Gesundheit : Hoffnung auf Hilfe durch Hanf

Adelheid Müller-Lissner

"Unser Studienzentrum in München hatte deutliche Schwierigkeiten, Teilnehmer für die Untersuchung zu finden", sagt Martin Schnelle. Hinderungsgrund war die Angst vor Abhängigkeit, und hier hat der Leiter des Europäischen Instituts für onkologische und immunologische Forschung ein deutliches Nord-Süd-Gefälle festgestellt. Nicht ganz unverständlich: So geht es in der seit 1999 laufenden Studie, die vom Institut in Berlin koordiniert wird, um den Einfluss von Cannabis auf den Appetit schwer Krebskranker.

Die Patienten werden dafür, ohne dass sie selbst oder die Ärzte über ihre Zuordnung Bescheid wüssten, in drei Gruppen geteilt: Eine bekommt Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), die isolierte Hauptwirksubstanz der Drogenpflanze, die zweite einen Extrakt, die dritte eine Kapsel, die nicht mit Inhaltsstoff gefüllt ist. So will man in der Studie, an der auch die Charité beteiligt ist, prüfen, ob allein THC oder ein Extrakt aus mehreren Substanzen besser wirken. Insgesamt 445 Patienten werden für die Untersuchung gebraucht, 170 sind derzeit einbezogen.

Um "Cannabis als Medizin" ging es am Wochenende in der Charité. Etwa 70 spezifische Inhaltsstoffe sind bisher bekannt, also Verbindungen, die bisher nur in dieser Pflanze gefunden wurden. THC (Dronabinol) kann man seit Februar 1998 in der Apotheke kaufen, allerdings nur, wenn man ein spezielles Betäubungsmittel-Rezept des Arztes mitbringt. Das weltweit bisher einzige Fertigpräparat wird in den USA hergestellt.

Inzwischen stellt die kleine deutsche Firma THC-Pharm ein Harz her, das 98 Prozent Delta-9-THC enthält und vom Apotheker noch in Kapsel-, Lösungs- oder Inhalatform gebracht werden muss. Das Resultat ist ein "Rezepturarzneimittel" und darf deshalb auch ohne Zulassung nach ärztlicher Verschreibung hergestellt werden. Die durchschnittlichen monatlichen Therapiekosten veranschlagt man mit etwa 800 Mark.

Aus rechtlichen Gründen muss die Firma, die Wert darauf legt, dass ihr Name für "The Health Concept" steht, den Umweg über Hanfpflanzen nehmen, die wenig THC enthalten und eigentlich zur Textil- und Ölgewinnung angebaut werden. Nun plant man bei THC-Pharm aber auch die Herstellung eines Extrakts, der nicht nur das Delta-9-THC, sondern die ganze Wirkstoffpalette der Pflanze in standardisierter Form, also in gleichbleibender Qualität, enthält.

In einer weiteren Studie, die im November in der Charité beginnen soll, wird es um den Einsatz von Hanf als Schmerzmittel bei Gürtelrose gehen. "Wir haben Grund zu der Hoffnung, dass wir diese unangenehmen und oft langwierigen Nervenschmerzen mit niedrig dosiertem Cannabis beeinflussen können", sagt Gernot Ernst. Der Leiter der Arbeitsgruppe Schmerzforschung betont, dass die Dosierung von Cannabisprodukten in der Medizin praktisch immer "unterhalb der Rauschschwelle" angesetzt werde. Menschen, die berauschende Substanzen wegen starker Schmerzen einnehmen, haben es jedoch ohnehin nicht auf die "Dröhnung" abgesehen. Das zeigen gute Erfahrungen mit der vom Patienten selbst gesteuerten Einnahme von Opiaten mittels spezieller Pumpen.

Trotzdem sollten Cannabisprodukte nicht verordnet werden, wenn Patienten unter Persönlichkeitsstörungen leiden, die das Entstehen psychischer Abhängigkeit begünstigen könnten. Auch Herzbeschwerden können ein Gegengrund sein, THC lässt nämlich das Herz schneller schlagen. Müdigkeit ist eine Nebenwirkung, ob aber auch Symptome wie Antriebsarmut und Arbeitsunlust, die Lehrer und Eltern bei kiffenden Jugendlichen fürchten, zu den echten Nebenwirkungen gehören, ist für Ernst nicht klar: Es könnte auch sein, dass sich eher Menschen von Haschisch oder Marihuana berauschen lassen, die schon zuvor unmotiviert waren. Wird THC inhaliert, so ist die Wirkung, wie Jointkonsumenten wissen, schon nach wenigen Minuten spürbar. So ist prinzipiell auch eine vom Patienten selbst gesteuerte Einnahme nach Bedarf möglich.

Um Schmerzpatienten dabei nicht dem erhöhten Bronchitis- und Lungenkrebsrisiko auszusetzen, das mit dem Rauchen verbunden wäre, wurden Inhalationsgeräte entwickelt, die die Wirkstoffe mittels Heißluft lösen. So kann man inhalieren, ohne zu rauchen. Genau umgekehrt hatte es seinem eigenen Bekenntnis zufolge der amerikanische Ex-Präsident Clinton mit Marihuana in seiner Jugend gehalten.

Das Cannabisöl ist am wirksamsten

Cannabis, auch "indischer Hanf", kommt wild oder kultiviert in Süd- und Osteuropa, sowie in Amerika und Asien vor. Der wichtigste der berauschenden Wirkstoffe, der so genannten Cannabioide, ist "Tetrahydrocannabinol" (THC). Unter Marihuana versteht man die zerkleinerten und getrockneten Blätter und Blütenteile. Je nach Herkunft, Alter und Sorte gibt es große Unterschiede im Wirkstoffgehalt. Mehr Wirkstoff findet sich in Haschisch, dem gepressten Harz der Cannabis-Blüten. Noch konzentrierter ist das Öl, das 20 bis 70 Prozent THC enthält.

Damit eine psychoaktive Substanz wirken kann, muss sie an einem Rezeptor der Nervenzelle andocken. Die Entdeckung des Rezeptors für THC anfangs der 1990er Jahre führte zu einem neuen Verständnis der Wirkung von Cannabis. Es gelang, die entsprechenden körpereigenen Substanzen zu finden, die Koordination, Emotionen und Schmerzempfinden beeinflussen. pja

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben