Gesundheit : Hörprobe: "Eine gewisse Weltfremdheit"

Tilmann Warnecke

Auch in diesem Semester schleichen sich Campus-Reporter in Vorlesungen, um schonungslos Kritik zu üben oder überschwänglich zu loben.

Montags morgens um acht ist die Uni-Welt noch in Ordnung. Trotz der für universitäre Verhältnisse nächtlichen Zeit warten bereits eine Viertelstunde vor Beginn etwa hundert Jura-Studenten in der Humboldt-Uni auf ihre allererste Vorlesung des neuen Semesters und tauschen sich über Ferienerlebnisse und Klausurergebnisse ("80 Prozent sind durchgefallen. Du auch?"). Eine Studentin hatte es besonders eilig, in den Schoß ihrer Alma Mater zurückzukehren: An ihrem Rucksack klebt noch ein Lufthansa-Schild. Die Vorfreude nach drei Monaten Uni-Entzug verfliegt, als Professor Tomuschat den Weierstraß-Hörsaal aufschließt. Der Saal riecht, als ob er in den Ferien kein einziges Mal gelüftet worden sei. Grundgesetz-Texte werden gezückt, um sich frische Luft zuzuwedeln.

Zur Akklimatisierung redet Tomuschat statt über die auf dem Stundenplan stehenden Grundrechte zunächst über Grundsätzliches: "Bei der Korrektur von Examens-Klausuren habe ich auch bei Studenten mit einem zehnsemestrigen Studium eine gewisse Weltfremdheit festgestellt." Zum Beheben dieses Missstandes empfiehlt er seinen Schützlingen Tageszeitungen ("Wirklich gute - nicht solche über Big Brother und Christoph Daum") sowie Englisch-Kurse. Bei einem Video-Film würde der Campus-Reporter jetzt vorspulen. Den Studenten bleibt nichts weiter übrig als laut aufzuseufzen (die hinteren Reihen) oder laut zu gähnen (ein schwarzer Kapuzen-Pulli weiter vorne).

Mit einem "Nun verschnaufen wir einen Moment und kommen zu einem Überblick über die Grundrechte" schreckt Tomuschat alle auf. Angefeuert vom Professor entspannt sich zwischen drei Studenten eine lebhafte Diskussion über die Todesstrafe und den finalen Rettungsschuss. Die Kommilitonen nutzen ihre Grundgesetze wieder sachgemäß und blättern zwischen den Artikeln 20, 93 und 102 hin und her. "Wenn die Vorlesung im Februar zu Ende ist, brechen bessere Zeiten an", verspricht Tomuschat eine heile Welt spätestens wieder zu den nächsten Semesterferien. Die können seine Studenten dann im Bewusstsein eines speziellen Grundgesetz-Schutzes genießen. Unter Punkt 5c: Rechte besonderer Personengruppen will Tomuschat auch die Wissenschaftsfreiheit behandeln.

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