Gesundheit : Hochschulreform: Auch Amerikaner kochen nur mit Wasser

Ingrid Fitzek

Immer dann, wenn in der Gesellschaft ein Thema strittig ist, wird von Befürworterinnen wie Gegnern gerne auf Beispiele in anderen Ländern verwiesen. So ist es auch bei der aktuellen Debatte zur Hochschulreform in Deutschland. Hier sind es die Befürworter eines an Wettbewerbsprinzipien orientierten Hochschulsystems, die die USA als leuchtendes Vorbild preisen. Wie ist es aber tatsächlich um die Stärken und Schwächen des amerikanischen Hochschulsystems bestellt?

Oft wird in Deutschland behauptet, die amerikanischen Hochschulen seien so leistungsfähig, dass sie den Staat nicht brauchen und sich im wesentlichen über das Einwerben privater Mittel, seien es Spenden, Stiftungs- oder Drittmittel für konkrete wissenschaftliche Projekte, finanzieren können. Die Fakten sprechen allerdings eine andere Sprache. Obwohl von den 4009 Colleges und Universitäten in den USA 58 Prozent privat sind, finanzieren sich alle zu einem beträchtlichen Teil mit öffentlichen Geldern. Bei den öffentlichen Hochschulen sind es nach Angaben des American Council on Education 51,1 Prozent des Budgets, die sie direkt als Fördermittel im Rahmen von Programmen der Bundesregierung (Federal Government), des jeweiligen Bundesstaats oder der Kommune erhalten. Bei den privaten Institutionen macht dieser Bereich immerhin noch 17 Prozent aus.

Stipendien für die meisten

Darüber hinaus ist vor allem für die privaten Hochschulen die Studierendenförderung entscheidend. So haben 1998 die Gelder für die verschiedenen Stipendien- und Darlehensprogramme nach Angaben von "The Chronicle: 1999-2000 Almanac" 44 Milliarden US-Dollar allein auf Bundesebene ausgemacht. 70 Prozent der Vollzeitstudierenden bekommen irgendeine Form von öffentlicher Förderung, ohne die sie sich ein Studium gar nicht leisten und die hohen Studiengebühren nicht zahlen könnten. Allerdings deckt das nur knapp die Hälfte der gesamten Studienkosten ab.

Da 42 Prozent der Einnahmen der privaten Hochschulen (bei den öffentlichen Hochschulen gut 18 Prozent) durch Studiengebühren erzielt werden, erhalten diese hauptsächlich über den Umweg der staatlichen Studierendenförderung einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen aus öffentlichen Kassen. Dazu kommen dann noch die oben genannten Mittel aus öffentlichen Förderprogrammen. Die weitestgehende Unabhängigkeit der amerikanischen Hochschulen vom Staat ist also nicht mehr als ein gern erzähltes Märchen.

Als weiterer Beleg für die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Hochschulen gelten die hohen Studierenden- und Hochschulabschlusszahlen. Laut dem U.S. Department of Education studieren derzeit 75 Prozent eines Altersjahrgangs, und 65 Prozent der Bevölkerung haben irgendein Hochschulzeugnis. Diese Zahlen sind beeindruckend vor allem, da sie vor 25 Jahren noch bei 20 bzw. 25 Prozent lagen. Sie sind ein Beleg dafür, dass in den letzten Jahren im amerikanischen Bildungswesen enorme Anstrengungen unternommen wurden, um das allgemeine Bildungsniveau anzuheben.

Für den internationalen Vergleich und insbesondere für den Vergleich mit Deutschland eignen sich diese Zahlen allerdings nicht. Wirklich aussagefähig werden sie erst angesichts der Tatsache, dass das Schulsystem anders als in Deutschland strukturiert ist und es keine der dualen Berufsausbildung entsprechende berufliche Bildung gibt. Mehr als drei Viertel der Studierenden sind laut "Chronicle" Undergraduate Students, die auf Colleges gehen. Ein Viertel davon besucht ein Community-, Junior- oder Technical College, eine Einrichtung, die eine maximal zweijährige Ausbildung anbietet. Das können entweder auf einen BA-/BS-Abschluss (Bachelor) vorbereitende Ausbildungsgänge sein, deren Lehrinhalte in etwa denen der deutschen gymnasialen Oberstufe entsprechen, oder auch berufsvorbereitende Maßnahmen und Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung. Der Rest der Undergraduate-Studierenden absolviert eine vierjährige Ausbildung mit dem BA-/BS-Abschluss, deren Lehrstoff in Deutschland einer Kombination aus gymnasialer Oberstufe und den ersten beiden Hochschulsemestern entsprechen würde.

College entspricht nicht der Uni

Weniger als ein Viertel aller Studierenden sind Graduate Students, die ein Studium absolvieren, das auf den akademisch akzentuierten MA-/MS-Abschluss ausgerichtet ist. Von allen Hochschulen sind lediglich 6 Prozent Universitäten, davon die Hälfte Research Universities, also Einrichtungen, die ihre Prioritäten bei der (Spitzen-)Forschung setzen. Der Großteil der Hochschulen in den USA vermittelt demnach seinen Studierenden Lehrstoff, der in Deutschland im Rahmen der schulischen oder der beruflichen Ausbildung gelehrt wird. Die meisten Studierenden erwerben also mit ihrem Collegeabschluss das Äquivalent eines höheren Schul- oder Berufsfachschulabschlusses. Nach deutschem Verständnis würden sie nicht als Studierende gelten.

Die meisten amerikanischen Lehrenden verstehen sich deshalb auch als Lehrerinnen und Lehrer, da sie schwerpunktmäßig unterrichten. Eine positive Konsequenz davon ist, dass in der Regel der Lehre eine deutlich höhere Bedeutung beigemessen wird als an deutschen Hochschulen und regelmäßige Evaluationen üblich sind. Allerdings sind für die Reputation als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin ebenso wie in Deutschland die Leistungen in der Forschung maßgebend.

Manches ist nahezu paradox. Wird in Deutschland vielfach beklagt, dass es zu wenig unmittelbare Berufs- und Praxisbezüge im Studium gibt und dabei auf das amerikanische Studium verwiesen, diskutiert man in den USA die Frage, ob die Studierenden nicht zu viel praxisnahe Ausbildung bekämen, das Studium nicht zu schmalspurig sei, und stattdessen nicht mehr akademische Bildung im humboldtschen Sinne nötig wäre, wie sie in Deutschland üblich ist.

Bezogen auf den Technikeinsatz weist die größte amerikanische Bildungsorganisation, das American Council on Education, darauf hin, dass zwar viele Colleges und Universitäten eine gute Computerausstattung haben, aber oft keine überzeugenden Konzepte, wie die Technik sinnvoll in die Lehre integriert werden soll. Für die inhaltliche und didaktische Weiterentwicklung des Studiums und die Weiterbildung der Lehrenden fehlen oft Geld und Zeit. Ähnlich wie in Deutschland wird der Akzent immer noch stärker auf die Hardware als auf geeignete Lernkonzepte gesetzt. Das pauschale positive (Vor-)Urteil über die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Hochschulen ist angesichts der Fakten nicht haltbar.

Wie steht es nun um den Vorbildcharakter des amerikanischen Hochschulsystems? Ich plädiere in der Reformdebatte für mehr Sachlichkeit gerade, wenn es um Vergleiche geht. An amerikanischen Hochschulen gibt es in der Tat eine Menge interessanter Ansätze und Lösungswege für die verschiedenen hochschulpolitischen Probleme. So können wir beispielsweise von der Art der Betreuung von Studierenden, Absolventen und Absolventinnen, der Einbeziehung von Praxis in das Studium und bestimmten Formen des Wissenstransfers lernen. Das Engagement, mit dem sich viele Hochschulen den sozialen Problemen in ihrem unmittelbaren Umfeld annehmen, ist vorbildhaft. Zum Selbstverständnis vieler amerikanischer Hochschulen gehört es, sich für das Gemeinwesen zu engagieren. Vor allem Colleges und kleinere Universitäten sind in diesem Bereich aktiv. Sie beteiligen sich an der Stadtentwicklung und Stadtteilarbeit. Die Studierenden sollen lernen, kritisch zu denken und sich als verantwortungsvolle Bürgerinnen und Bürger zu verhalten.

Genauso nachahmenswert sind manche Ansätze, um die Chancen von Frauen fürs Berufsleben zu verbessern, etwa durch Frauenhochschulen, in denen die Berufswahl und Karriereplanung der Studentinnen sehr ernst genommen wird. Es lohnt sich also genauer hinzusehen und herauszufiltern, welche Dinge sinnvoll übertragbar wären.

Es ist aber ebenso wichtig festzustellen, welche Entwicklungen zu den historischen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Besonderheiten des jeweiligen Bildungssystems gehören, die nicht einfach kopiert werden können oder sollen. Das amerikanische System undifferenziert als das bessere darzustellen, es zum strahlenden Vorbild für deutsche Hochschulen zu machen, ist dagegen wenig hilfreich und gehört in den Bereich purer Ideologie.

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