Gesundheit : „Homöopathie ist eine Medizin der Begegnung“

Der Berliner Internist Roland Baur über die Möglichkeiten und Grenzen des Heilverfahrens

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Roland Baur (62) ist niedergelassener Internist und Homöopath in Berlin. Daneben hat er einen Lehrauftrag am Universitätsklinikum Charité.

Wie kommt man als Biochemiker und Internist zur Homöopathie? Das ist doch eigentlich eine ganz andere Baustelle.

In der Biochemie lernt man naturwissenschaftliche Zusammenhänge kennen. Aber dann werden Fragen wach. Und denen bin ich nachgegangen.

Was sind das für Fragen?

Die naturwissenschaftlich orientierte Medizin lässt die Sinnfälligkeiten von Krankheiten ganz außer Acht. Das muss sie auch, denn sie definiert Krankheiten als etwas, das ganz in der Substanz, im Materiellen, begründet ist. Das ist für mich nicht ausreichend, und für den Patienten erst recht nicht.

Wie kommt da die Homöopathie ins Spiel?

Sie lässt auch geistige und emotionale Ebenen zu. Der Patient bekommt ein Bild von seiner Erkrankung. Man spricht ja nicht umsonst von Krankheitsbildern. Das hilft ihm viel mehr, als wenn der Arzt ihm sagt: Ihr Laborwert liegt zwischen 1,5 und 2 –Sie sind gesund. Aber das Bild vermittelt Sinn, der Patient versteht seine Krankheit besser.

Liegt da nicht ein deutlicher Widerspruch zur Schulmedizin? Die geht ja von Krankheiten als Einheiten aus, während die Homöopathie gar keine Krankheiten, sondern nur Patienten mit Symptomen kennt.

Die Schulmedizin behandelt statistisch, die Homöopathie ist individuell angelegt. Den Spagat muss hierbei allerdings die Schulmedizin machen: Einerseits die statistischen Daten und andererseits die Person – wie bringt sie das zusammen?

Wie geht die Homöopathie vor?

Am Anfang steht, wie in der herkömmlichen Medizin auch, die Anamnese, also die Krankheitserhebung. Sie ist in der Homöopathie etwas ausgefeilter und kann zwei, drei Stunden dauern. Viele Informationen, die der Patient Ihnen anbietet, werden in der Schulmedizin nicht verwertet. In der Homöopathie ist das anders. Das ist ja das Wunderbare – dass das, was der Patient berichtet und was Sie erfragen, in der Regel in eine Arznei umgesetzt werden kann. Die Diagnose spielt dagegen nicht so eine große Rolle. Die Krankheit dokumentiert sich in der Homöopathie vor allem in der Gesamtheit der Symptome, die der Patient mitbringt.

Wie kommt man von den Krankheitszeichen zur Behandlung?

Eine bestimmte Symptomatik, ein bestimmtes Krankheitsbild gehört zu einer bestimmten Arznei. Welche Arznei geeignet ist, hat vorher die Arzneiprüfung ergeben. Das ist das ganze Geheimnis.

Wie vereinbaren Sie Homöopathie und Schulmedizin?

Das komplettiert sich für mich sehr gut. Viele Patienten möchten von der Schulmedizin weg, zum Beispiel von der ständigen Medikamenteneinnahme. Damit macht man ja den Patienten häufig erst chronisch krank. Aber die Basis der Medizin ist natürlich auf beiden Feldern die gleiche. Nur die Wege gehen irgendwann auseinander.

Inwiefern?

Ich sehe den Patienten als Individuum, ich versuche die Gesamtheit seiner Krankheitszeichen zu begreifen. Die Schulmedizin trennt und behandelt dementsprechend auch getrennt. Die Homöopathie braucht das nicht. Das ist der große Unterschied.

Wo sehen Sie die Grenzen der Homöopathie?

Ganz deutlich dann, wenn Organe ausfallen, erschöpft sind oder durch krankhafte Prozesse zerstört. Also wenn zum Beispiel die Bauchspeicheldrüse ausfällt und das Insulin ausbleibt. Dann muss man das einfach ersetzen. Gott sei Dank gibt es da eine Ersatztherapie, die die Schulmedizin ausgearbeitet hat. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht parallel eine passende homöopathische Arznei geben kann. Manchmal gelingt es zum Beispiel, wenn schon jemand Insulin zu spritzen hat, dass er vielleicht vom Spritzen wieder wegkommt und wieder Tabletten nehmen kann. Sicher eine Erleichterung.

Umstritten sind die Hochpotenzen. Wie kann eine Arznei, die kein Wirkstoffmolekül mehr enthält, noch wirken - sogar besonders gut?

Eine wissenschaftliche Erklärung dafür gibt es bisher nicht. Alle bisherigen Hypothesen sind fehlgeschlagen.

Welche Erklärung haben Sie?

Man kann da ganz auf Hahnemanns Spuren bleiben. Er hat die Hochpotenzen als geistartig wirksame Arzneien beschrieben.

Können sich Patienten mit Homöopathie selbst helfen?

Das kann man gelegentlich tun. Grundsätzlich ist die Selbsttherapie aber ein Problem. Das therapeutische Unternehmen braucht als notwendige Bedingung immer die Begegnung zwischen Patient und Arzt. Egal, welches Verfahren Sie wählen. Die Homöopathie legt großen Wert auf die Begegnung.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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