Gesundheit : Hochschulmedizin: "Gefährdete Spitzenposition"

Joachim Dudenhausen,Martin Paul

Am 23. Juli hat der Vorsitzende des Hauptausschusses, der Abgeordnete Hans-Peter Seitz, die Vorstellungen der Sozialdemokraten dargestellt, wie die Hochschulmedizin in Berlin nach der Sparauflage von 145 Millionen Mark neu geordnet werden kann. Heute antworten die Dekane der Charité und des FU-Fachbereichs Humanmedizin aus der Sicht der Universitäten.

Politiker haben ein kurzes Gedächtnis. Deswegen muss hier daran erinnert werden, dass der damalige Wissenschaftssenator Manfred Erhardt die Studentenzahlen in der Medizin durch ein Gesetz senken ließ. Gleichzeitig betrieb er die Fusion des FU-Klinikums Rudolf Virchow mit der Charité. Alles diente dem Ziel, der Forschung mehr Raum einzuräumen. Universitätsklinika sollen im Unterschied zu sonstigen Krankenhäusern der Maximalversorgung vor allem der Forschung und Lehre dienen. Früher wurde die Berliner Hochschulmedizin sowohl an der Freien Universität als auch an der Humboldt-Universität wegen zu wenig Forschung und zu viel Patientenversorgung kritisiert. Daher wurden im Einvernehmen mit dem Wissenschaftsrat eine Reihe von Empfehlungen sowohl an der Charité als auch am FU-Klinikum Benjamin Franklin (UKBF) umgesetzt. Dazu gehören die leistungsbezogene Mittelvergabe in der Forschung, die Zuordnung neuer Forschungsflächen im Wettbewerb und innovative Lehrkonzepte wie der Reformstudiengang Medizin und das Benjamin-Franklin-Kolleg für die Studenten. Alle diese Neuerungen sollen jetzt von einer Expertenkommission überprüft werden. Wir freuen uns darauf, denn wir wissen, dass sich unsere Leistungen sehen lassen können.

Die Expertenkommission hat aber noch einen anderen Auftrag. Sie soll prüfen, wie 145 Millionen Mark Staatszuschuss in der Hochschulmedizin gespart werden können. Hans-Peter Seitz, der Vorsitzende des Hauptausschusses des Abgeordnetenhauses, erklärte in einem Interview mit dem Tagesspiegel, er sei "grundsätzlich dagegen, einfach Geld zu streichen ohne Angaben darüber, wie man es leisten kann". Diesem Grundsatz sind der Hauptausschuss und das Abgeordnetenhaus leider in den letzten Wochen nicht gefolgt.

Zweifelhafte Rechnung

Das Hauptargument der Politiker von SPD, PDS und Bündnis-Grünen lautet, dass die Ausbildung der Studenten in Berlin angeblich zu teuer ist. Die Politiker rechnen dafür einfach den Staatszuschuss auf die Studentenzahlen um und vergleichen das Ergebnis mit anderen Universitäten. Diese Rechnung ist schwer nachvollziehbar, da in anderen Bundesländern nicht dieselben Leistungen zugrunde gelegt werden: Nicht alle Universitätsklinika haben Vorklinik und Zahnkliniken wie Berlin, und die Pensionen werden anderswo nicht durch den Staatszuschuss an die Hochschulen finanziert. In Berlin schlägt das alles Kosten steigernd zu Buche. Berücksichtigt man das, dann steht die Berliner Hochschulmedizin bei den Kosten im Mittelfeld, bei den Leistungen aber an der Spitze! Die sinkende Zahl der Studierenden dürfte eigentlich kein Argument für solche Sparmaßnahmen sein, wie sie von der SPD, den Bündnis-Grünen und der PDS jetzt avisiert werden.

Bevor aber die Expertenkommission überhaupt getagt hat, melden Politiker bereits deutliche Wünsche an das Ergebnis an. Es geht offenbar nicht um den Wandel, sondern um den Abbau von Strukturen. Wie sehen die Sparvorschläge aus? Bildung eines Universitätsklinikums Berlin, die Konzentration einiger Angebote wie der Gerichtsmedizin, der pränatalen Medizin und der Zahnmedizin an einem Standort. Dabei heißt Konzentration Fusion natürlich Verkleinerung und Einsparung. Das bedeutet aber zwangsläufig eine Beschneidung der Leistungsfähigkeit der Hochschulmedizin mit dem Resultat, dass sie ihre Spitzenposition verlieren wird.

Wie wenig durchdacht manche der Vorschläge erscheinen, kann am Beispiel der Pränatalmedizin erläutert werden. Es gibt in Berlin dafür keine eigenständige Abteilung - in den drei Universitätsklinika ist sie eingebettet in geburtsmedizinische Kliniken auf dem Weddinger Rudolf-Virchow-Campus und in die geburtshilflichen Bereiche an der Charité in Mitte und am FU-Klinikum in die Frauenklinik. Pränatale oder vorgeburtliche Medizin ist ein Teilbereich der Geburtsmedizin und somit integraler Bestand eines Perinatalzentrums. Nach den auch von der Gesundheitspolitik in Berlin anerkannten Beschlüssen der Wissenschaftlichen Gesellschaften wird auf 10 000 Geburten ein Perinatalzentrum benötigt. Bei 30 000 Geburten benötigt Berlin daher drei Perinatalzentren. Dabei muss die städteplanerische Zuordnung eine Rolle spielen. Sowohl pränatale Medizin ohne Geburtsmedizin in einem Perinatalzentrum als auch Geburtsmedizin ohne pränatale Medizin führt zu einer schlechten Versorgung der Bevölkerung.

Wunden der Fusion

Erhebliche Zweifel bestehen auch bei dem immer wieder vorgetragenen Vorschlag der Fusion der Hochschulklinika zu einem "Universitätsklinikum Berlin". Unternehmensberater warnen heute davor, Sachprobleme durch immer neue Strukturveränderungen zu lösen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass an der Hochschulmedizin in Berlin "herumoperiert" wird. Erst vor wenigen Jahren unterzogen die Politiker die Medizin einer großen Umstrukturierung, die 1995 sogar gesetzlich verankert wurde. Das Universitätsklinikum Rudolf Virchow wurde aus der Freien an die Humboldt-Universität überführt und mit der Charité fusioniert. Aber auch die verbleibenden Fachbereiche der FU-Medizin, das damalige Universitätsklinikum Steglitz und der Fachbereich Grundlagenmedizin, wurden zusammengeschmiedet. Es hat Jahre gedauert, bis die Wunden der Fusionen zu verheilen begannen. Dass aus dieser schwierigen Situation eine "Erfolgsstory" wurde, ist erstaunlich. Es freut uns, dass Hans-Peter Seitz, der ja auch als Medizinexperte in der SPD gilt, diese Leistungen anerkennt.

Aber die Wehen dieser Neustrukturierung werden erst dann vorbei sein, wenn die Medizin den anstehenden Generationenwechsel bei den Professoren auch sinnvoll vollziehen kann. Wir befinden uns hier im Wettbewerb mit anderen Fakultäten in Deutschland und im Ausland. Eine erneute Umstrukturierung wird für Berlin zum Wettbewerbsnachteil werden. Die Fusion zu einem Universitätsklinikum Berlin führt zu einer riesigen Einheit, die über ganz Berlin verstreute Institute und Kliniken betreibt, ohne sichere fusionsbedingte Einsparmöglichkeiten. Vielmehr drohen beträchtliche Reibungsverluste und Identitätseinbußen durch den Verlust der Zugehörigkeit zu einer Universität.

Diskutiert wird die Strukturierung in zwei Standorte für die Krankenversorgung (Virchow-Klinikum der Charité und UKBF). Ein Standort soll dann vorwiegend der Forschung dienen (Charité Mitte). Diese Planung würde den zunehmenden Trend zur Aufsplitterung in eine naturwissenschaftlich geprägte Grundlagenforschung einerseits und die klinische Forschung andererseits sehr unterstützen. Aber dem liegt ein Fehler zugrunde. Diese Strukturierung dient nicht der fachübergreifenden Zusammenarbeit. Einen universitätsklinischen Standort von theoretischen Instituten zu entblößen, ist forschungsfeindlich.

Auch eine Herauslösung der Klinika aus den Universitäten wäre kurzsichtig. Der Verbund von Medizin und Universität ist notwendig, weil in der modernen Forschung Mediziner und Naturwissenschaftler zusammenarbeiten. Das drückt sich beispielsweise in gemeinsamen Sonderforschungsbereichen aus. Die Idee, die Gesamtheit aller Fächer in der Universität aufzugeben, halten wir außerdem für einen schweren kulturpolitischen Fehler. Es mag sein, dass die Reform der Universität heute am Beginn des 21. Jahrhunderts eines neuen Schubes bedarf. Dieser sollte durch Interdisziplinarität, Teamarbeit und Internationalität gekennzeichnet sein. Die Reformfähigkeit der Universität muss sich heute am internationalen Wettbewerb messen lassen - mit Heidelberg und München, aber auch mit Harvard und John Hopkins.

Keine sinnlosen Experimente

Alle Vorschläge wird die Expertenkommission mit Sicherheit beraten. Allerdings sollten die Klinika und die Universitäten ihre Position in die Diskussion der Kommission einbringen können. Unsere Empfehlung ist klar: Die Erhaltung wettbewerbsfreundlicher, aber auch komplementärer Strukturen erscheint in jeder Hinsicht besser als die Schaffung eines unübersichtlichen Konglomerats für die Hochschulmedizin. Aufsehen erregende Leistungen dürfen nicht gefährdet werden und Berlin darf den Anschluss an die Weltspitze in der Biomedizin nicht durch sinnlose Strukturexperimente gefährden. Auch in Zeiten knappen Geldes müssen die Leistungsträger geschützt werden!

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