Gesundheit : "Hörprobe": Freitags nie

Tanja Buntrock

Auch in diesem Semester schleichen sich Campus-Reporter wieder in große Vorlesungen und kleine Seminare, um schonungslos Kritik zu üben oder überschwänglich zu loben.



Die Campus-Reporterin soll eine "Hörprobe" schreiben. Schön und gut, nur leider war gestern ein Freitag. Vor nicht allzu langer Zeit hat die Campus-Reporterin selbst noch studiert und weiß, dass an einem Freitag kaum etwas los ist an den Berliner Universitäten. Aber egal: Auftrag ist Auftrag. Aber Uni ist auch Uni, und genau deshalb war es Freitagvormittag genauso, wie immer: Nahezu gähnende Leere auf den Gängen in der "Rost- und Silberlaube" der Freien Universität.

Bei den Germanisten läßt sich im Verzeichnis freitags nicht eine einzige Vorlesung finden. Aber warum nicht? Sitzen die Professoren freitags etwa im Flieger, um in anderen Städten wichtige Gastvorträge zu halten? Bleiben die Studentinnen und Studenten freitags zuhause, um die Seminare der vergangenen Woche "nachzubereiten"? Oder ist die Campus-Reporterin einfach nur naiv?

Wenigstens im Café "Rosa Salon" trifft sie auf fünf bis sechs Leute. Einer bereitet sich gerade auf seine Disputation vor. Von ihm läßt sich die Reporterin erzählen, dass sein Tag immer erst gegen elf Uhr mit einer Tasse Kaffee beginnt (Neid, Neid, Neid, weil doch die Campus-Reporterin immer schon um fünf Uhr morgens aufsteht, um die Zeitungen der Konkurrenz zu studieren). Selbst die Putzfrauen arbeiten nicht. Sie machen Zigarettenpause, und zwar schräg gegenüber von einem Schild. Auf diesem steht, dass sich angeblich 73 Prozent der Studenten eine rauchfreie Uni wünschen. Irgendjemand hat mit einem Filzstift hinzugefügt: "Ich glaube nur an Statistiken, die ich selbst gefälscht habe."

Das Blatt daneben, auf dem für "Heilpädagogisches Reiten" geworben wird, ist noch nicht bekritzelt. Die Campus-Reporterin verspürt einen großen Reiz, ihren Kugelschreiber zu ziehen. Aber nach kurzem Überlegen läßt sie es sein: Auftrag ist Auftrag.

Irgendwo in den hinteren Räumen findet sie ein ganz kleines Seminar. Ein paar niederländische Worte dringen nach außen auf den Flur. Die Campus-Reporterin kann zwar kein holländisch, aber eins wird ihr schnell klar: Es wird gerade das desaströse Ausscheiden der Holländer bei der Fußball-Europameisterschaft analysiert.

Gegen Mittag wird der Campus voller. Die Studenten drängeln sich aber nicht in den Seminarräumen, sondern in der Mensa. Es ist Freitag, da wird traditionell Fisch serviert. Diesmal gibt es paniertes Fischfilet mit Tiroler Sauce. Wenigstens darauf ist Verlass.

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