Gesundheit : Homo-Ehe: Kindheit am anderen Ufer

Rolf Degen

Würden Sie ein Kind, das zur Adoption freigegeben wurde, einem schwulen oder lesbischen Pärchen anvertrauen? Wenn Sie zu den Beamten gehören, die solche Entscheidungen fällen müssen, beantworten Sie diese Frage vermutlich eher negativ. Aus der Sicht der empirischen Forschung besteht jedoch kein ernstzunehmender Einwand gegen ein solches Arrangement.

Zum Thema Online-Umfrage: Spiegelt das Ja zur Homo-Ehe die Stimmung in der Bevölkerung wider? Vermutlich hat es in der Geschichte schon immer Homosexuelle gegeben, die Kinder ohne Hilfe eines andersgeschlechtlichen Elternteils aufzogen. Besonders in den USA existiert jedoch eine sehr aktive Schwulen- und Lesbenbewegung, die eine rechtliche Gleichstellung für die homosexuelle Ehe und Elternschaft verlangt.

Bei den amerikanischen Familiengerichten stoßen die meisten Homosexuellen aber mit ihrem Wunsch nach einem Adoptivkind auf Ablehnung. In den Entscheiden heißt es häufig besorgt, dass die Kinder sexuell "umgepolt" oder durch die normabweichende Umgebung in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt werden könnten.

Seit rund einem Jahrzehnt werden die elterlichen Qualitäten von Homosexuellen und die Persönlichkeit ihrer Kinder durch empirische Studien in den USA untersucht, nun ziehen die beiden amerikanischen Soziologieprofessoren Judith Stacey und Thomas J. Biblarz im "American Sociological Review" (Band 66, Seite 159) Bilanz. Die meisten der publizierten Untersuchungen enthalten Informationen über Lesben, die nach der Scheidung vom Ehemann das Sorgerecht erhielten. Die wenigen Studien über homosexuelle Väter und deren Sprösslinge fallen jedoch ähnlich aus.

"Das Fazit dieser Untersuchungen lautet einheitlich, dass keine fassbaren Unterschiede zwischen Kindern existieren, die bei hetero- und homosexuellen Eltern aufwachsen, und dass lesbische und schwule Eltern kompetente Erzieher sind", schreiben die Autoren. Diese Befunde, die rasch zur Munition in der öffentlichen Debatte avancierten, wurden jedoch von konservativer Seite kritisiert. Ideologische Befangenheit zugunsten der Schwulen- und Lesbenbewegung habe den analytischen Blick getrübt.

Doch in einem entscheidenden Punkt waren die Forscher mit ihren Kritikern konform gegangen, betonen die Soziologen: Sie hatten das Aufwachsen bei einem heterosexuellem Elternpaar unkritisch als Maßstab akzeptiert, so dass die geringste Abweichung von diesem Ideal den Geruch des Versagens trug. Vor diesem Hintergrund, so Stacey und Biblarz, wurden offenbar ein paar real existierende Unterschiede unter den Teppich gekehrt.

Egal von welchem theoretischen Ansatz man sich auch nähert, sei es beinah undenkbar, dass das Aufwachsen bei homosexuellen Eltern ohne Folgen bleibe. So haben die biologische Kinder von Homosexuellen Erbgut mit ihren Eltern gemeinsam; das menschliche "Triebschicksal" hängt jedoch nach neueren Befunden zweifellos zu einem wesentlichen Teil auch von den Genen ab. Auch schwule und lesbische Eltern bieten ihren Kindern lerntheoretisch gesehen Modelle für die Persönlichkeitsentwicklung, und auch das soziale Umfeld hebt sich von dem der Heteros ab.

Um diesen Zusammenhängen unvoreingenommen auf den Grund zu gehen, haben die beiden Wissenschaftler jetzt die Untergruppe jener 21 Studien ins Visier genommen, die den höchsten methodischen Ansprüchen genügen. Eine der Voraussetzungen war, dass den Lesben und Schwulen eine Vergleichsgruppe heterosexueller Eltern gegenüberstand, die ansonsten ähnliche Lebensbedingungen aufwiesen. Die Studien mussten auf statistisch ausgereiften Verfahren basieren und verlässliche Informationen über die psychosexuelle Entwicklung enthalten. In den entscheidenden Punkten bringt auch die neue Auswertung den altbekannten Trend ans Licht, resümieren die Autoren ihre Ergebnisse. Ein breites Spektrum von Psychotests fand bei den unkonventionell aufgezogenen Kindern keine Indizien für eine Störung der Persönlichkeit, der Intelligenz und der Einstellungen zu sich selbst, dem "Selbstkonzept".

"Die Kinder machen sich extrem gut", sagten die Forscher. "Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass ihre seelische Gesundheit und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit einen Schaden nimmt. Sie sind gut angepasst, besitzen ein gesundes Selbstwertgefühl und erzielen die gleichen schulischen Leistungen wie ihre Altersgenossen aus traditionellen Familien." Doch was die Entwicklung der Geschlechtsidentität betrifft, gingen den Forschern ein paar feine Abweichungen ins Netz. Töchter, die bei lesbischen Müttern aufwuchsen, legten eine Tendenz zu einer unkonventionellenGeschlechtsidentität an den Tag.

Sie interessierten sich eher für Hobbys und Aktivitäten, die sowohl einen femininen als auch maskulinen Anstrich aufwiesen. Sie setzten sich auch häufiger "unfeminine" Berufe wie Astronaut oder Ingenieur in den Kopf. Und auch was ihre sexuellen Interessen anging, wichen sie öfter von anderen Mädchen ab. Sie waren generell etwas aufgeschlossener für sexuelle Aktivitäten und hatten auch etwas häufiger Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht gemacht. Allerdings gab es bei Jungen und Mädchen aus den unkonventionellen Verhältnissen nicht die geringste Tendenz, sich selbst häufiger als lesbisch oder schwul zu bekennen.

Söhne, die bei lesbischen oder homosexuellen Elternteilen aufwuchsen, stachen bemerkenswerterweise durch eine größere sexuelle Keuschheit und Zurückhaltung hervor. Es fällt sehr schwer, dies durch den Mechanismus des Modellernens zu erklären. Außerdem legten sie weniger aggressive und dominante, dafür mehr fürsorgliche Züge an den Tag.

Was ihre Kompetenz als Erzieher betrifft, stellte die Analyse den Schwulen und Lesben gute Noten aus. Lesbische Mütter, die mit einer festen Partnerin zusammenlebten, verhielten sich in einem bestimmten Punkt vorbildlich: Die "ehelichen" Aufgaben wurden bei ihnen besonders fair und gleichberechtigt aufgeteilt. "Was die kritischen Punkte angeht, liefern diese Ergebnisse keine Berechtigung, die sexuelle Orientierung der Eltern zu berücksichtigen, wenn es ums Kindeswohl geht", urteilen die Forscher. "Der Entschluss, nicht-heterosexuellen Eltern gleiche Rechte zuzusprechen, darf nicht davon abhängen, dass die Kinder mit denen Heterosexueller identisch sind."

Dass Kinder aus unkonventionellen Verhältnissen selbst etwas mehr unkonventionelle Züge tragen, kann sehr gut aus der genetischen Überschneidung mit den Eltern resultieren. Wasserdicht ließe sich dies nur durch Studien an Homosexuellen prüfen, die Kinder heterosexueller Eltern adoptiert haben. Doch genau dieses Arrangement wurde bisher eher behindert.

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