Gesundheit : Hochwasser: Von der Flut weggespült

Julia Thurau

Mitte Oktober brachten sturzartige Regenfälle Norditaliens Flüsse zum Überquellen. Besonders stark betroffen war das Aostatal. Dort riss der Fluss Dora ganze Häuser mit sich. Die Überschwemmungen waren die schwersten, die die Region bisher erfahren hatte. Zahlreiche Menschen kamen ums Leben, Zehntausende mussten ihre Häuser verlassen. Über das Aostatal, Piemont, Ligurien und andere betroffene Gebiete wurde der Notstand verhängt. Zurück blieben Schlammwüsten, verzweifelte Menschen und Schäden in Milliardenhöhe.

In jenen Tagen überschlugen sich die Meldungen. Doch so schnell sie kamen, so schnell verschwanden sie wieder aus den Medien und damit aus den Köpfen all derer, die nicht unmittelbar vom Hochwasser betroffen waren. Und es wird nicht lange dauern, da werden die ersten Betroffenen ihre Häuser eben dort wieder aufbauen, wo sie vom Schlamm davongespült wurden.

"Die Menschen vergessen zu schnell", sagt Zbigniew Kundzeweicz, Hydrologe an der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Posen. Immer wieder lasse sich die Bevölkerung in Gebieten nieder, von denen man wisse, dass sie durch Hochwasser extrem gefährdet seien. Kundzeweicz war einer von 150 Teilnehmern der Internationalen Hochwassertagung, die am Wochenende am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung zu Ende ging. Gemeinsam mit Kollegen aus ganz Europa diskutierte der polnische Forscher über Ursachen, Folgen und Risiken von Überschwemmungen.

Hochwässer sind nach einhelliger Meinung der Experten zunächst einmal etwas ganz Natürliches. Übermäßig starke Niederschläge führen - je nachdem, wie schnell das Wasser in den Flüssen abfließen kann oder im Boden aufgenommen wird - immer wieder zu Überschwemmungen.

Problematisch wird es erst durch den Menschen. Er zerstört die natürlichen Flusslandschaften, rodet Wälder, versiegelt offene Sickerflächen und begradigt Flüsse. Aber er sucht auch seit jeher die direkte Nähe zu Flüssen und siedelt dort.

"Schäden durch Hochwasser entstehen nur dort, wo Werte vorhanden sind", betont Axel Bronstert, Geoökologe an der Universität Potsdam. Also dort, wo Ackerflächen, Siedlungen oder auch Fabriken stehen. Diese lassen sich heute kaum mehr aus den gefährdeten Regionen verbannen.

Die Experten setzen daher auf eine sichere Prognose und verbesserten Hochwasserschutz. Doch das ist leicht gesagt. Gerade mit Prognosen tut man sich schwer. So können Klimatologen heute noch keine ausreichend genauen Angaben über die Regenwahrscheinlichkeit in einer Region machen. Auch weiß man nicht, wie sich Änderungen der Landnutzung künftig auswirken werden.

"In der Hochwasserforschung und im Hochwasserschutz müssen viele einzelne Faktoren gleichzeitig berücksichtigt werden", sagt Bronstert. Das soll künftig auch geschehen. Auf der Tagung präsentierten die Wissenschaftler die Ergebnisse des europäischen Hochwasserprojekts "Eurotas". Ziel dieses Projekts war es, Methoden zu entwickeln, mit denen regionale Szenarien entworfen werden können, die nicht nur Landnutzungsänderungen, sondern gleichzeitig Flussverbauungen oder klimatische Änderungen im Laufe der Jahre berücksichtigen.

Solche komplexe Szenarien sind wichtig, um etwa die Neubesiedlung gefährdeter Regionen zu verhindern. Manche Länder wie die Schweiz verbieten inzwischen sogar die Neubesiedlung stark gefährdeter Gebiete. Doch nicht immer ist das möglich. Sind die Häuser erst einmal gebaut, sind Menschen von dort nur schwer wegzubewegen. Wer sieht seinen ehemaligen Grund und Boden schon gerne in einem Rückhaltebecken verschwinden.

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