Gesundheit : Hormontherapie: Spätfolgen ungewiss (Gastkommentar)

Alexander S. Kekulé

Der Traum vom ewig jugendlichen Aussehen macht bisweilen blind für die Realität. Darauf fiel schon der scheinbar immer junge Dorian Gray herein, dessen wahres Alter nur ein verhextes Bild verriet. Die Hollywood-Hexen Meryl Streep und Goldie Hawn versuchten sogar zu beweisen, dass ihnen der Tod gut steht - wenn sie nur ausreichend mit Verjüngungs-Elixier versorgt werden.

Jetzt hat die Hoffnung, dem Alter ohne nennenswerte Gegenleistung ein paar Jahre entringen zu können, offenbar auch einen Berufsstand der Realität entrückt, der sonst nicht gerade dem fiktiven Genre zugerechnet wird: Die von deutschen Frauenärzten in großem Stil während und nach den Wechseljahren verordnete Hormontherapie ist, einer noch unveröffentlichten Studie zufolge, mindestens so gefährlich wie ein Hexentrunk. Um klimakterische Beschwerden zu mindern und Alterungsprozesse wie faltige Haut, Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bremsen, nimmt jede zweite Frau zwischen 50 und 60 Jahren Hormonpräparate. Ungeachtet des schon lange bekannten Krebs-Risikos haben sich die Verschreibungen in Deutschland von 1986 bis 1996 verzehnfacht - auf die gigantische Zahl von fast einer Milliarde Tagesdosen pro Jahr.

Die wundersame Verzögerung des Alterns wird durch Gabe von Östrogenen bewirkt, deren natürliche Produktion in den Eierstöcken mit den Wechseljahren deutlich nachlässt. Die hormonelle Stimulation der nicht mehr monatlich abgestoßenen Gebärmutter-Schleimhaut kann jedoch zu Krebs führen. Um das Risiko zu vermindern, werden die Östrogen-Präparate seit Mitte der 80er mit Gestagenen kombiniert, die der Stimulation der Gebärmutter-Schleimhaut entgegenwirken; zusätzlich kann durch Unterbrechungen der Hormongaben eine künstliche Regelblutung erzeugt werden.

Lange sah es so aus, als ob der Hormoncocktail das lange gesuchte Verjüngungs-Elixier ohne unerwünschten Hexenfluch wäre. Die Patientinnen waren glücklich, weil sie weniger Hitzewallungen, Knitterfalten und Depressionen hatten. Die Ärzte waren glücklich, weil sie glückliche Patientinnen hatten. Das Erwachen kam im Januar diesen Jahres: Gleich mehrere Studien belegten, dass die Hormon-Kombination zwar weniger Gebärmutterkrebs verursacht, dafür aber vermehrt Brustkrebs auslösen kann. Anders als in der Gebärmutter wirken Gestagene an der weiblichen Brustdrüse den Östrogenen nicht entgegen, sondern verstärken deren Stimulation der Zellteilung.

Was das für Deutschland bedeutet, hat Eberhard Greiser vom Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin jetzt in einer gemeinsam mit der AOK erstellten Studie berechnet: Von den 42000 Brustkrebs-Erkrankungen, die 1998 bei Frauen im Alter zwischen 40 und 79 auftraten, wurden knapp 5000 durch Hormonpräparate verursacht. Von den 8700 Karzinomen der Gebärmutterschleimhaut soll sogar jedes Dritte auf das Konto der chemischen Alterungsbremsen gehen. Die Gesellschaft für Gynäkologie und der Berufsverband der Frauenärzte sahen sich plötzlich dem Vorwurf ausgesetzt, insgesamt 8000 vermeidbare Krebserkrankungen pro Jahr zu verursachen - und reagierten mit Abwiegeln: Greiser habe seine Zahlen falsch berechnet, das geringe Krebsrisiko sei durch die Vermeidung von Knochenbrüchen und Herzinfarkten gerechtfertigt.

Der Frontalangriff gegen den engagierten Epidemiologen, der bereits vor Jahren mit einem Gutachten zur Häufung von Blutkrebs in der Nähe von Kernkraftwerken Unruhe stiftete, könnte sich als Bumerang herausstellen. Vergangene Woche bestätigte eine britische Studie die Zweifel an der Verminderung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch die Hormontherapie. Letzte Klarheit wird 2005 erwartet, wenn das Ergebnis einer dreißigjährigen Mammut-Studie an über 85 000 US-Krankenschwestern vorliegt. Ein gerade veröffentlichtes Zwischenergebnis dürfte den Frauenärzten zu denken geben: Gesunde Ernährung, Gewichtskontrolle, Bewegung und Verzicht auf Rauchen verhindern Herz-Kreislauf-Erkrankungen viel besser als Hormone.

Der Autor ist Technologieberater und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle.

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