Homosexualität : Lesbisch oder schwul – in der Schule tabu

Bildungsbehörde stoppt ein Handbuch zur Homosexualität – und erntet Entrüstung

Tilmann Warnecke

Ein Streit um ein Lehrer-Handbuch zur Homosexualität erregt bundesweit Aufmerksamkeit. Das neue, konservativ geführte Schulministerium in Nordrhein-Westfalen hat die Broschüre in der vergangenen Woche aus der Schule genommen. Jetzt ist auch die Internet-Startseite der Online-Version gesperrt worden. Von „Zensur“ spricht der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands sieht die Rüttgers-Regierung in einem „neuen Kulturkampf gegen Schwule und Lesben“.

Auch im Ausland sorgt das Vorgehen Nordrhein-Westfalens für Irritation. Denn das Handbuch entstand in einem internationalen Projekt, für das die EU etwa 500000 Euro ausgegeben hat. Lehrer in Italien, Frankreich, Österreich und den Niederlanden verwenden es bereits. Doch nun kann niemand mehr auf die Online-Version zugreifen: Nordrhein-Westfalen, das noch unter der rot-grünen Vorgängerregierung das Handbuch initiierte, verwaltet die Webseite zentral für alle Teilnehmerstaaten. „Es ist völlig unüblich, dass ein Kooperationspartner im Alleingang etwas an einer gemeinsamen Webseite ändert“, sagt Wolfgang Wilhelm vom Wiener Magistrat auf Anfrage.

Ist der Vorfall etwa das erste Zeichen einer wertkonservativen Wende, die bei einer schwarz-gelben Regierungsübernahme in Berlin auch im Bund bevorsteht, wie einige Grüne befürchten? Oder müssen Lehrer ihre Schüler gar nicht mehr über das Thema Homosexualität aufklären? Schließlich regieren in Berlin und Hamburg schwule Bürgermeister, und Homosexualität scheint gesellschaftlich weitgehend akzeptiert zu sein. In jeder Nachmittagssoap kommen inzwischen eine junge Lesbe oder ein Schwuler vor – glücklich und anerkannt von den heterosexuellen Freunden.

Der Stein des Anstoßes, das Handbuch „Mit Vielfalt umgehen“, gilt als eines von 18 EU-Vorzeigeprojekten im Rahmen eines Aktionsprogramms zur Bekämpfung von Diskriminierung. Es gibt Lehrern Tipps, wie sie das Thema Homosexualität mit ihren Schülern behandeln können (siehe Kasten). Auf neun Themenkarten geht es um „Coming Out“, „Beziehungen“ oder „Verschiedene Lebensformen“. Eine 44-seitige Einleitung beantwortet mögliche Fragen von Lehrern. Erziehungswissenschaftler aus Italien, Frankreich, Österreich, den Niederlanden und Deutschland haben an der Broschüre mitgearbeitet.

Die NRW-Regierung hat jedoch Angst, das Buch könne missverstanden werden. So erklärte Oliver Mohr, der Sprecher von Schulministerin Barbara Sommer (CDU): Die Broschüre solle „nicht mehr unreflektiert“ verwendet werden, etwa, indem sie als „Werbung für bestimmte Lebensformen benutzt“ werde. „Wir dürfen unseren Kindern nicht das Gefühl geben, dass schwul oder lesbisch zu sein bald Pflicht wird“, sagte Mohr.

Umfragen und Studien verweisen jedoch darauf, dass im Gegenteil von zu vielen Heterosexualität als Pflicht betrachtet wird. Zwischen der sonnigen Wahrnehmung von Homosexualität in den Nachmittagssoaps und der Lebenswirklichkeit von jungen Schwulen und Lesben besteht ein großer Unterschied. Laut der jüngsten Shell-Jugendstudie fänden es 15 Prozent der jungen Deutschen nicht gut, wenn in ihrer Nachbarwohnung ein homosexuelles Paar wohnt. In einer Studie des niedersächsischen Sozialministeriums von 2002 heißt es: „Die Schule ist ein homophober Ort. In weniger als 20 Prozent der Fälle erleben Schüler, dass Lehrerinnen und Lehrer Schwule verteidigen, wenn sie zur Zielscheibe von Witzen und Verächtlichmachung werden.“

Die Folgen: Wenn den Jugendlichen bewusst wird, dass sie das eigene Geschlecht anziehender finden als das andere, „leiden die meisten an Einsamkeit und erheblichen Identitätsproblemen“, heißt es in der Studie aus Niedersachsen. Der Schritt in die Gewissheit, homosexuell zu sein, sei „heute mit dem gleichen Ausmaß an negativen Gefühlen wie Unsicherheit und Furcht verbunden wie vor 30 Jahren“. Nach einer Studie des Berliner Schulsenats aus dem Jahr 2001 hatten 18 Prozent der befragten jugendlichen Lesben und Schwulen mindestens einen Selbstmordversuch hinter sich.

Die Schulen in Deutschland würden die Nöte der jungen Leute bisher weitgehend ignorieren, sagt Thomas Hofsäss, Erziehungswissenschaftler an der Universität Leipzig: „Die sexuelle Identitätsbildung wird im Unterricht vernachlässigt. Schulen erfüllen an diesem Punkt ihren Bildungsauftrag nicht.“ Dass Sex mehr bedeutet als Fortpflanzung und Schutz vor Geschlechtskrankheiten, komme in kaum einer Stunde vor. Jugendliche würden lernen, wie sie einen Kondom über einen Holzpenis streifen – aber nicht, wie sie mit den eigenen Gefühlen und Wünschen und denen anderer umgehen. Ein Lücke, sagt Hofsäss, die nicht nur junge Homosexuelle, sondern auch heterosexuelle Teenager beklagen.

Womöglich möchten viele Lehrerinnen und Lehrer Homosexualität im Unterricht sogar besprechen – sind aber bei dem heiklen Thema verunsichert und nicht ausreichend mit Unterrichtsmaterial versorgt: Die Autoren des in Nordrhein-Westfalen zurückgezogenen Handbuches hatten zunächst 377 Lehrer und Sozialarbeiter befragt, wie sie ihren Bedarf an Materialien und didaktischen Methoden zum Thema Homosexualität einschätzen. 65 Prozent sagten, dass sie das Thema gerne behandeln würden, aber nicht wüssten wie. Neun von zehn gaben an, den eigenen Kenntnissen über Homosexualität nicht genügend zu vertrauen.

In mehreren Bundesländern, darunter Berlin und Nordrhein-Westfalen, schreibt der Rahmenplan zur Sexualerziehung zwar vor, dass Lehrer gleichgeschlechtliche Lebensformen in allen Unterrichtsstufen berücksichtigen sollen. In den Schulbüchern schlagen sich diese Richtlinien allerdings nicht nieder. Als der Berliner Pädagoge Martin Ganguly für seine Dissertation 84 Bio- und Sachkundebücher untersuchte, fand er nur in jedem siebten einen – oft krude formulierten – Absatz über Homosexualität: „Nur allmählich setzt sich eine humanere Einstellung gegenüber den Homosexuellen durch“, lesen Schüler etwa in einem Bio-Buch für die Sekundarstufe I.

Ganguly hat daraufhin das Lehrbuch „Ganz normal anders“ entwickelt. Darin empfiehlt er, Schwul- und Lesbischsein nicht als „exotisches Randthema“ zu behandeln. Viele Unterrichtseinheiten, seien es Märchen, Kennenlernen oder Familienformen, böten Gelegenheit, neben dem üblichen heterosexuellen Figureninventar der Arbeitsmaterialien auch Lesben und Schwule zu berücksichtigen.

Rückenwind für solche Konzepte kommt aus der Bundespolitik: In Mathe-Textaufgaben und Deutsch-Lesestücken sollen Homosexuelle genauso wie Alleinerziehende oder Patchworkfamilien vorkommen, fordert etwa Cornelia Pieper (FDP), die Vorsitzende des Bildungsausschusses des Bundestags. „Die Welt, in der Vater immer arbeiten geht, Mutter stets am Herd steht und Sohn oder Tochter daneben mit einer Katze spielen, ist doch realitätsfremd“, sagt Pieper.

Ganguly will deshalb schon Erstklässler mit dem Thema in Kontakt bringen: „Vorurteile werden früh festgelegt. Jüngere Schüler haben weniger Berührungsängste und sprechen unbefangener über ihre Klischeebilder“, sagt er. Bislang setzt vor allem der Humanistische Verband in Berlin sein Buch im Fach Lebenskunde ein, das insgesamt 37000 Kinder belegen. Ganguly hat beobachtet, dass Schüler viel lockerer mit Schwul- und Lesbischsein umgehen, wenn sie im Unterricht öfter über das Thema sprechen.

So denkt man auch im Wiener Magistrat und kann deshalb die Kritik aus Nordrhein-Westfalen an der EU-Broschüre nicht nachvollziehen. „Wissenschaftlich ist das Handbuch auf dem neuesten Stand“, sagt Wolfgang Wilhelm. In Österreich hätten Lehrer das Buch bisher einhellig gelobt. Selbst ein Seelsorger der Erzdiözese Wien habe das Buch für gut befunden. Die sozialdemokratische Wiener Stadträtin wolle die Broschüre demnächst auf einer großen Konferenz vorstellen, um Lehrer landesweit zu ermuntern, sie im Unterricht einzusetzen.

In NRW rudert die Regierung inzwischen zurück. Die Sperrung im Internet sei nur vorübergehend, sagt eine Sprecherin. Auch das Buch solle wieder vertrieben werden – mit einem Begleitschreiben. Es werde die Lehrer darauf hinweisen, „dass das Buch stark aus der Betroffenensicht“ geschrieben sei. Die Regierung stimme nicht in allen Punkten zu.

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