Gesundheit : Hörprobe: Falladas obszöne Liebesbriefe

Juliane Von Mittelstaedt

Regelmäßig horchen wir in Vorlesungen hinein - und staunen über den Reichtum der Berliner Wissenschaft.

Ein Abgrund tut sich über der deutschen Bücherkunst auf: "Drogen in der Literatur" heißt die Vorlesung. Enthüllungen erwartend schleicht sich die Campus-Reporterin undercover in die Germanistik-Vorlesung. Vor dem Saal stimmen sich die Studenten schon ein, indem sie hastig den Rauch von Tabak und anderen Kräutern inhalieren. Dann strömen sie in Scharen auf die knapp 200 Plätze, die schon vor Eintreffen des Dozenten fast alle belegt sind. Drogen scheinen für die Germanisten der Humboldt-Uni eine erhebliche Anziehungskraft zu besitzen.

Während sich die Zigarettenausdünstungen zu einer dicken Wolke über den Köpfen kumulieren, erzählt Dozent Kämper-van den Boogaart "ein paar Schmankerln" aus der Suchtkarriere des Rudolf Dietzen alias Hans Fallada. Es beginnt schlimm. Fallada, damals noch der kleine Rudolf, schreibt obszöne Briefe an das Nachbarsmädel. Die erkennt nicht an, dass es sich um Kunst handelt, die Eltern auch nicht, es kommt zum Eklat. Sogleich folgt aus Enttäuschung darüber des Rudolfs Griff nach der ersten Zigarette. Die Einstiegsdroge, liebe Eltern, aufgemerkt. Rasant geht es weiter mit Morphium, Kokain und Alkohol. Zielgerichtet setzt er seine Karriere fort: Beschaffungskriminalität, Mord, Psychiatrie, früher Tod.

Die Liebesbeziehungen von Hans, vormals Rudolf, werden unter die Lupe genommen. Da gibt es die Suse, "die eigentlich Anna heißt, aber Suse genannt wird, weil sie immer so vorbeisaust" und die Ulla, die auch ganz gerne mal Morphium spritzt.

Der Dozent, ironisch lächelnd, kommt zu dem Schluss, dass eigentlich die Frauen an den Süchten des Hans schuld sind. Die Studentin nebenan leidet sichtlich mit, ihre Oberlippe klemmt vor Betroffenheit unter den Schneidezähnen fest und ihr Glücksstein auf der Brust glimmt traurig vor sich hin. Der Student eine Reihe weiter vorne hat seinen Kopf unter speckigen Locken begraben und interessiert sich weniger für die Leiden des jungen Rudolf D. - er schläft.

Dabei gibt sich der Dozent mächtig Mühe beim Rezitieren einiger Passagen aus den alkoholfeuchten Werken Falladas. Währenddessen bahnt sich im seitlichen Gang jedoch ein stetiger Migrationsstrom seinen Weg zur Tür. Die Sucht will gefüttert werden.

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