Gesundheit : Hochschulen sind keine Dienstleistungskombinate

UWE SCHLICHT

Auf ihrer Jahresversammlung streiten die Hochschulrektoren über Profil und ZusammenarbeitVON UWE SCHLICHTIn der Sprache der Werbung heißt es so schön, die Hochschulen sollen sich ein Profil zulegen.Und dann sagt der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, zusammenarbeiten müßten die Hochschulen auch, nicht nur in einer Großstadt, sondern auch in einer Region, und am besten sogar noch grenzüberschreitend.Wettbewerb um das Profil und Zusammenarbeit - wie paßt das zusammen? Die Antwort liegt in dem Teilrückzug des Staates aus der Bildungsfinanzierung.Die Universitas litterarum als die umfassende Vielfalt der Fächer kann an einer Hochschule nicht mehr garantiert werden.Die Universitäten müssen sparen, Fächer aufgeben und andere stärken.Aber für die an Humboldts Geist geschulten Professoren ist die Universitas litterarum ein Wert an sich.Wird die Profiluniversität zugleich eine Selbstamputation? Davor warnt der Rektor der traditionellen Universität Jena, Georg Machnik.Und wollen die Hochschulen allein an den Studienplätzen gemessen werden und damit an der Versorgungsleistung für die geburtenstarken Jahrgänge? Nein, sagen die Hochschulrektoren, dann kämen die Forschung und die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu kurz.Ohne die Einheit von Forschung und Lehre wäre die Universität tot.Drehen sich damit alle Diskussionen um die Hochschulreform seit Jahrzehnten im Kreise und werden alte Argumente unter neuen aktuellen Gegebenheiten nur anders gewendet? Vielleicht sind die Professoren immer noch zu sehr im Elfenbeinturm ihrer Universitäten gefangen und haben noch keine Parteitage oder Haushaltsberatungen in den Parlamenten live mitgemacht.In Berlin hätten sie zum Beispiel lernen können, daß alle Leistungen der Universitäten - ob bei der Drittmitteleinwerbung oder in den Sonderforschungsbereichen - zweitrangig waren.Sie zählten in der Spardiskussion kaum.Höchstens, wenn Forschungsergebnisse eines Tages neue Arbeitsplätze in Adlershof schaffen können.Was zählte und letztlich die Politiker in die Knie zwang, war allein die Frage, wie weit die Vernichtung der Studienplätze gehen soll.Können mit 85 000 Studienplätzen nur noch die Landeskinder und die jungen Menschen aus Brandenburg angemessen ausgebildet werden? Verliert Berlin als künftige Hauptstadt bei einer zu starken Vernichtung der Studienplätze jede Internationalität, jede Durchmischung auch mit westdeutschen Studenten?Wenn das bei den Politikern zählt - können sich dann die Hochschulen für eine zu starke Orientierung auf die Dienstleistungen zu schade sein? Das war eine zentrale Frage auf der Jahresversammlung der Hochschulrektoren in der FU.Wieder war es der konservative Rektor Machnik von der Universität aus Thüringen, der unter Anspielung auf die DDR in den Saal rief: "Die Universitäten können kein Dienstleistungskombinat sein." Für dieses Argument fand der Ostdeutsche Schützenhilfe aus der Schweiz.Dort führen die Universitäten derzeit einen Abwehrkampf gegen eine von Politikern bestimmte Universitätskonferenz, die den Hochschulen vorgeben soll, wie sie ihre Schwerpunkte zu setzen haben.Das wollen sich die Universitäten nach den Worten des Rektors der Uni Bern, Christoph Schäublin, nicht bieten lassen: "Die Universitäten müßten am besten wissen, in welchen Bereichen eine Vernetzung ihnen dienlich wäre und welches Profil sie sich geben wollen.Nur wenn die Entscheidungsfreiheit der Universitäten gewahrt bleibt", lasse sich der Widerspruch ausgleichen, daß man zur Förderung eines Wettbewerbs eigentlich kein Kartell gründen kann.Daß es bei der hochschulinternen Suche nach Schwerpunkten auch "Sieger und Verlierer" geben muß, das räumte der Rektor der Uni Bern ein.Selbst in der Schweiz gibt es inzwischen Universitätsverbünde, wie sie in Deutschland zwischen Leipzig, Halle und Jena existieren oder in Rheinland-Pfalz mit dem Saarland und darüber hinaus mit Luxemburg und Frankreich.So haben die benachbarten Universitäten Bern, Fribourg und Neuchâtel sich zusammengeschlossen und in 25 Disziplinen Fachkonventionen vereinbart.Die Studenten dürfen sich frei zwischen den drei Unis bewegen und die Dozenten lehren nicht nur an ihrer Heimatuniversität Bern, sondern auch in Fribourg oder Neuchâtel.So soll es auch in Deutschland zur Regel werden.Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Der amtierende FU-Präsident Peter Gaehtgens schenkte den Rektoren, die von den vielen Hochschulen in Berlin den Vorreiter bei der Profilierung und Kooperation erwarten, reinen Wein ein.Um solche Kooperation zu erreichen, brauche man einen verläßlichen Partner in der Politik, und der fehle in der Stadt.Jede Universität wisse, daß ein freiwilliges Angebot, auf ein schwächeres Fach zu verzichten, von den Politikern nicht etwa honoriert würde, sondern zu einer weiteren Reduzierung des Staatszuschusses führen dürfte.Auch deswegen sei es in Berlin bei der Formulierung der neuen Hochschulstrukturpläne nicht zu einer tiefreichenden Absprache und Zusammenarbeit zwischen den Universitäten gekommen, weil unter dem Spardruck jede Hochschule zunächst ihre eigene Anpassung vollzogen hat.Vielleicht ist Rheinland-Pfalz ein glücklicheres Land.Die dortige Staatssekretärin im SPD-dominierten Wissenschaftsministerium, Doris Ahnen, bot den Rektoren gleich eine Fülle von vernünftigen Argumenten: "Dienstleistung hat eine ausgesprochen positive Dimension, weil sie deutlich macht, daß die Gesellschaft die Hochschulen braucht." Aber sie verlangt - fern von aller Dienstleistung - den Schutz der kleinen Fächer, die auch in Deutschland erhalten bleiben müssen.Außerdem gebe es Dinge, die sich weder über den Markt noch durch Alleinentscheidung der Hochschulen oder Politiker vernünftig regeln lassen.Für die Staatssekretärin steht bei aller Unterschiedlichkeit profilierter Studiengänge der bundesweite Wert der erreichten Abschlüsse obenan.Ein Profil für die Hochschulen wünscht sie sich auch, aber die Vorgaben von oben dürften nicht zu starr sein, um nicht die Dynamik der Entwicklung zu behindern.Den Rektoren schreibt sie ins Stammbuch: Die internationalen Tendenzen zur Globalisierung und zur Wissensgesellschaft seien die eigentlichen Zwänge zur Veränderung, weniger die Haushaltsengpässe.

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