Gesundheit : Hoffmanns Getränke (Glosse)

Guido Schirmeyer

"Komm raus, du!", soll der Schauspieler Ludwig Devrient im Sommer 1822 auf dem Totenacker der Jerusalem Kirche gerufen haben. Noch Wochen nach dem Tode seines Freundes E.T.A. Hoffmann soll er häufig, eine halb ausgetrunkene Flasche schwenkend, fassungslos an dessen Grab gesessen haben:"Komm raus, du!" In dieser Woche, 178 Jahre später, spielen sich ähnliche Szenen an Hoffmanns Ruhestätte ab: Kaum hat der Totengräber das rostige Tor des Kreuzberger Jerusalemer Kirchhofs verschlossen, schlurfen drei Frauen und zwölf ältere Männer im Dunkeln über den vereisten Weg zum Grabmal ihres Meisters. Im Halbkreis stehen sie vor dem Granitstein, murmelnd packen sie schneeweiße Becher aus und zünden fröstelnd lange Kerzen an. Der Älteste schenkt allen einen Schluck Rotwein ein und ruft "In Hoffmanno!" "In Hoffmanno!" raunt der Chor, und alle trinken und schütten rituell die Hälfte ihres Trunks auf den Grabeshügel.

So geht das alle Jahre wieder. Der alte E.T.A. wird sich vermutlich kichernd umdrehen, wenn der Wein in seine Gebeine sickert, und von Getränke-Hoffmann träumen, der sein Denkmal am Gendarmenmarkt gesponsert hat. Frostklirrende Friedhofsstille, die Kerzenlichter flackern in der Finsternis, und der Zaungast lächelt leise über die skurrile Zeremonie, als plötzlich, während der Schweigeminute, der Ernst wie ein Gespenst hinter dem Grabstein auftaucht. Der Alte mit karierten Kommissar-Maigret-Hut sagt zum 224. Geburtstag E.T.A.s einen Hesse-Vers auf: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne..."

Mit kalten Füßen stapft die Berliner Sektion der Hoffmann-Gesellschaft ins benachbarte Restaurant "Split" neben der Möbel-"Domäne". Die Bibliophilen löffeln Borschtsch-Suppe und prosten sich hin und wieder ein "In Hoffmanno!" zu, während der kroatische Kellner das Radio leise dreeht.

Der alte Kreuzberger Friedhofsgärtner wird sich am nächsten Morgen fragen, wieso der Schnee von gestern auf Hoffmanns Grab blutrot gefärbt ist. Und grummeln: "Komm raus, du!"

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