Gesundheit : Hüter des Landes

Die älteste lebende Kultur: Das Wissen der australischen Aborigines wird neu entdeckt

Gerhard Leitner

Man sieht die australischen Aborigines streunend im Bett des ausgetrockneten Todd River in Alice Springs in der kühleren Abendsonne. Sie stehen vor den Pubs, Polizeisirenen heulen gelegentlich auf – meist eher zur Abschreckung als aus einem wirklichem Anlass. Aborigines scheinen eine problematische Randgruppe zu sein. Gleichzeitig schwärmen Besucher von Sehenswürdigkeiten wie Uluru, schwärmen vom „schwarzen“ Touristenführer, der ihnen Insiderwissen bot. Auch das Kunstgewerbe, die Rinden- und Punktmalerei wie die Didgeridoomusik locken Touristen. Nicht immer sind die Aborigines also ausgegrenzt.

In einer Galerie am Rande von Perth bedient eine weiße junge Frau. Erst als sie den „Boss“ erwähnt, die alles besser erklären könne, weiß man, dass sie gemischtrassig ist. Die Großmutter war von einem Weißen vergewaltigt, die Mutter der Familie als Kind geraubt worden, um sie zu assimilieren. Als die junge Frau von ihrer Abstammung erfahren hat, lernte sie die Sprache ihrer Familie und widmete sich ihrer Kultur. Sie suchte und fand ihre Identität.

Die Aborigines sind, nach Meinung der Experten, eine der bekanntesten, aber auch eine der am wenigsten verstandenen Minderheiten. Der Zugang zu ihnen ist schwer, und Romane wie Marlo Morgans „Traumfänger“ halten den erfahrbaren Bildern kaum stand. Wenn man von dem dort entworfenen Bild des edlen Wilden einmal absieht, durchziehen zwei Klischees die Wahrnehmung der Aborigines. Das eine ist, dass ihre Kultur im Vergleich mit der des Westens und auch des Ostens primitiv sei; das andere ist, dass es nur eine einzige Aborigine-Kultur gäbe.

Begriffe wie Traumzeit wecken Assoziationen an das Gute, das Friedliche im Menschen. Dass die Traumzeit in der Form von Geschichten eine abstrakte Mythologie, ja einen Verhaltenskodex darstellt, ist schwer verständlich, zumal die Geschichten heilig und zugleich geheim, Fremden unzugänglich sind. Wer ein Bild in einer Galerie erwirbt, legt Wert darauf, die „Geschichte“ als Zeichen der Authentizität zu erfahren. Aber er erfährt nur das, was zugänglich gemacht werden kann, nicht die volle, oft komplizierte Geschichte.

Auch in den traditionellen Stämmen und den Strukturen, die noch existieren, ist das Wissen geteilt. Niemand hat das gesamte Wissen – oder ein Recht darauf. Das schafft Probleme. Als die südaustralische Regierung vor einigen Jahren eine Brücke bauen wollte, wurde behauptet, das Projekt entheilige einen wichtigen topografischen Ort und verletze das Gesetz, das Konsultationen vorschreibe. Das Wissen über den Ort sei geheim, es sei „das Wissen der Frauen“ – „women’s business“. Die Aufregung war groß, denn die Behauptung war unüberprüfbar. Die Brücke wurde letztlich gebaut.

Die Geschichten erzählen oft die Entstehungsgeschichte eines Landstriches, zeigen das Handeln der Schöpfungsgeister und die mythologische Bedeutung, die damit verbunden ist. Geschichten verketten sich zu Traumpfaden, die das Handeln der gleichen Schöpfungsgeister teilen. Sie haben jedoch lokale Varianten, die die Schöpfung aneinander grenzender Landstriche, ihre Eigenheiten, ihre Sprachen zum Inhalt haben. Die Pfade verbinden die Stämme miteinander, aber jeder hat seine verkürzte, örtliche Geschichte. Eine „wahre“ Version gibt es nicht. In diesem Sinne bilden die Aborigines eine Wissensgesellschaft, wobei der Zugang zum Wissen sozial geregelt ist.

Die Traumzeitgeschichten verbinden also Stämme und Einzelne auf unauflösliche Weise mit ihrem Land und seiner Sprache. Sie sind nicht Besitzer, sondern Statthalter. Man versteht heute, was Aborigines meinen, wenn sie sagen: „Unsere Aufgabe ist es, das Land zu pflegen.“ Andere typische Aussagen: „Wir sind im Wüstensand geboren, wir sind mit dem Sand“ oder „Das Land hält das Recht der Familie; es diktiert nicht, es leitet die Familie, da sie weiß, was das Land für die Familie bedeutet.“

Wenn man dieses Denken mit Religion vergleicht, erweist sie sich als eine gottlose, geosophische Religion. Die Landschaft enthält, für alle offensichtlich, die Zeichen. Es gibt Verbindungen mit dem Christentum im Alltag, aber die Spannungen mit den Inhalten der Traumzeit sind so gravierend, dass Experten sie für unvereinbar halten. Dennoch: Wie in Nordamerika oder Afrika ist das Christentum offen genug für eine Brücke, und zahlreiche Aktivisten der Aborigines berufen sich auf diese Verbindung.

Die Abstraktheit des Glaubens wurde im Zuge der Kolonisation anfangs nicht erkannt, später ignoriert. So traf eine an Landstriche gebundene, auf Bewahrung ausgerichtete Gesellschaft auf eine, deren Ziel die Ausbeutung von Land war, das man beliebig erwerben und wieder veräußern konnte. Die Aborigines hatten keine Chance. Im Geiste des Sozialdarwinismus galten sie zu Ende des 19. Jahrhunderts als nicht schützenswerte Wesen. Es konnte schon als positiv gelten, wenn man die „Mischlinge“ dadurch schützte, dass man sie zwangsassimilierte. Die „Reinrassigen“ wurden in Missionen „kaserniert“, und es wurde darauf geachtet, dass eine „Vermehrung“ nicht stattfand.

Der Vorwurf des Völkermordes wird heute heftig diskutiert; auch das Oberste Gericht wird darüber zu befinden haben.

Anfang 2005 las man von anhaltenden Krawallen auf Palm Island, einer Townsville vorgelagerten Insel. Auslöser war der Tod eines Mannes, der grundlos verhaftet worden war und unter mysteriösen Umständen starb. Polizei und Justiz taten alles, um die Aufklärung zu verhindern. Polizeiwillkür, Todesfälle und Selbstmorde in der Haft sind weit verbreitet. Kindesmissbrauch, Alkoholismus, Krankheiten, Schulversagen, ja die Verweigerung von Erziehung charakterisieren die Lage in vielen Gemeinden. Eine Jugend ohne Zukunft – eine „Vierte Welt“ im wohlhabenden Australien. Sozialprogramme, der Null-Toleranz-Ansatz und auch Selbstverwaltung der Aborigines brachten kaum Besserung. Sie machten die Sache oft noch schlimmer, da sie eine verlockende Abhängigkeit von der Sozialhilfe schufen.

Die Einsicht, dass die Zerstörung der Sozialstrukturen in der über 200-jährigen „weißen“ Geschichte für dieses Scheitern mitverantwortlich sein könnte, hat zum Aufleben traditioneller Strukturen geführt. Das indigene Recht, das auf dem Prinzip des „payback“, der unmittelbaren Bestrafung, beruht, wird heute teils anerkannt. Ein Kreis der Ältesten und Mitglieder der Gemeinschaft besprechen mit dem Täter den Sachverhalt, die Art und Strenge der Bestrafung.

Aborigines kommunizieren anders als Weiße. Und das führt vor allem bei Gericht zu Nachteilen für die beschuldigten Aborigines. Um diesen Nachteil zu beheben, gibt es nun spezielle Programme und Handbücher für Richter und Anwälte. Aborigines erziehen die Kinder anders. Da das nicht anerkannt wird, ist Schulversagen nicht ganz überraschend.

Die Erziehungspolitik wird nun teils in die Hände der Gemeinden zurückverlegt. Oft sind es solche kleine Änderungen, die Erfolg bringen. Wenn die Schulzeit in den kühleren Abend verlegt wird, sind Jugendliche oft aufnahmefähiger. Es gibt so genannte „Zwei-Wege“ (two- way)-Programme, durch die Jugendliche die Muster der Gesamtgesellschaft und die ihrer Gemeinde lernen. Und es zeigen sich Erfolge. In den meist kirchlichen Internatsschulen werden Hunderte von Aborigines unterrichtet.

Eine der faszinierenden Erfolgsgeschichten ist die moderne Malerei, von der die Punktmalerei am bekanntesten ist. Die Malerei steht in der religiös begründeten Tradition, transformiert sie und hat eine internationale Wirkung erzielt. Werke von Dorothy Napangardi wurden vom Londoner Auktionshaus Sotheby’s vor kurzem für über 100 000 Euro versteigert. Aborigine-Gemälde finden sich weltweit in Museen moderner Malerei.

Von den kunstgewerblichen Vorläufern am Ende des 19. Jahrhunderts einmal abgesehen, begann die moderne Malerei in den 1930er Jahren, als Ethnologen und Missionare einige Aborigines, wie Albert Namatjira, dazu bewegen konnten, mit Acryl zu malen. In den 1960er Jahren kam es zu regelrechten Malschulen in Zentralaustralien, wie in Papunya und Yuendumu. In den Städten entwickelten sich Stilrichtungen, die für moderne Themen und neue Techniken eher offen waren.

Die Malerei ist die bekannteste, aber nicht die einzige Erfolgsgeschichte. Musik – anfangs im Stile amerikanischer Folk music –, das Musical, Theater, Prosa und Lyrik oder dokumentarische Abhandlungen der Lebensgeschichten Einzelner – all das zeigt die Vitalität und Kreativität der Aborigines heute. Wirtschaftlich erfolgreich sind der Tourismus, der Kunstvertrieb und das interkulturelle Management im Kontext des Bergbaus.

Völkerkundemuseen erfreuen noch heute Kinder mit Körnern und Samen verschiedener Pflanzen, um ihnen die Nahrungsmittel der Aborigines nahe zu bringen. Eine der Ältesten eines Stammes in Südaustralien sagt: „Wir hatten alles.“ Und meint: Kängurus, Emus, Warane oder Schlangen, im Wechsel der Jahreszeiten. Ernährungswissenschaftler haben in der Tat bestätigt, dass die Diät der Aborigines keineswegs eine primitive, sondern eine sehr viel reich- und vitaminhaltigere war, als gemeinhin angenommen wird.

Um dieses Wissen vor dem Verlust zu bewahren, werden die Erinnerungen noch lebender Ältester aufgezeichnet und getestet. Auch eine Nouvelle cuisine in Australien, den USA und Europa hat deren Wert erkannt. Pflanzliche Nahrungsmittel werden verfeinert zu Gewürzen und Beilagen. Buschblüten werden zu Medizin und von Naturheilpraktikern verwendet. Ein Element der Esoterik sei zwar dabei, sagen Experten, aber die Zahl der Ärzte, die diese Medizin nutzt, ist beachtlich. Die pflegerische Einstellung dem Land gegenüber und das Wissen der Aborigines über das Land führte schon vor Jahrzehnten zu einer Verbindung mit den deutschen und europäischen Grünen, die noch heute weiter besteht.

Das Wissen der Aborigines über ihre Lebenswelt wird ernst genommen, darauf überprüft, inwieweit es „uns“ nützlich sein kann. Und so gewinnt der Dialog mit den Aborigines eine neue Qualität, die nicht immer wahrgenommen wird.

Sicherlich sind die Aborigines noch immer eine Randgruppe, aber dem informierten Beobachter wird der Wandel, das Aufblühen traditioneller Kulturformen in neuem Gewand, nicht verborgen bleiben. Sie sind mit anderen Minderheiten wie der nordamerikanischen indigenen Bevölkerung durchaus vergleichbar.

Der Autor ist Professor am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin. Gerhard Leitners Buch „Die Aborigines Australiens“ ist soeben im C. H. Beck Verlag erschienen (126 Seiten, 7, 90 Euro).

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