Gesundheit : Hochschulreform: Forschung an die Unis, Fachhochschulen aufwerten

Uwe Schlicht

Die Aufwertung der Fachhochschulen soll unaufhaltsam weitergehen. Das ist der Wille des Wissenschaftsrats. Nach der Empfehlung über die Einführung neuer Studiengänge mit dem Bachelor- und Masterabschluss vom Januar folgt jetzt eine neue Empfehlung über die künftige Entwicklung des Wissenschaftssystems. Der Reformvorschlag vom Januar hat schon genug Staub aufgewirbelt, sieht er doch vor, dass den Fachhochschulen nicht nur die Kurzstudiengänge mit dem Bachelor vorbehalten bleiben, sondern auch die anspruchsvollen Masterstudiengänge. Jetzt geht der Wissenschaftsrat noch einen Schritt weiter: Er empfiehlt den Namen Fachhochschule abzulegen und durch Hochschule zu ersetzen. Ausdruck dieser Aufwertung ist die Anerkennung der Fachhochschulen als Stätten der Forschung.

In den neuen Empfehlungen greift der Wissenschaftsrat auf seine Vorschläge aus den frühen 90-er Jahren zurück, als er einen vorrangigen Ausbau der Fachhochschulen gefordert hatte mit dem Ziel, künftig 40 Prozent der Studienanfänger an den Fachhochschulen aufzunehmen - heute sind es nur 29 Prozent. Dieser Rückstand hat seine Ursache darin, dass die Gelder für den Hochschulbau vor allem vom Bund nicht entsprechend aufgestockt wurden. Jetzt fordert der Wissenschaftsrat eine einschneidende Verlagerung ganzer Studiengänge von den Universitäten an die Fachhochschulen. Da nicht zu erwarten ist, dass die Universitäten dazu freiwillig bereit sein werden, soll das der Staat richten: "Deshalb muss durch ordnungspolitischen Eingriff von staatlicher Seite das begrenzte Fächerspektrum der Fachhochschulen deutlich erweitert" werden. Gedacht ist an Studiengänge wie Pharmazie, Beriebswirtschaftslehre, Teile der Juristen- und der Lehramtsaubildung.

Der Wissenschaftsrat räumt auch mit der lange Zeit gehegten Lieblingsvorstellung der deutschen Wissenschaft, dass alle Universitäten die gesamte Breite der Wissenschaft pflegen sollten. Das geht aus Kostengründen nicht mehr - die Profiluniversität, die in bestimmten Disziplinen ihre Stärken hat, soll dafür mit anderen Hochschulen in der Region und mit Forschungsinstituten zusammenarbeiten.

Auch die klassische Unterscheidung zwischen der Grundlagenforschung, die den Universitäten und den Max-PLanck-Instituten zugedacht ist, und der bloß angewandten Forschung an den Fachhochschulen ist für den Wissenschaftsrat zur Fiktion geworden. "Die schematische Zuweisung verschiedener Forschungstypen zu einzelnen institutionellen Sektoren des Wissenschaftsystems ist nicht stimmig, heute noch weniger als früher", heißt es hierzu. Diese daraus folgende Umorientierung soll jedoch nicht über die Deutsche Forschungsgemeinschaft laufen, sondern vom Staat übernommen werden. Dem Staat kommt dabei die Rolle sowohl des Initiators als auch Moderators zu, um jene Forschungsverbünde zustande zu bringen, bei denen Forschungsinstitute, Fachhochschulen und Universitäten bestimmte Projekte gemeinsam bis zur Anwendung vorantreiben.

Eigentlich hatte der Wissenschaftsrat beabsichtigt, die tragenden Säulen der deutschen Wissenschaft aufzulockern. Die mächtigen Organisationen wie die Max-Planck-Gesellschaft, die Großforschungsinstitute, die Forschungsinstitute der Blauen Liste, die Fraunhofer Gesellschaft sind zu etabliert, als dass sie durch den Wissenschaftsrat noch in Frage gestellt werden könnten. Daher ist dem Wissenschaftsrat eine weniger radikale Lösung eingefallen: "Insgesamt ist es in allen Bereichen des Wissenschaftssystems sinnvoll, in Zukunft Forschungseinrichtungen grundsätzlich nur noch mit begrenztem Auftrag und befristet einzurichten", fordert er. Neue Institute sollen nach 15 Jahren zur Überprüfung anstehen.

Hoher Veränderungsdruck

Am Beispiel großer Forschungsthemen schlägt der Wissenschaftsrat eine stärkere Zusammenarbeit unter den Instituten vor, egal zu welcher Säule sie gehören. Um es mit dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Winfried-Schulze, auszudrücken: "Die Institutionen bleiben bewahrt, aber wir haben sie unter hohen Veränderungsdruck gesetzt." Der Wissenschaftsrat setzt bei den Instituten der Blauen Liste an, die künftig sehr viele näher als bisher mit den Universitäten verbunden werden. Überhaupt geht es dem Wissenschaftsrat bei der Idee der Forschungsverbünde auf Zeit vor allem darum, die aus den Universitäten zum Teil ausgewanderte Forschung wieder enger mit den Unis zu verbinden. Besonders die Max-Planck-Institute und die Universitäten sollten enger zusammenarbeiten. Zum Beispiel könnte ein gewisser Prozentsatz der Grundfinanzierung der Max-Planck-Institute auf die Deutsche Forschungsgemeinschaft übertragen werden, die anschließend diese Gelder für gemeinsame Forschungsvorhaben der MPG mit den Universitäten vergibt.

Eine weitere radikale Forderung richtet sich auf die Mobilität von Studenten und Wissenschaftlern. Herausgehobene Positionen in der Wissenschaft sollen künftig nur noch an jene Wissenschaftler vergeben werden, die Erfahrungen im Ausland gesammelt haben. "Auf Professuren und andere Leitungspositionen im Wissenschaftssystem sollten nach Möglichkeit nur Wissenschaftler berufen werden, die über namhafte Arbeitserfahrungen an anerkannten ausländischen Wissenschaftseinrichtungen verfügen." In umgekehrter Richtung ist der Wissenschaftsrat nicht minder radikal. Vor dem Hintergrund der Green-Card-Debatte fordert er: "Deutschland muss im eigenen langfristigen Interesse zu einem Einwanderungsland für herauragend qualifizierte ausländische Studierende und Wissenschaftler werden."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben