Gesundheit : Hochschulpolitik: Mehr Geld und eine Vision

Uwe Schlicht

Die Präsidenten der Freien Universität, der Technischen Universität und der Humboldt-Universität haben gestern die Politiker aufgefordert, bei der Fortschreibung der Hochschulverträge für die Jahre 2003 bis 2005 den enormen Investitionsbedarf der Hochschulen angemessen zu berücksichtigen. TU-Präsident Hans-Jürgen Ewers erklärte: "Ich und die beiden anderen Universitätspräsidenten Gaehtgens und Mlynek sind angetreten, um in den Universitäten Klasse zu machen. Jetzt zwingt man uns immer mehr zu Mittelmaß, weil die Hochschulen keine Reserven mehr haben." Ewers setzte hinzu: "Die nächsten fünf Jahre sind wichtig, weil wir die halbe Mannschaft an Wissenschaftlern austauschen müssen. Wenn wir jetzt nicht ein Mehr an Klasse erreichen, werden wir in den nächsten 20 Jahren auf Mittelmaß festgelegt. Jetzt muss man eine Vision entwickeln, wo es hingehen soll, aber leider sehe ich nicht den Hauch einer Vision im Berliner Senat."

Wegen des Generationswechsels an den Hochschulen gibt es jetzt die Chance, hervorragende jüngere Wissenschaftler nach Berlin zu holen, aber die Neuberufung eines Professors kostet im Durchschnitt 500 000 Mark. Für Ingenieure, Naturwissenschaftler und Mediziner liegt der Investitionsbedarf noch viel höher: bis zu Summen von 1,5 Millionen Mark. Vor diesem Hintergrund haben die drei Universitäten allein den Investitionsbedarf für die Jahre 2003 bis 2005 auf 240 Millionen Mark beziffert.

Sollten Investitionen in die Neuberufung von Professoren nicht möglich werden und in den kommenden Hochschulverträgen nicht ein Zuwachs an Geldern vereinbart werden, dann wollen sich die drei Universitätspräsidenten weigern, für ihre Hochschulen neue Strukturpläne auszuarbeiten. Ewers und Gaehtgens wiesen darauf hin,dass die Hochschulverträge dem Ziel dienten, 85 000 Studienplätze in Berlin auszufinanzieren. Diese Ausfinanzierung sei nur auf der Basis von gesicherten Professoren- und Mitarbeiterstellen möglich. Die Politiker vergäßen immer wieder, dass die Hochschulen in Berlin in den letzten Jahren ihren Beitrag zur Haushaltskonsolidierung bereits erbracht hätten, als eine Milliarde Mark aus den Haushaltsmitteln für die Hochschulen gestrichen wurde. FU und TU waren daher gezwungen, ihren Professorenbestand zu halbieren, und die HU musste auf ein Viertel ihrer Professoren verzichten.

Erdrückende Pensionslasten

Die Investitionskosten für die Professoren bedrücken die Universitäten nicht allein. Hinzu kommen die wachsenden Pensionslasten, die die Hochschulen in Berlin aus ihren Haushalten aufbringen müssen. Allein der Zuwachs an Pensionskosten für die Jahre 2003 bis 2005 wird 36,6 Millionen Mark betragen im Vergleich zum Jahr 2002 (Steigerung von 149,9 Millionen auf 185,5 Millionen Mark).

Steigende Kosten für die Bauunterhaltung an den Hochschulen fallen außerdem an. Die Summen, die dafür bisher in den Hochschulverträgen vorgesehen waren, reichen nach Angaben der Unipräsidenten bei weitem nicht aus. An der FU standen an Haushaltsmitteln 22 Millionen pro Jahr zur Verfügung, die FU musste das Doppelte aufwenden und aus dem Personalhaushalt herauswirtschaften. Das bedeutete, dass statt 100 Prozent bei den geplanten Assistentenstellen eine Besetzung nur zu 80 Prozent möglich war. Die Humboldt-Universität hatte nur acht Millionen Mark pro Jahr für die Unterhaltung ihrer Gebäude zur Verfügung, aber Aufwendungen in Höhe von 51 Millionen Mark zu verkraften.

Wenn man weiter mit den Hochschulen so verfahre wie bisher, gefährde man ihre Fähigkeit, Drittmittel einzuwerben und damit Geld in die Stadt zu holen, erklärte der Präsident der Humboldt-Universität. Jürgen Mlynek wörtlich: "Berlin gilt schon heute als unberechenbar in der Hochschulpolitik." Die Wirtschaft stehe eher auf der Seite der Hochschulen als der Politik, weil sie erkannt habe, dass der Nachwuchs für die künftigen Arbeitsplätze in der Stadt vor allem aus den Hochschulen kommt.

Alle drei Universitätspräsidenten forderten von den Politikern eine Trendwende bis zur Unterzeichnung der neuen Verträge im Mai. Gaehtgens formulierte: "Wir sehen keine andere Alternative als dass der Senat zu dem Versprechen steht, 85 000 Studienplätze wirklich auszufinanzieren. Wenn die Versprechen nicht eingehalten werden, droht eine ernsthafte Krise der Berliner Wissenschaft, die der Stadt überregional schwer schaden wird. Ohne eine klare Prioritätenentscheidung für Hochschulen und Wissenschaft geht es nicht weiter." Gaehtgens erklärte außerdem, dass die Hochschulen das Instrument der Verträge mit dem Berliner Senat nicht aufgeben wollten, weil sie über Jahre eine Planungssicherheit benötigten.

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