit auch. Für das Vordiplom muss Kühnen nur noch einen Praktikumsbericht schreiben. "Ein bisschen Ruhe würde dafür eigentlich ausreichen", seufzt sie. Das Praktikum absolvierte sie übrigens bei Europas größtem Tiefkühlpizzen-Hersteller. Ein Bissen mehr wird nach Sydney erlaubt sein.

Olympiaqualifikation verpasst, wegen des harten Trainings in der Uni nur eine Klausur mitgeschrieben: Für den Modernen Fünfkämpfer Sebastian Dietz endete der Olympia-Traum in einer doppelten Nullnummer. "Ich bereue trotzdem nicht, das Semester zumindest begonnen zu haben", sagt der BWL-Student, denn seine Nominierung war wegen einer achtmonatigen Dopingsperre zu Beginn des Jahres unsicher (bei der letzten WM stand sein Asthmamittel ohne sein Wissen auf der Dopingliste): "Da musste ich mir beide Möglichkeiten offen halten. Die Chance, sich zu qualifizieren, hätte auch schon im Frühjahr vorbei sein können."

Im Laufe des Sommers schrammte er sportlich allerdings so knapp an Sydney vorbei, dass an Studieren nicht zu denken war. Dafür hat er jetzt neben den Fünfkampf-Sportarten Laufen, Schwimmen, Fechten, Schießen und Reiten ungewollt mehr Zeit für seine sechste Disziplin Studieren. "Immerhin: Jetzt habe ich Zeit, einen Spanischkurs zu belegen. Das ist doch auch nicht schlecht", meint Dietz mit Galgenhumor. Während der Olympia-Vorbereitung kollidierten beim Deutschen Meister des Jahres Studium und Sport nicht zum ersten Mal mit beiderseitigem Schaden. "Die Professoren kommen mir so gut wie gar nicht entgegen", beklagt der 26-Jährige die Sport-Ignoranz der FU-Ökonomen. Als die WM vor zwei Jahren in den Prüfungszeitraum fiel, bat sogar der Olympiastützpunkt um die Verlegung seiner Klausuren. Vergebens. Dietz verpasste seinen Mannschaftsstart bei der WM sowie zwei Klausuren in der Uni, um wenigstens im Einzel antreten zu können. "Dabei repräsentiere ich bei Wettkämpfen auch die Bundesrepublik. Und da die Uni eine staatliche Einrichtung ist, könnte schon etwas mehr Unterstützung vorhanden sein", kritisiert er.

Sein Studium richtet Dietz oft nach dem Sport aus: Belegt wird die Vorlesung, bei der sich der Professor ans Skript hält ("danach kann man besser lernen"), und der Kurs, bei dem die Prüfung einfach zu werden verspricht. Seinem Lieblingsthema Steuern konnte er sich dagegen bisher nicht widmen - das ist vom Lernaufwand her zeitlich nicht mit dem Training vereinbar. "Das ist schon ein Nachteil", findet Dietz, "denn in Fächern, die einen interessieren, ist man eigentlich leistungsbereiter." Die nächste Olympiade hat er schon fest im Blick. "Ich verdiene zwar kein Geld mit dem Sport", sagt der BWLer, der vor dem Studium bereits eine Banklehre absolvierte. "Aber mein Herz hängt daran." Und wenn alles klappt, könnte 2004 zumindest ein Hindernis zur Qualifikation aus dem Weg sein: In zwei Jahren will Dietz sein Diplom in der Tasche haben.

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