Gesundheit : Hochschulreform: Hilfe für die zarte Pflanze

Uwe Schlicht

Vertreter der Wirtschaft suchen eine engere Zusammenarbeit mit den Hochschulen. Aber wird diese Zusammenarbeit auch so weit gehen, dass die Wirtschaft bereit wäre, jährlich eine große deutsche Universität mit 30 000 Studenten und einem Jahresetat von 500 Millionen Mark zu finanzieren? Diese Frage wurde im Juli auf einer Konferenz im Debis-Center am Potsdamer Platz gestellt und blieb unbeantwortet. Jetzt liegt als Ergebnis dieser Diskussion mit führenden Vertretern der Hochschulen, Wissenschaft und Wirtschaft ein Memorandum vor, das Debisvorstandsmitglied Norbert Bensel und Professor Hans Weiler von der Stanford University in Kalifornien verantworten.

Die Wirtschaft ist nach dem Memorandum bereit, sich an innovativen Hochschulprogrammen zu beteiligen. Die beteiligten Unternehmen bejahen die Neuorganisation der Hochschulverwaltung durch Einrichtung von Räten, die nach amerikanischem Vorbild mit herausragenden Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, dem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Leben besetzt sind und die die Hochschulen in strategischen und finanziellen Fragen beraten. Die Unternehmen seien bereit, eigene Vertreter in die neuen Räte oder Kuratorien zu entsenden, obwohl das sehr personalintensiv ist. Ebenso erklären die Unternehmen ihre Bereitschaft, für Praktika und Diplome oder Promotionsprojekte den Hochschulangehörigen großzügigere Arbeitsmöglichkeiten als bisher zu bieten. Und sofern es der Profilbildung nützt, könnte die Wirtschaft auch Stipendien bereitstellen oder Lehrbeauftragte in die Hochschulen schicken. Die Beteiligung der Wirtschaft kann sogar soweit gehen, dass Kapitalstöcke aufgebaut werden, die jenen Hochschulen Hilfe bieten, die sich in Stiftungen umwandeln wollen.

Unterstützung für den Wissenschaftsrat

Ingesamt unterstützt der Kreis der Wirtschaftsunternehmen, der sich im Debis-Memorandum wiederfindet, die Reformanstöße, die vom Wissenschaftsrat und dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmannstiftung ausgehen. Zu dem Kreis gehören die Deutsche Bahn, die Allianz-Versicherung, die Dresdner Bank, die Deutsche Bank, die RWG, der Bundesverband der Deutschen Industrie und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Außer der Forderung noch mehr Autonomie für die Hochschulen gibt es auch ein Plädoyer für die schnelle Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen an den deutschen Hochschulen, weil nur diese neuen Studiengänge wahrhaft zur Studienreform beitragen könnten und zugleich der Studienzeitverkürzung und Internationalisierung dienen. Wörtlich heißt es: "Die zügige und breitestmögliche Einführung stärker differenzierter konsekutiver Studiengänge auf der Grundlage der Empfehlungen des Wissenschaftsrats vom Januar 2000 stellt nicht nur im Interesse einer internationalen Öffnung der deutschen Hochschulen, sondern vor allem als Instrument einer echten Studienreform eine der größten Chancen und Herausforderungen für die deutschen Hochschulen in diesen Jahren dar." In dem Memorandum wird zugleich betont, dass mit Blick auf die neuen Studiengänge "eindeutige Akzeptanzsignale der Abeitgeber" nötig seien.

Wesentliche Voraussetzung für die Neuorganisation des Studiums ist die Einteilung in Module und die Vergabe von bestimmten Kreditpunkten. Denn erst ein solches Verfahren erlaubt die wechselseitige Anerkennung der erbrachten Studienleistungen bei einem Hochschulwechsel innerhalb Deutschlands, aber auch von Deutschland ins Ausland. Und die Modularisierung ist auch ein Mittel, um künftig Phasen des Studiums an der Hochschule mit einer späteren Weiterbildung nach einigen Jahren Berufstätigkeit zu verbinden. Außerdem wird durch die Modularisierung ein Teilzeitstudium erleichtert.

Die Verfasser des Memorandums sprechen sich für eine Neuregelung des Hochschulzugangs aus, damit die zentrale Verteilung der Studienanfänger in Numerus-clausus-Fächern abgelöst werden kann durch eine Auswahl der Studenten entsprechend ihrer Eignung, ihren Interessen und dem jeweiligen Profil der Hochschule. Die notwendige Information der Studienbewerber über die unterschiedlichen Profile und Anforderungen der Hochschulen sei jedoch eine Voraussetzung für ein solches Verfahren. Diese Forderung läuft auf eine Unterstützung des CHE hinaus bei dessen Versuch, die Stärken und Schwächen der Hochschulen von Fach zu Fach zu ermitteln und in Studienführern zu veröffentlichen.

In dem Debis-Memorandum wird auch das vom CHE und dem Stifterverband gemeinsam entwickelte Modell des Bildungssparens aufgegriffen. Auf diese Weise könnten Studienkonten oder Bildungsgutscheine erworben werden und dann gezielt den Hochschulen zugute kommen, an denen die Studenten studieren. Überhaupt empfiehlt das Debismemorandum eine finanzielle Beteiligung der Studenten an dem Studium. Jedoch sollten Studiengebühren sozialverträglich sein. Voraussetzung ist, dass die dadurch erzielten Einnahmen den Hochschulen wirklich zugute kommen und nicht vom Finanzminister eingezogen werden. Von Bund und Ländern erwarten die Wirtschaftsunternehmen in dem Memorandum, dass das Defizit in der Bildungsfinanzierung durch ein Sofortprogramm überwunden wird. Man könnte einen Zukunftfonds schaffen und durch Einkünfte aus dem Verkauf der UMTS-Lizenzen speisen.

In dem Memorandum wird betont, dass die Besorgnis der Wirtschaft über die mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hochschulen "immer akuter" werde. Es entstünden zwar bemerkenswert wirkungsvolle Koalitionen zur Förderung der Reformen aus Vertretern der Politik, Wirtschaft und mit reformorientierten Rektoren und Präsidenten von einzelnen Hochschulen. Aber "trotz aller dieser Initiativen ist die nunmehr begonnene Reform noch immer ein zartes Pflänzchen. Ihr Erfolg ist in vielfältiger Weise gefährdet."

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