Gesundheit : Hochschulen des Landes kooperieren bei dem neuen Angebot

Hermann Horstkotte

"Über die moderne Informationstechnik kann jeder die Bausteine des Wissens von überall, zum Beispiel auch von den FidschiInseln, beziehen - und jederzeit an beliebigem Ort bearbeiten." Es klang wie eine Botschaft von der Computerfachmesse Cebit, was der rheinland-pfälzische Bildungsminister Jürgen Zöllner vor der Presse in Bonn verkündete: Den Zusammenschluss aller Hochschulen in Rheinland-Pfalz zu einem "virtuellen Campus". "Um zu überleben, müssen sich die Hochschulen in der Lehre umstellen, vom Angebot der Professoren auf die Nachfrage der Studenten und damit auf eine Aufbereitung des Lernstoffs im Multimedia-Format, im Internet oder als CD-ROM", verkündete der Minister. Jürgen Zöllner gehört unter den sozialdemokratischen Bildungspolitikern zu den Vordenkern der Hochschulreform.

Bei solchem Vergleich gerät die Benutzerfreundlichkeit der herkömmlichen Hochschule, die nach wie vor auf die Präsenz ihrer Studenten und Wissenschaftler in den Hörsälen, Labors und Bibliotheken setzt, in ein ungünstiges Licht. Mit dem "virtuellen Campus Rheinland-Pfalz", den die Landeshochschulpräsidenten auf Zöllners Anregung beschlossen haben, sollen die elektronischen Studienangebote der einzelnen Universitäten und Fachhochschulen wechselseitig verfügbar werden. Dazu gehören in einer Hochschule aufgezeichnete Lehrveranstaltungen, die zeitgleich an anderen Unis angeboten werden, sowie interaktive Übungsmaterialien.

Hermann Saterdag, Sprecher der Hochschulpräsidenten an Rhein und Mosel, erwartet eine "verbesserte Zusammenarbeit zwischen unseren Standorten". Die Volluniversität mit einem möglichst breiten Fächerspektrum ist ohnehin unter den Sparzwängen nicht mehr überall zu etablieren. Vielmehr müssen immer mehr Hochschulen in einer Weise zusammenarbeiten, dass sie sich innerhalb einer Region zu einer Volluniversität ergänzen können. Dabei hilft der "virtuelle Campus". Ähnliche Bestrebungen gibt es in den großen Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt das elektronische Lernen mit dem "virtuellen Graduiertenkolleg" für Doktoranden aus Freiburg, Tübingen, Heidelberg, Greifswald und von der Universität des Saalands - im Internet über www.vgk.de zu erreichen.

Schrittmacher-Dienste leistete der Saarbrücker Wirschaftsinformatiker August Wilhelm Scheer, der seit 1997 mit Kollegen in Kassel, Göttingen und Leipzig den Internetdienst "winfoline - Wirtschaftsinformatik online" betreibt. Die Studenten können dabei zwischen dem Lehrangebot am Ort und dem im Partnerinstitut wählen. Vor diesem Hintergrund ist der heute viel beschworene Wettbewerb weniger als Konkurrenz zwischen einzelnen Hochschulen zu verstehen, sondern eher als "föderaler Wettbewerb" zwischen den Bundesländern. Auch andere Bundesländer dürften nun ihre Bemühungen um Lehrangebote im Internet verstärken. Für Minister Zöllner ist die Kooperation der Landeshochschulen im Zeichen der Virtualisierung allein schon aus Kostengründen zwingend. Entsprechende Multimedia sind in der Herstellung teuer. So erforderte selbst das Programm zum "kleinen" Informatiker (genau genommen die Ausbildung zum Business Engineer mit IHK-Abschluss mit einem Lernpensum von rund 250 Stunden), das ein Spin-off-Unternehmen Scheers und seiner Schüler auf den Markt brachte, eine Investition von 1,5 Millionen Mark.

Zürich investiert 175 Millionen Franken

Die Eidgenössiche Technische Hochschule in Zürich hat kürzlich 175 Millionen Franken für die Entwicklung einer virtuellen Universität bereitgestellt. Angesichts solchen Finanzbedarfs rät der Bildungspolitiker Zöllner den staatlichen Hochschulen, bei der Umstellung auf den elektronischen Bildungsmarkt von Anfang an mit spezialisierten Privatunternehmen zusammenzuarbeiten, "je nach dem sogar solchen aus der Unterhaltungsindustrie".

Zöllner warnt vor der Annahme, die elektronischen Medien bedeuteten nur eine Ergänzung des gewohnten Lehrbetriebs in der Präsenzhochschule. Der "virtuelle Campus" sei vielmehr als eine zukunftsweisende Alternative zu verstehen. "Kunde" der Präsenzhochschule ist herkömmlich der Vollzeitstudent, der mit seinem Abschluss die Berufsbefähigung nachweisen will. Demgegenüber ist das elektronische Studium im Kern die modernste Form einer Fernlehre für schon berufstätige Teilzeit-Studenten. Deren Zahl nimmt heute laufend zu. 80 Prozent der 56 000 Studenten an der Fernuniversität Hagen stehen im Beruf, berichtet der Hagener Prorektor Claus Unger.

Deshalb hält auch Minister Zöllner eine durchgängige "Modularisierung" der Studiengänge für unvermeidlich und, damit einhergehend, eine Erfolgskontrolle nach dem kumulativen "Leistungspunktesystem" (credit points). Dabei werden für bereits erbrachte Studienleistungen Punkte vergeben und das große, oft Angst einflößende Abschluss-Examen wird entlastet.

Das Thema Weiterbildung wurde bisher von den Hochschulen nicht ernst genug genommen. Angebote für lebenslanges Lernen würden aber immer wichtiger - wichtiger als die Erstausbildung, erklärte Minister Zöllner. Ein klarer Beweis: die Zahl der Neueinschreibungen an den Hochschulen stagniert seit Anfang der neunziger Jahre - dagegen boomt die Weiterbildung, für die die Wirtschaft zweistellige Milliardenbeträge im Jahr einsetzt. Bezeichnenderweise profitieren davon fast ausnahmslos private Wissensvermittler mit hochwertigen Multimedia-Angeboten.

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