Gesundheit : Höhenarbeiter: Angst, ob die Knoten halten

Martin Kiesler

Die Werbung hat ihn als einen der trendigsten Berufe entdeckt: Der muskelbepackte und strahlende Industriekletterer auf Plakaten steigert den Konsum koffeinhaltiger Limonaden, und auch Zigaretten verkaufen sich besser, wenn sie aus der Hand einer leicht geschürzten Dame am Hanfseil angeboten werden. Doch in Wirklichkeit sieht der Alltag der Höhenarbeiter (so die offizielle Bezeichnung) nicht light aus: Sie montieren, kontrollieren oder führen kleinere Reparaturen und Wartungsarbeiten an schwer erreichbaren Orten in schwindelnder Höhe aus - unter Schweiß und manchmal auch Angst.

In meinem ersten Job reinige ich die Fassade eines Justizpalastes vom Seil aus. Alle denkbaren Arten von Dreck lerne ich kennen: trocken abwischbare Staubschichten oder ätzenden, tief im Lack sitzenden Industriedreck. Teilweise erschrecken die Leute in den Büros, wenn ich in der sechsten Etage von draußen ans Fenster klopfe. Andere reichen Kaffee oder Schokolade. Die Rechtspflege lässt sich nicht erschüttern. "Bleiben Sie ruhig da hängen", meint ein Richter in einer Verhandlung: "Schließlich ist die Sitzung öffentlich." Das Gebäude ist viel transparenter, wenn ich die Zimmer nicht durch die Tür, sondern vom Fenster aus erschließe.

Ob ich nicht Angst habe, fragt mich eine Frau, von ihrem Schreibtisch aufblickend. In dem Moment, in dem ich oben über die Gebäudekante gehe und mich in den Gurt hänge, spüre ich stets eine Spannung. Dann erweist sich, ob die Knoten halten, das Abseilgerät richtig eingebaut oder ein Anschlagpunkt falsch ausgewählt ist. Sollte mir ein solch grober Fehler unterlaufen, hänge ich immer noch an einem zweiten Sicherheitsseil. Statistisch gesehen gibt es kaum gefährlichere Jobs, wie etwa Gerüstbauer. Dennoch tun sich Berufsgenossenschaften und Handwerkskammern schwer mit der Anerkennung des Berufs, dessen Grundlagen aus dem Bergsport stammen. In Frankreich und England ist der Einsatz seilunterstützter Arbeitstechniken an Fassaden, Brücken, auf Dächern, Schornsteinen oder in Schächten dagegen üblicher. Doch auch in Deutschland werden Kletterer mitunter auf Großbaustellen eingesetzt, so am Sony-Center oder am Kanzleramt.

Gefährliches Missgeschick

Zur Zeit arbeite ich in Hamburg mit etwa 40 Kletterern, darunter eine Frau, am Neubau des Volksparkstadions. Fast nur mit Muskelkraft wird das riesige Tribünendach aufgezogen. Der übliche Lärm einer Baustelle fehlt. Nur tief unten dröhnen die Mäher auf dem heiligen Rasen des HSV. Die Montage einzelner Segmente dauert mitunter mehrere Stunden, eine Zeit in brütender Hitze, in der es keine Toilettenpause gibt. Dennoch erfordert die Arbeit weniger Kraft als Konzentration. Jeder Handgriff muss durchdacht sein. Unangenehm, wenn mir fünfzig Meter über dem Strafraum auffiele, dass meine Karabiner offen sind. Dennoch passiert meinem Team ein Missgeschick: Durch einen falschen Handgriff löst sich ein Stahlseil. Es rast über die Dachkante und fällt in die Tiefe - nur wenige Sekunden, nachdem dort noch jemand gestanden hatte.

Sich als Student eine Extremsportart zum Nebenberuf zu machen, ist nicht die einfachste Art des Jobbens. Die Anfangsinvestition für Ausrüstung und Prüfung beim zuständigen Fachverband beträgt etwa 2500 Mark. Einige Firmen beschäftigen Studierende als Angestellte. Üblich ist auch die selbstständige Arbeit mit Gewerbeschein. Dann müssen neben der Seilarbeit Aufträge akquiriert, Rechnungen geschrieben und Papierkram erledigt werden. Etwa 100 Mark zahlen Auftraggeber für die Seilstunde.

Neben der Höhentauglichkeit sollte für den Job auch ein Verständnis für die einfache Sprache des Handwerks mitgebracht werden. Der alte Fensterputzer, mit dem ich am Gericht zusammen arbeite und der den fragilen Werkstoff Glas höchst behutsam behandelt, hat seine eigene - spröde - Art gefunden, mit Menschen umzugehen: "Kleener, sach dommal die Tussi, det se die Schalusien runterkurbeln soll", ruft er mir lauthals zu. Mir ist das peinlich, denn er meint zweifellos die Vorzimmerdame des Gerichtspräsidenten, die hinter dem offenen Fenster sitzt. Meine um Mäßigung flehende Geste missachtet er geflissentlich: "Mann! Ick will doch mit die Weiber hier nich knutschen!". Ein Glück hänge ich am Seil und muss nicht durch die Balkontür der "Tussi" wieder hinein ins Gebäude.

Weitere Informationen: Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken e.V. (FISAT); Bahnhofstr. 14, 74532 Ilshofen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar