Humanitäre Hilfe : Berliner für die Dritte Welt

Seit 25 Jahren engagieren sich Mediziner aus der Hauptstadt in einer Hilfsorganisation für Asien, Afrika und Südamerika. Sechs Ärzte erzählen, was sie auf ihren Einsätzen in Slums und im Urwald erlebt und bewirkt haben

Jan Oberländer

INGE BERGMANN, 68,

INTERNISTIN

Wie andere die Natur lieben, so liebe ich die Menschen. Deshalb macht mir die Arbeit mit den „Ärzten für die Dritte Welt“ (Ä3W) auch besonderen Spaß. Wir helfen den Menschen ein Stück weiter. Ich kenne die Projekte auf den Philippinen und in Kenia. In Nairobi war ich dieses Jahr mit Kollegen auf einem Außeneinsatz im Elendsviertel Mathare Valley. Wir haben auf der Straße zwei Tische und zwei Bänke aufgebaut und gemeinsam mit den lokalen Mitarbeitern eine Sprechstunde abgehalten. So mussten die Mütter mit ihren Kindern nicht den Weg bis in unser Gesundheitszentrum machen. Ein Kilometer Entfernung ist für sie schon zu weit – mit meist einem Baby auf dem Arm, einem Kleinen am Rock und drei, vier weiteren wie die Orgelpfeifen. In der ganzen Gruppe war ein einziger Vater mit seinen Kindern. Der wurde von allen bewundert, weil das die absolute Ausnahme ist.

Die Leute standen in langer Schlange an, geduldig, wie sie alle dort sind. Es war sehr anstrengend: laut, heiß, staubig, alle redeten durcheinander. Aber andererseits ist da auch immer eine sehr große Freundlichkeit. So hielt uns jemand in der großen Hitze einen zerrissenen Regenschirm über den Kopf, um uns vor der Sonne zu schützen. Ich sage immer: Mindestens 50 Prozent von dem, was man auf einem Einsatz gibt, kriegt man wieder zurück. An Zuwendung, an Liebe, an Herzlichkeit. Für mein Wohlbefinden ist das ein Labsal.

HENDRIK GANDERT, 35,

ANÄSTHESIST

Kein Witz: Ich habe schon als Junge davon geträumt, mit einem Konvoi durch den Dschungel zu fahren und in Dritte-Welt-Ländern zu helfen. Dieses Frühjahr war ich mit den Ä3W im bergigen Hinterland der philippinischen Insel Mindanao unterwegs. Wir waren zu viert: ein Arzt, ein Fahrer, zwei Pflegekräfte – und acht bis zehn Pferde, die je weils zwei 100 Kilo schwere Aluminiumkisten mit Medikamenten und Verbandszeug trugen. Dazu kam unsere Verpflegung, Reis und Dosenfleisch, Campingkocher und Moskitonetze. Wir haben jeden Tag ein anderes Dorf besucht. Es gibt dort nirgends Strom, alles war abhängig vom Tageslicht, ab 18 Uhr wurde es dunkel. In zwei Dörfern hatten wir sehr viele Patienten, 170 am Tag. Da haben wir abends im Licht von Stirnlampen und Kerzen praktiziert.

Die Siedlungen auf dieser Route wurden schon ein halbes Jahr nicht mehr versorgt, weil die „Rolling Clinic“-Busse nicht durchkommen und es nicht einfach ist, Leute für die Pferdetour zu finden. Wenn der Arzt dann einmal da ist, lässt das ganze Dorf sich angucken. Nicht jeder ist krank, aber alle wollen gesehen werden, das braucht Zeit. Ein Säugling, vier Monate alt, hatte am ganzen Körper Eitergeschwülste. Er war sehr schwach, und ich war nicht sicher, ob ich es schaffen würde, ihn zu stabilisieren. Da steht dann das ganze Dorf um einen herum und schaut zu, wie man einen venösen Zugang legt. Aber die Antibiotika haben angeschlagen, wir konnten den Kleinen und seine Mutter mit ins Krankenhaus nehmen. Wir haben einen ganzen Tag für den Rückweg gebraucht.

HENNING HONECKER, 66,

ALLGEMEINMEDIZINER

Ich war bisher zehn Mal mit den Ä3W im Einsatz. Gerade bin ich aus Mindanao zurückgekommen, dort habe ich in einem unserer Krankenhausprojekte eine erkrankte Kollegin vertreten. Eigentlich wollte ich Urlaub machen, aber dann dachte ich: Ich habe alle Sinne zusammen, ich kann helfen – also bin ich gefahren. Gleich am ersten Tag gab es drei Geburten. Für mich war das ungemein aufregend, weil ich als Arzt in der Geriatrie hauptsächlich mit älteren Menschen zu tun gehabt habe. Ich hatte in meinem Leben erst eine einzige Geburt gesehen, und das war in der Ausbildung. Und jetzt waren es drei am ersten und eine am zweiten Tag! Ein Kind kam mit Sauerstoffmangel zur Welt und krampfte, wir mussten es ins nächste Krankenhaus fahren, zwei Stunden entfernt. Das Mädchen kam nach drei Tagen zurück und war gerettet – das war etwas Wunderschönes.

In der Dritten Welt leiden hauptsächlich die Kinder. Sie sind chronisch verwurmt, unterernährt und aufgedunsen vom Eiweißmangel. Viele sind so apathisch, dass sie erst einmal gar nichts essen können. Es ist aber erstaunlich, wie schnell sie dann zugreifen. Die Kinder gedeihen richtig, wie eine vertrocknete Pflanze, der man Wasser gibt. Nach zwei Wochen können wir sie meist wieder entlassen. Wir geben ihnen Vitamin A, Zink und Eisen mit, zur Stärkung der Abwehrkräfte. Nur leider kann man an der Armut wenig ändern. Wenn man den Müttern empfiehlt, dass sie ihren Kindern Eier geben sollen, und sie haben kein Geld, um welche zu kaufen – dann ist das schwierig.

JANE MÜLLER, 33,

INTERNISTIN

2006 habe ich in Ciudad Sandino, einer Satellitenstadt von Managua gearbeitet. Dieses nicaraguanische barrio ist arm, aber kein Slum, es gibt Elektrizität und fließend Wasser. Wir haben dort eine kleine Ambulanz mit Labor und Ultraschall. Röntgenuntersuchungen können in einer anderen Klinik gemacht werden. Morgens hatten wir in unserer Einrichtung Sprechstunde, nachmittags fuhren wir in einem Kleinbus in andere Viertel. Manche Leute da gehen ansonsten einfach nicht zum Arzt, weil es zu weit ist, außerdem ist es zu teuer. Bei uns médicos alemanes zahlen die Leute nur einen ideellen Beitrag von etwa 25 Cent. Die Medikamente sind aber umsonst. Das Erschreckende in den Armenvierteln ist die völlig unzureichende Gesundheitsbildung. Die Menschen essen wahnsinnig viel Zucker, Reis und Bohnen, aber kaum Vitamine. Sie trinken zu wenig, die Frauen haben oft Blasenentzündungen, die Kinder Würmer und bronchiale Infekte. Aber trotz ihrer Armut sind die Leute sehr herzlich und gastfreundlich, sie vertrauen uns auch. Wir sehen die Patienten ja über einen längeren Zeitraum, wie Hausärzte. Trotzdem fand ich es schwer, hier das Bewusstsein zu ändern.

LARS REIBETANZ, 31,

ALLGEMEINMEDIZINER

Seit Mai weiß ich, wohin mein erster Einsatz geht. Am 11. September fliege ich nach Mindanao. Die politische Situation zwischen der Regierung und muslimischen Rebellen dort ist momentan zwar gespannt, aber ich vertraue unseren Koordinatoren vor Ort. Im Juli habe ich ein Vorbereitungsseminar in Frankfurt am Main besucht, außerdem ist eine Informationsmappe durchzuackern. Es gibt ein englischsprachiges Standardwerk, das „Blue Book“ der Ä3W. Hierin werden die gängigsten Krankheiten und ihre Behandlung mit den Möglichkeiten, die man vor Ort hat, beschrieben. Auf Mindanao hat man nicht immer das Labor dabei, sondern muss sich auf seine fünf Sinne verlassen und improvisieren.

Von meinem Einsatz erwarte ich mir eine neue Erfahrung. Und ein Arbeiten ohne die Bürokratie, die uns hier in Deutschland umgibt. Ich bin viel mit dem Rucksack durch Asien gereist. Aus dem Eindruck, den ich über die Lebensverhältnisse der Menschen dort gewonnen habe, kam die Motivation, etwas zurückzugeben. Wenn man überlegt, wie gut es einem eigentlich geht, geht das sicher vielen Menschen so. Die sechswöchigen Einsätze, wie die Ä3W sie anbieten, lassen sich für mich als freiberuflicher Notarzt relativ leicht bewerkstelligen. Und sie sind eine gute Gelegenheit, in die humanitäre Hilfsarbeit reinzuschnuppern.

DIETRICH RUTZ, 67,

GYNÄKOLOGE

Das Hilfsprojekt in Nairobi, an dem ich bisher drei Mal teilgenommen habe, versorgt den Slum Mathare Valley mit seinen 200 000 Einwohnern. Unser Zentrum heißt „Baraka“, das ist Suaheli für „Segen“. Die Patienten bekommen hier kostenlose Behandlung und Medikamente. Die Ausstattung ist gut, es gibt ein eigenes Labor für Aidstests, aber auch für Untersuchungen auf Diabetes oder Malaria. Einmal pro Woche macht das Team Hausbesuche im Slum – gemeinsam mit lokalen Mitarbeitern, alleine können wir uns dort aus Sicherheitsgründen nicht bewegen. Aber manche Patienten finden nicht den Weg in unsere Ambulanz, und wir wollen an ihnen dranbleiben, um sie nicht zu verlieren.

Am wichtigsten auf unseren Einsätzen ist die Aufklärung. Ich habe den Eindruck, dass die Einstellung der Leute zu HIV schon eine andere geworden ist. Früher wurde das Ergebnis negiert und weggeschoben, Aids war ein Stigma. Mittlerweile aber gibt es Selbsthilfegruppen im Viertel, und nach einem positiven Test begeben sich die Leute sofort in unser spezielles HIV-Zentrum, wo sie von lokalen medical officers im Umgang mit ihrer Krankheit geschult und medikamentös behandelt werden. Die politische Situation in Kenia ist nach den Wahlen im Januar kritisch gewesen, wir hatten uns zwei Wochen lang aus dem Slum zurückgezogen. Mittlerweile hat sich die Lage wieder beruhigt, die Ethnien haben sich neu verteilt. Als wir unsere Arbeit wieder aufnahmen, wurde das von der Bevölkerung als starkes positives Zeichen aufgenommen: dafür, dass es weitergeht.

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