Gesundheit : Hoffnung auf die Pille davor

Ein Kongress diskutiert, wie ehrlich HIV-Infizierte zum Sexpartner sein müssen Forscher suchen Medikament, das die Vermehrung des Virus verhindern soll

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Mauern durchbrechen. Cori Obst ist Mitveranstalterin des Kongresses. Foto: P. Zinken
Mauern durchbrechen. Cori Obst ist Mitveranstalterin des Kongresses. Foto: P. Zinken

HIV und Aids sind eine medizinische Herausforderung. Daneben haben sie aber auch eine ganze Reihe von moralischen und juristischen Fragen aufgeworfen. Wenn ein Infizierter beim ungeschützten Sex seinem Partner nicht mitteilt, dass er HIV-positiv ist, macht er sich dann schuldig? Das Amtsgericht Darmstadt sah es im Fall der Ex-No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa so und verurteilte sie 2010 zu zwei Jahren auf Bewährung.

Was aber ist, wenn vom Infizierten gar keine oder nur noch eine sehr geringe Gefahr ausgeht? 2008 behauptete die Schweizer „Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen“ (EKAF), dass HIV-Infizierte unter bestimmten Bedingungen nicht mehr infektiös sind. Nämlich dann, wenn der Infizierte konsequent die Medikamente der antiretroviralen Therapie nimmt, keine anderen sexuell übertragbaren Krankheiten hat und seine Viruslast seit sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegt. Dann soll das Risiko einer Ansteckung bei einem Prozent liegen und damit geringer sein als bei Kondomgebrauch, denn ein Kondom kann reißen oder abrutschen. 2011 hat die EKAF ihr Statement erneuert. Es wird seit Jahren von Fachleuten und Betroffenen kontrovers diskutiert, und auch beim 14. Kongress „HIV im Dialog“, der kommendes Wochenende im Roten Rathaus stattfindet, soll es im Mittelpunkt stehen.

Cori Obst ist Mitveranstalterin. Die 43-Jährige hat seit ihrer eigenen Diagnose 1991 jahrelang für die Rechte HIV-positiver heterosexueller Frauen gekämpft, war in der Aids-Hilfe Wuppertal aktiv und hat den Fachbereich „Frauen“ bei der Deutschen Aids-Hilfe gegründet. Die Bundesverdienstkreuzträgerin lebt heute in Berlin. „Das EKAF-Statement stellt alle Präventionsstrategien auf den Kopf“, sagt sie, und will sich dafür einsetzen, dass die Botschaft von der Nichtinfektiosität vieler HIV-Infizierter eine breite Öffentlichkeit erreicht, dass in der Gesellschaft endlich ein Umdenken einsetzt. Wenn die Lebenserwartung HIV-Positiver inzwischen fast so hoch ist wie die von Nichtinfizierten, meint sie, dann müsse die Gesellschaft neue Strategien entwickeln, wie sie Infizierte sozial einbinden will. Doch das ist schwierig: „Niemand verabschiedet sich gerne von geliebten Feindbildern“, sagt Cori Obst. Beim Kongress wird sie zwei Diskussionsrunden leiten zu den Themen „Liebe und Pflicht“ und „Risikobereitschaft und Sicherheitsgesellschaft“.

Der Kongress entstand 1998 als lokale Berliner Veranstaltung aus dem Bedürfnis heraus, eine Plattform für Wissenschaftler, Politiker, Ärzte und Betroffene zu schaffen, auf der sie sich austauschen können – in der deutschen Stadt, die am stärksten von Aids betroffen ist. Seit einigen Jahren findet er, um die Bedeutung des Themas auch für die Politik zu unterstreichen, im Roten Rathaus unter der Schirmherrschaft Klaus Wowereits statt, jedes Jahr mit einem anderen Schwerpunkt. 2010 stand „Älterwerden mit HIV“ im Mittelpunkt, dieses Jahr ist es die Frage nach Schuld und Verantwortung. „Kann man angesichts der medizinischen Fortschritte der vergangenen Jahre noch vom Infizierten verlangen, alle Vorkehrungen zu tragen? Muss er sprechen, weil er positiv ist“, fragt Keikawus Arastéh. Der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum ist HIV-Experte und ebenfalls Veranstalter des Kongresses. „Es wird immer schwieriger zu sagen, wer verantwortlich ist. Sind es nicht beide Partner? Genau das wollen wir auf dem Kongress ausführlich diskutieren.“

Einige Fachleute betrachten das EKAF-Statement kritisch oder zumindest mit Vorsicht. „Es ist hilfreich bei festen Beziehungen zwischen diskordanten Partnern, also einem Positiven und einem Negativen, die den gleichen Informationsstand haben“, sagt Georg Behrens, Leiter der Klinik für Immunologie der Medizinischen Hochschule Hannover und seit Juni Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft. „Wie aber soll man sich in nicht festen Partnerschaften und bei anonymem Sex verhalten?  Sollte da nicht doch das Kondom im Vordergrund stehen? Sollte da nicht der Positive auf seinen Status hinweisen? In diesem Bereich ist das Statement ungenau, vereinfachend und nicht lebensnah.“

Neben EKAF wird auch eine medizinische Neuigkeit für Diskussionsstoff auf dem Kongress sorgen: Die Präexpositionspille, die sogenannte „Pille davor“. In Studien war sie erfolgreich. Es handelt sich um die gleichen Medikamente, die ein Infizierter im Rahmen der antiretroviralen Therapie einnimmt, mit dem Unterschied, dass sie in diesem Fall vom Nichtinfizierten eingenommen werden. Nukleosid-Analoga verhindern dann zwar nicht, wie bei einer Impfung, dass das Virus in den Körper eindringt, aber dass es sich vermehren kann. „Sollte sich das durchsetzen, stünden wir vor einem dramatischen Durchbruch“, sagt Keikawus Arastéh und zieht Vergleiche zur Anti-Baby-Pille. Aber: „Im Moment haben wir noch mehr Fragen als Antworten.“ Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen spannenden Kongress.

HIV im Dialog, 26. und 27.8., Rotes Rathaus, www.hiv-im-dialog.de, Eintritt frei

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