Gesundheit : Hochschuldebatte: Blumiger Stölzl

Anja Kühne

Hellblau, Blassgelb und viel zartes Rosa - würde Christoph Stölzl ein Gemälde der Berliner Hochschullandschaft malen, wären das wohl die Farben, in die er seine Pinsel am häufigsten tauchen würde. In der Freien Universität beschrieb der Wissenschaftssenator am Montag abend die gastgebende Uni als "Summerhill von Berlin", an dem in "Dahlemer Kiefernwäldern in Freiheit" geforscht werde. Dabei habe die FU zusammen mit den anderen Hochschulen der Stadt in den letzten Jahren mehr Drittmittel von der DFG eingeworben als alle anderen Regionen. Berlin ist für Stölzl ein "reich blühender Garten", in dem die "beiden Blumen" Kultur und Wissenschaft sich "oberirdisch zusammen neigen" und unterirdisch mit ihren Wurzeln "eng verschlungen" sind.

Stölzl sprach vor rund 300 Zuhörern im Rahmen des "Dahlemer Bildungsforums", mit dem die Freie Universität den Dialog zwischen Bildungsexperten und der Öffentlichkeit anregen will. "Hochschulpolitik in Berlin - Zweck, Ziele und Zwänge" lautete das Thema, das sich der Senator gewählt hatte. Dabei ging es ihm offenbar vor allem um Harmonie zwischen allen Beteiligten: Die Vorwürfe gegen sein Ressort, jahrelang eigentlich der Wissenschaft zustehende Millionen in das Finanzloch der Kultur gestopft zu haben, beantwortete er mit einem Exkurs über die vielfältigen Verbindungen zwischen den beiden "ungleichen Zwillingen". Das Feilschen der Hochschulen komme deshalb einer Milchmädchenrechnung gleich: "Adlershof und Buch könnten einen Zuwachs an Kunst- und Kultursymbolik brauchen, um im öffentlichen Bewusstsein besser anzukommen", sagte Stölzl. Bei dieser Gelegenheit empfahl er den Wissenschaftlern, ihre Forschungen der Öffentlichkeit besser zu erklären, um auch bessere Argumente für Geldforderungen zu haben.

Stölzl bemühte sich sichtlich, es allen Recht zu machen: Er begrüße alles, was die Uni internationaler macht - doch müsse Weltläufigkeit nicht als "Absage an das Deutsche" verstanden werden. Die Hochschulen sollten effizienter werden - damit sei aber nicht vordergründige Schnelligkeit gemeint. Die Hochschulen müssten ihr Angebot neu strukturieren - aber auch Doppelangebote und kleine Fächer hätten eine Existenzberechtigung.

Dem Tagesspiegel-Redakteur Uwe Schlicht, der die Veranstaltung moderierte, schien Stölzls Rede zu blumig: "Der Haushalt bestimmt die Politik", sagte Schlicht und eröffnete die Publikumsdiskussion mit einer haushaltspolitischen Frage. Er rechnete vor, dass in diesem Jahr bereits eine Finanzierungslücke von 85 Millionen Mark klafft: 30 Millionen werden fällig, wenn die Bafög-Reform in Kraft tritt, dem Studentenwerk müssen weitere 30 Millionen gezahlt werden, die ihm im vergangenen Jahr einmalig gestrichen worden waren. Der Rest ergebe sich aus den Tarifsteigerungen. In Zukunft werden außerdem noch die Pensionslasten den Hochschulen zu schaffen machen. Waren es im letzten Jahr noch 133 Millionen Mark, werden es in zehn Jahren schon 218 Millionen sein. Wie kann Stölzl unter diesen Bedingungen Berlin 85 000 Studienplätze versprechen?

"Ein gnädiges Geschick hat mich davor bewahrt, Finanzsenator zu werden", antwortete dieser. Im Übrigen müsse der Senat im Ganzen sich zu dieser Frage äußern. "Es geht nicht um Haushaltskämpfe, es gibt keine 85 Millionen." Wie immer gab sich der Senator charmant und gelassen. Aus Sicht von Peter Gaehtgens hat Stölzl aber offenbar ein allzu sonniges Gemüt. Mit einem Ruck beugte der FU-Präsident sich nach vorne und sagte mit Nachdruck: "Der Senator muss dem Senat gegenüber sehr deutlich vertreten, dass das Geld woanders abgezogen werden muss."

Was sind Garantien des Senats wert? 800 Millionen Mark waren der Charité für ihr Bettenhaus versprochen worden, nun wird über die Schließung nachgedacht. Kann Stölzl sich am Ende auch eine FU ohne ihr Klinikum Benjamin Franklin vorstellen? "Politik ist die Kunst des Möglichen und nicht des Unmöglichen. Es herrscht Not", anwortete Stölzl. Der Senat breche nicht alle Verträge. Es komme darauf an, die Verträge so auszuhandeln, dass sie hinterher einklagbar seien. "Ich bin nicht in der Lage, Garantien zu geben", sagte er. "Aber der Finanzsenator ist nicht hartherzig. Und wenn es nicht geht, ist alles eine Frage der Verteilung innerhalb der Unis."

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