Gesundheit : Hochschulreform: Locken und drohen

Uwe Schlicht

Geld gegen Reformen - die Hochschulverträge in Berlin haben zwei Seiten. Es hat sich in der Vergangenheit erwiesen, dass Hochschulgesetze oft nur stumpfe Schwerter sind! Wer in der Studienreform konkrete Veränderungen an Berlins Hochschulen herbeiführen möchte, und zwar in überschaubarer Zeit, braucht andere Instrumente. Da die Chancen des neuen Landes-Hochschulgesetzes ohnehin in den Sternen stehen, wollen die Senatspolitiker die Hochschulverträge nutzen, um bei der Reform bis zum Jahre 2005 greifbare Erfolge zu erzielen.

Im Jahr 2005 will der Wissenschaftsrat Bilanz ziehen, ob die meisten Studiengänge an Deutschlands Hochschulen in Bachelor- und Masterstudien umgewandelt worden sind. International gelten Studiengänge in zwei Stufen als Regel. Der erste Teil endet nach drei oder vier Jahren mit dem Bachelor, und für die Besten eröffnet sich danach die Chance, in ein oder zwei weiteren Jahren mit dem Master abzuschließen. Die Wissenschaftsminister von 29 europäischen Staaten haben sich in der Deklaration von Bologna auf derartige Lösungen verständigt. Können die Hochschulverträge zu diesem Ziel beitragen?

Staatssekretär Josef Lange, der die Verhandlungen mit den Hochschulen geführt hat, gibt eine nüchterne Einschätzung: "Niemand kann die Hochschulen zwingen, neue Bachelor- und Masterstudiengänge in großer Zahl einzuführen oder herkömmliche Diplom- und Magisterstudiengänge durch die neuen Studiengänge zu ersetzen. Aber Deutschland kann nicht aus dem europaweiten Prozess von Bologna aussteigen. Wer rechtzeitig die neuen Studiengänge mit dem Bachelor und Master einführt, wird international Vorteile haben." Lange möchte daher die Hochschulen mit Angeboten und Sanktionsdrohungen auf den neuen Weg locken.

Wege zur Reform

In dem Vertragsentwurf steht: Alle Hochschulen, besonders die Universitäten sollen "in geeigneten Bereichen" gestufte Studiengänge mit den Bachelor- und Masterabschlüssen einführen und insbesondere darauf achten, "dass der erste berufsqualifizierende Abschluss attraktive Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet". Von möglichst vielen neuen Studiengängen ist nicht die Rede. Die Universitäten begrüßen das, weil sie lieber ihre Diplom- und Magisterstudiengänge reformieren möchten.

Genau an diesem Punkt setzt der Entwurf für die neuen Verträge an: Bis zum Jahre 2003 werden die Hochschulen verpflichtet, die Hälfte ihrer herkömmlichen Studiengänge mit Diplom- oder Magisterabschluss zu modularisieren. Was bedeutet das? Es besagt, dass die bisher mit 12 bis 15 Semestern Studiendauer belasteten Diplom- und Masterstudiengänge in klare Abschnitte (Module) gegliedert werden. Jeder Abschnitt schließt mit Prüfungen ab und wird mit Leistungspunkten bewertet. Die Leistungspunkte erleichtern nicht nur einen Hochschulwechsel ins Ausland, sondern auch eine Neugestaltung der Prüfungen.

Bisher bereiten sich viele Studenten ein Jahr auf die große Abschlussprüfung am Ende vor. Künftig wird das Examen nicht mehr mit dem Wissensstoff eines ganzen Studiums belastet. Das ist in Amerika ein Geheimnis für die kürzere Studiendauer. Wenn das auch in Deutschland, speziell in Berlin gelingt, kann sich die Studienzeit allein durch diese Reform bis zum Diplom oder Magister erheblich verkürzen. Staatssekretär Lange: "Der Hochschule, die die Modularisierung und Kreditpunkte in möglichst vielen Diplom- und Magisterstudiengängen eingeführt hat, wird der Sprung zu den Bachelor- und Masterstudiengängen leichter fallen."

Es wird ein Strukturfonds gebildet, der eigentlich der Stärkung der Fachhochschulen dient, an denen die tatsächlichen Studienzeiten mit acht bis neun Semestern ohnehin kürzer sind. Die Fachhochschulen haben in Berlin zu wenig Studienplätze. Die Universitäten zahlen in den Strukturfonds jährlich 3,2 Millionen Mark, bis nach 15 Jahren auf diese Weise 48 Millionen Mark zusammenkommen. Der Strukturfonds zielt zugleich auf die neuen Studiengänge: Nicht nur die Fachhochschulen, sondern auch die Universitäten sowie die Hochschule der Künste können aus dem Strukturfonds Gelder beziehen, sofern sie Bachelorstudiengänge ins Leben rufen und damit zur Studienzeitverkürzung beitragen.

Neuer Maßstab für die Studiendauer

Besonders lange dauern die Diplom- und Magisterstudiengänge. In Berlin benötigen viele Studenten in den Natur- und Ingenieurwissenschaften eineinhalb bis zwei Jahre länger bis zum Diplom als die Studenten an den schnellsten Universitäten im Osten Deutschlands. In den Geistes- und Kulturwissenschaften wird in einer Reihe von Magisterstudiengängen an der Freien Universität sogar bis zu fünf Semester länger studiert als an den schnellsten Unis.

Wie wollen die Politiker auf diese Herausforderung reagieren? In den Hochschulverträgen geben sie den Universitäten auf, bis zum 31. Dezember des Jahres 2004 über folgende Schritte zu berichten: Wie ist es zu erreichen, dass durch die Gestaltung des Studien- und Lehrangebots "die durchschnittliche Studienzeit in der Bundesrepublik Deutschland nicht überschritten wird." Das lässt die Kenner aufhorchen: Nicht die Regelstudienzeit wird zur Grundlage gemacht, sondern die durchschnittliche Studiendauer in Deutschland. Der Unterschied sei an einigen Beispielen verdeutlicht: Die Regelstudienzeit beträgt für die meisten Studiengänge acht Semester, für die Natur- und Ingenieurwissenschaften neun bis zehn Semester und für die Medizin zwölf Semester. Die durchschnittliche Studiendauer in ganz Deutschland dagegen ist auf ganz anderen Höhen angesiedelt: Bei den Bauingenieuren 11,7 Semester, in der Elektrotechnik 12,3 Semester, im Maschinenbau 12,6 Semester, Geographie 12,9 Semester, Biologie 11,9 Semester, Betriebswirtschaftslehre 10,9 Semester, Anglistik 11,9 Semester, Germanistik 12,3 Semester, Geschichte 12,5 Semester.

Was beabsichtigt ist, beschreibt Staatssekretär Lange mit den Worten: "Wir gehen realistisch vor und erhöhen den Druck zunächst so, dass sich die Berliner Hochschulen am Bundesdurchschnitt orientieren. Wir wollten die Latte nicht so hoch hängen, dass alle mit dem Argument, die Regelstudienzeiten seien ohnehin nicht zu erreichen, erneut unter der Latte hindurchlaufen können." Beim bloßen Bericht bleibt es nicht. Wer das Ziel nicht erreicht, wird mit finanziellen Abzügen bestraft. Denn künftig wird ein wachsender Teil des Staatszuschusses an die Hochschulen nach Leistung vergeben.

Bleibt das leidige Thema der Finanzen: Berlin ist pleite und geht einem bisher noch nicht eingrenzbaren Milliardendefizit entgegen. Wenn unter diesen Bedingungen die zwischen Staatssekretär Lange und den Berliner Hochschulen ausgehandelten Finanzsummen Bestand hätten, wäre es fast ein Wunder. Bisher hat die Finanzverwaltung keine Grundbeträge für die künftigen Staatszuschüsse an die Hochschulen genannt, aber die Summe in den paraphierten Verträgen auch noch nicht in Frage gestellt. Alles läuft auf die Frage hinaus, ob die Hochschulen im Vergleich zu der vereinbarten Vertragssumme aus dem Jahr 2002 etwa 175 Millionen Mark mehr bis 2005 bekommen. Das wäre eine Steigerung von 2,259 Milliarden Mark auf 2,434 Milliarden Mark.

Ungeklärte Finanzen

Die acht von den Verträgen betroffenen Hochschulen hätten ohne Schwierigkeiten 300 Millionen Mark mehr gebrauchen können, ohne im Geld zu schwimmen: weil in dieser Zeit Tarifsteigerungen zu verkraften sind, weil die Pensionskosten für die Hochschulen im Westen der Stadt enorm steigen und weil vor allem die Neuberufungen der Professoren viel Geld kosten. Die Freie Universität und die Technische Universität müssen etwa die Hälfte ihres Professorenbestandes erneuern, die Humboldt-Universität etwas weniger. Allein 240 Millionen Mark an Mehrkosten haben die drei Universitäten für die Berufung neuer Professoren geschätzt. Außerdem wurde die Bauerhaltung unter den bisherigen Verträgen so reduziert, dass nur die Hälfte des eigentlich benötigten Geldes zur Verfügung stand.

Staatssekretär Lange kommentiert die Lage mit den Worten: "Wir haben knapp und realistisch kalkuliert - ohne eine Schaumwolke darüber. Jetzt gibt es nicht mehr viel nach unten zu verhandeln, es sei denn die Stadt will sich nicht mehr die 85 000 Studienplätze leisten. Berlin kann es sich auch nicht leisten, bei dem anstehenden Generationswechsel unter den Professoren nur zweitklassige Wissenschaftler zu berufen, weil zweitklassige Leute Drittklassige nach sich ziehen. Es geht um die Zukunft der Stadt."

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