Gesundheit : Hoffnung mit Trauerflor

Zum Tod des Alternsforschers Paul Baltes

Adelheid Müller-Lissner

„Die evolutionär gewachsene Biologie ist keine Freundin des Alters“, gab er vor einigen Jahren vor den Gelehrten der altehrwürdigen Akademie Leopoldina in Halle zu bedenken. Wann und wo immer der langjährige Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Hauptautor der „Berliner Altersstudie“ Paul Baltes über das Altwerden sprach, machte er dabei aber eine Unterscheidung: Die zwischen dem „jungen Alter“, in dem sich die 60- bis 80-Jährigen befinden, und dem hohen Alter, das mit über 80 beginne.

Angst vor dem Alter hielt er mit Blick auf die Hochbetagten für berechtigt. Was das „junge Alter“ betrifft, so sah der Entwicklungspsychologe, der sich selbst als „Alternsforscher“ bezeichnete, aber viel Grund zu einer optimistischen Betrachtungsweise.

Der Abnahme vieler körperlicher und auch geistiger Fähigkeiten könne der älter werdende Mensch mit geschickten Strategien begegnen. Wie der Musiker, dessen Fingerfertigkeit abnimmt, der dafür etwas leichtere Stücke auswählt, sie mehr übt und wirkungsvoller vorträgt: Er bedient sich der Techniken von Selektion, Optimierung und Kompensation. Und Baltes diagnostizierte sogar eine Aufbruchsstimmung: „Die jungen Alten werden fitter, körperlich und geistig“, sagte er vor einiger Zeit im Tagesspiegel-Interview.

Dazu passte auch bei ihm persönlich die gesetzlich festgelegte Berentungs- und Pensionierungsgrenze ganz und gar nicht. So nahm er, als er seine Funktion am Max-Planck-Institut abgegeben hatte, einen Teilzeit-Ruf als „Distinguished Professor of Psychology“ und als Permanent Fellow des Center for Advanced Study an der Universität von Virginia an, blieb aber „seinem“ MPI weiter verbunden. Von dort aus rief er das „MaxNetAging“ ins Leben, ein ebenso internationales wie interdisziplinäres Netzwerk der Altersforschung, in dem seitdem unter anderem Psychologen, Mediziner, Soziologen und Demographen zusammenarbeiten.

Nicht nur in der Hauptstadt wird der Name Baltes – zahlreiche Untersuchungen hat der Psychologe zusammen mit seiner 1999 verstorbenen Ehefrau Margret Baltes durchgeführt – vor allem mit der „Berliner Altersstudie“ in Verbindung gebracht, deren wesentliche Ergebnisse 1996 veröffentlicht wurden. Eine repräsentative Stichprobe von 516 Westberlinern zwischen 70 und 103 Jahren wurde dafür medizinisch und psychologisch untersucht.

Vor allem widerlegte die Studie das Vorurteil, Senioren fühlten sich prinzipiell krank und hilfsbedürftig und seien sozial isoliert. Baltes dämpfte jedoch stets zu positive Einschätzungen: Der positiven subjektiven Einschätzung der Älteren entsprachen die medizinischen Befunde durchaus nicht immer. Zudem zeigte sich, dass Pflegebedürftigkeit, Mehrfacherkrankungen und vor allem Demenzen ab dem 80. Lebensjahr deutlich ansteigen.

Das Alter ist ambivalent, so wurde Baltes nicht müde zu erklären. Weder ein eindimensionales Defizitmodell noch eine naive Machbarkeitsideologie werden dieser Ambivalenz gerecht. „Hoffnung mit Trauerflor“ sei die angemessene Haltung, so seine ebenso treffsichere wie poetisch-melancholische Formulierung.

Baltes selbst war es nicht vergönnt, seine späten Jahre zu genießen. Am vergangenen Dienstag ist er im Alter von 67 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben.

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