Gesundheit : Hochschulen: Von Europa weit entfernt

Heiko Schwarzburger

Vor zehn Jahren lüftete sich der Eiserne Vorhang. Seitdem suchen Länder wie Polen, Tschechien, Bulgarien, Ungarn und Russland den Anschluss an die Wissensgesellschaft westlicher Prägung. Doch ihre schmalen Budgets reichen nicht aus, um die Abwanderung der wissenschaftlichen Eliten ins Ausland zu stoppen. Mit langfristigen Reformen wollen die Osteuropäer deshalb den Niedergang ihrer Hochschulen aufhalten. Auf einem Symposium im Dresdener Hygiene-Museum, zu dem das NATO-Wissenschaftsprogramm gemeinsam mit der Volkswagen-Stiftung und der Zeitschrift Nature eingeladen hatte, beschrieb der estnische Biologe Mart Ustav seine Erfahrungen aus den vergangenen zehn Jahren.

Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis die östlichen Universitäten in die Weltspitze zurückkehren. Estland hat 1,4 Millionen Einwohner. Auf 10 000 Beschäftigte kommen nur 45 fest angestellte Wissenschaftler. Ihr Verdienst liegt bei 2000 Mark im Monat. An den vier Unis in Tartu und Tallinn studieren rund 30 000 junge Leute, "weit mehr als vor der Abspaltung von der Sowjetunion", wie Ustav berichtete.

Starker "brain drain"

Forschungslabors gibt es in Estland kaum, da die frühere Sowjetunion die wichtigsten Kapazitäten in der Akademie der Wissenschaften konzentrierte, also weitgehend unabhängig von den Hochschulen. Stalin ließ die nichtrussischen Eliten gnadenlos dezimieren, die Akademie der Wissenschaften der UdSSR lag fest in der Hand der Russen. Dort lief vor allem militärische Forschung. Zivile Aufträge aus der Industrie gab es kaum. "Auch unsere heutige Wirtschaft wird noch nicht von Innovationen geprägt", analysierte Mart Ustav. "Sie profitiert von den geringen Lohnkosten, das verschafft uns Vorteile bei der Produktivität." Im Klartext: Die jungen Staaten Osteuropas dienen als billige Produktionsreserve für die westlichen Industrienationen. Die Innovation wird weiterhin im Westen generiert, der dafür die findigsten Köpfe aus dem Osten abwirbt. "Der Brain Drain ist deutlich stärker geworden", meinte Ustav. "Unsere Chance liegt darin, Gründerzentren zu schaffen, um die jungen Leute bei uns zu halten." Die Universitäten seien der einzige Motor für neue Industrien, schätzte Mart Ustav ein und bestätigte damit auch Erfahrungen aus Ostdeutschland: Nur im Umfeld starker Universitäten entstehen innovative Technologiezonen, wie in Jena, Potsdam oder Dresden.

Überalterte Professorenschaft

Ratko Iwanow, Professor an der Technischen Universität in Sofia, nannte zwei wesentliche Hindernisse für die bulgarische Hochschulreform. Zwar hatten die bulgarischen Unis vor der Wende schon eigene Forschungszentren. Doch die Stellen werden heute von überalterten Wissenschaftlern blockiert. "Mehr als die Hälfte unserer Dozenten sind älter als 50", klagte er. "Und für neue Forschungsfelder fehlt einfach das Geld. Unsere Studenten werden deshalb kaum an den Experimenten beteiligt." Der Wissenschaftsetat des Landes ist fast völlig zusammengebrochen, die rund 40 bulgarischen Unis haben kein Geld.

Auch für Wladimir Troyan, den Vizerektor der Universität in Sankt Petersburg, ist die Altersstruktur der russischen Professorenschaft das wichtigste Handikap. Eine schnelle Lösung dafür ist nicht in Sicht, da es kaum soziale Sicherungssysteme gibt. Russland hat rund 550 Anstalten, die sich selbst Universitäten nennen, "aber nur 15 von ihnen haben wirklich ein universitäres Profil", grenzte er ein. Zudem sind die Hochschulen nach wie vor von der Grundlagenforschung abgeschnitten, da die alte Akademie der Wissenschaften dominiert. Ein spezielles Programm soll die Akademie-Institute enger an die Universitäten in Moskau, Sankt Petersburg, Tomsk, Nowosibirsk oder Rostow am Don binden. "Dort bringen wir unsere junge Forscher unter", sagte Troyan. "Das Ziel könnten gemeinsame Forschungslabors der Universitäten und der Akademie sein."

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